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23.07.2022

11:00

Neuwahlen

Giorgia Meloni ist die neue Hoffnung der Italienischen Rechten

Von: Christian Wermke

Die 45-Jährige liegt bei den Umfragen vorn und könnte Mario Draghi beerben. Rassismus, Konservatismus und Nationalstolz zeichnen ihre Partei „Fratelli d’Italia“ aus.

Die Parteichefin liegt mit ihren „Fratelli d’Italia“ derzeit in den Umfragen vorn. dpa

Giorgia Meloni

Die Parteichefin liegt mit ihren „Fratelli d’Italia“ derzeit in den Umfragen vorn.

Rom Giorgia Meloni teilt gerade ein Video auf all ihren Kanälen: „Unterschätzt uns nicht“, sagt die italienische Politikerin darin. „Wir sind Blut, Fleisch, Leidenschaft.“ Die Vergangenheit, die es für die Zukunft brauche. „Wenn wir nicht mehr da sind, werden unsere Kinder da sein. Und wenn unsere Kinder nicht mehr da sind, werden unsere Enkel da sein.“ Diese Geschichte – sie ende nie.

Vor erst fünf Jahren war die Partei „Fratelli d’Italia“ unter ihrer Vorsitzenden Meloni noch politisches Niemandsland, holte wenig später bei der Parlamentswahl gerade mal vier Prozent der Stimmen. Heute führt sie die Umfragen an – und Meloni könnte nach dem Rücktritt von Mario Draghi die erste Ministerpräsidentin in der italienischen Geschichte werden.

Wer ist die 45-Jährige, die möglicherweise bald die Politik in Europas drittgrößter Volkswirtschaft bestimmt? Und wie radikal ist die postfaschistische Partei, die Meloni selbst mit aufgebaut hat?

Draghi nutzte keine sozialen Netzwerke, gab auch kaum Interviews in den vergangenen anderthalb Jahren. Mit Meloni würde nach den vorgezogenen Neuwahlen Ende September ein ganz anderer Stil in den Palazzo Chigi einziehen, den Amtssitz des Premiers. Ihre 1,2 Millionen Follower bei Twitter hält sie täglich auf dem Laufenden. „Diese Nation muss dringend ihr Gewissen, ihren Stolz und ihre Freiheit wiedererlangen“, postete Meloni am Tag von Draghis Rücktritt.

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    Ihre Beiträge sind verpackt wie für eine Boulevardzeitung: fette Überschriften, schriller Sound. Bei Instagram (knapp eine Million Follower) zeigt sie sich auch mal beim Blutspenden oder mit Kaninchen auf dem Arm. Vor zwei Jahren ließ sie sich für eine Zeitschrift im grün-weiß-roten Badeanzug ablichten – den Nationalfarben.

    Gegen Einwanderung, Homosexualität und Europa

    Ihr politisches Programm ist vor allem eines der Ausgrenzung: Sie hetzt gegen den Islam, der für sie nicht zu Europa dazugehört. Sie kämpft für das klassische Familienbild – und ist gegen Abtreibung, Homosexuelle und die Genderbewegung. Auch Einwanderung sieht sie kritisch, vor allem die aus Afrika. Sie ist gegen die weitere Vertiefung der EU – und propagiert lieber das „Europa der Patrioten“.

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    Rassismus, Konservatismus und Nationalstolz. Es sind diese drei Säulen, auf denen Meloni ihre Partei aufgebaut hat. Und von denen sie nicht abrückt – ihre Anhänger lieben sie vor allem für dieses Geradlinigkeit.

    Meloni wuchs in Rom in bescheidenen Verhältnissen auf, ihre Mutter war alleinerziehend. Bereits als 15-Jährige tritt sie der „Jugendfront“ bei, der Jugendorganisation der Italienischen Sozialbewegung – einer neofaschistischen Partei. Später engagierte sie sich in der Nachfolgepartei „Nationale Allianz“, für die sie ab 1998 im Provinzrat von Rom saß. Noch heute ziert das Symbol der Neofaschisten, eine Flamme in den Nationalfarben, auch das Logo von Melonis Partei.

    Außerhalb der Politik hat sie nicht viel gearbeitet: Mit 19 Jahren schloss sie eine Sprachenausbildung ab, sie selbst bezeichnet sich auf ihrer Homepage als Journalistin. Nebenbei jobbte sie als Babysitterin, Kellnerin oder Barfrau, wie sie einmal in einem Interview erzählte.

    Lesen Sie hier mehr zur Regierungskrise in Italien

    2006 wurde sie zum ersten Mal in die Abgeordnetenkammer des Parlaments gewählt. Unter Silvio Berlusconi wurde sie 2008 Sport- und Jugendministerin – damals die jüngste Frau mit einem Kabinettsposten. Drei Jahre blieb sie, mit Berlusconis Führungsstil haderte sie aber zunehmend. Ende 2012 gründete sie gemeinsam mit anderen Mitstreitern die „Fratelli d’Italia“. Seit 2014 ist sie Parteichefin.

    Während der Zeit von Draghis breiter „Koalition der nationalen Einheit“ war Meloni Oppositionsführerin, ihre Partei die einzige große Oppositionskraft. Meloni konnte mit Leichtigkeit all die Rechten hinter sich versammeln, die mit der Regierung unzufrieden waren – denn Lega und Berlusconis Forza Italia waren bis zuletzt Teil der Koalition. Bis vor ein paar Jahren galt Lega-Chef Matteo Salvini noch als Anführer des rechten Lagers. Das hat sich nun zugunsten Melonis gedreht.

    Mussolini-Enkel kandidierten für die Partei

    Ihr Umgang mit dem Faschismus ist ambivalent: Sie selbst würde niemals mit Hitlergruß auf die Bühne gehen. Dass der gestreckte rechte Arm bei ihren Aufritten hin und wieder im Publikum zu sehen ist, nimmt sie hin. Sie machen zwar nicht den Kern der Partei aus, aber es gibt die Faschismus-Nostalgiker, die die Zeit unter Benito Mussolini verklären. Immer wieder kandidierten bei den „Fratelli d’Italia“ Enkel und Urenkel des „Duce“, der Italien von 1922 bis 1943 anführte und mit Adolf Hitler paktierte.

    Sie habe ein „unbeschwertes Verhältnis zum Faschismus“, erklärte Meloni einmal. Sie inszeniert sich selbst lieber als Demokratin und emanzipierte Frau, die sich in der männerdominierten Politik durchgeschlagen hat. Für „Rassisten, Antisemiten und Neonazis“ gebe es in ihrer Partei keinen Platz, erklärte sie jüngst.

    Ob nach Draghi, dem Reformer, Pragmatiker und Proeuropäer nun tatsächlich eine Nationalistin und Euro-Kritikerin an die Macht kommt, ist noch lange nicht entschieden. Der Wahlkampf in Italien hat gerade erst begonnen. In der jüngsten Umfrage liegt Melonis Partei bei 22 Prozent der Stimmen. Hauchdünn dahinter kommt die sozialdemokratische PD, die Draghi bis zuletzt unterstützt hat.

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