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28.06.2022

16:17

New Space

Machtkampf im All: Satelliten-Internet soll „strategisches Instrument“ der EU werden

Von: Moritz Koch

Satellitengestütztes Internet spielt im Abwehrkampf der Ukrainer eine Schlüsselrolle. Europa hat bisher kein eigenes Angebot. Das soll sich rasch ändern – auch mithilfe deutscher Start-ups.

Ein Kommunikationssatellit wird ins Weltall geschickt. IMAGO/UPI Photo

SpaceX-Rakete

Ein Kommunikationssatellit wird ins Weltall geschickt.

Brüssel Mehrfachraketenwerfer, Luftabwehrsysteme, Panzerhaubitzen – die Debatte um die Unterstützung für die Ukraine kreist zumeist um schwere Waffen. Eine der wichtigsten Hilfeleistungen, die Kiew im Verteidigungskrieg gegen Russland erhalten hat, wird dagegen nur selten erwähnt: sichere Internetverbindungen. Dabei spielen sie eine Schlüsselrolle bei den Bemühungen, die russische Invasionsarmee zurückzudrängen.

Es war der US-Milliardär Elon Musk, der den Ukrainern zu Beginn des Kriegs die Dienste seines Satellitennetzwerks Starlink zur Verfügung stellte. Der Internetservice aus dem All erlaubt es ukrainischen Soldaten, auch an den entlegensten Abschnitten der Front mit ihren Kommandeuren Kontakt zu halten und Zieldaten für den Artilleriebeschuss auszutauschen. Versuche der Russen, das Starlink-Signal zu stören, sind bisher gescheitert. Der amerikanische Militärexperte Trent Telenko nennt den Ukrainekrieg den „ersten Starlink-Krieg“.

Europa hatte der Ukraine nichts Vergleichbares anzubieten, auch das gehört zu den Erkenntnissen der vergangenen Monate. Doch zumindest einen Plan, das zu ändern, gibt es.

Schon vor Kriegsbeginn hat EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton den Aufbau eines eigenen europäischen Weltall-Internets vorgeschlagen: „Secure Connectivity Initiative“ lautet der Arbeitstitel. Über die Details wurde zwischen den Mitgliedstaaten wochenlang gerungen. 

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    Nun zeichnet sich ein Kompromiss ab, der Europas technologische Souveränität entscheidend voranbringen könnte: Demnach soll ein erheblicher Teil des Auftragsvolumen an „New Space“-Firmen vergeben werden, gemeint sind Start-ups, die den Raumfahrtsektor mit innovativen Konzepten aufmischen wollen. Ihr Anteil solle „maximiert“ werden, heißt es in dem aktuellen Vorschlag der französischen Ratspräsidentschaft. Das Papier liegt dem Handelsblatt vor.

    Brüssel plant „Mega-Konstellation“

    Konkret bedeutet das, dass bei Aufträgen und Ausschreibungen mit einem Wert von mehr als zehn Millionen Euro der öffentliche Auftraggeber sicherstellen muss, dass mindestens 30 Prozent an kleine und mittelständische Unternehmen beziehungsweise Start-ups gehen. Das ist vor allem für Deutschland wichtig, gerade im Raum München sind zuletzt vielversprechende junge Raumfahrtunternehmen entstanden.

    US-Milliardär Elon Musk stellte den Ukrainern zu Beginn des Kriegs die Dienste seines Satellitennetzwerks Starlink zur Verfügung. Reuters

    Elon Musk

    US-Milliardär Elon Musk stellte den Ukrainern zu Beginn des Kriegs die Dienste seines Satellitennetzwerks Starlink zur Verfügung.

    Die „Secure Connectivity Initiative“ soll Europa mit Internet versorgen, abhörsichere Kommunikation dank Quantenverschlüsselung ermöglichen und sich auch militärisch nutzen lassen. Um all das zu realisieren, plant Brüssel, was in der Raumfahrt als „Mega-Konstellation“ bezeichnet wird – ein Netzwerk von Hunderten, gar Tausenden Satelliten, die in den niedrigen und mittleren Orbit geschossen werden sollen. Insgesamt sechs Milliarden Euro soll das Vorhaben kosten. Die ersten Angebote sollen schon 2025 in Betrieb gehen.

    Judith Gerlach, die bayerische Digitalministerin, sagte dem Handelsblatt: „Europa braucht unabhängige Kommunikation.“ Es könne nicht der Anspruch sein, im Ernstfall auf einen Privatanbieter aus den USA angewiesen zu sein. „Wir müssen unsere Kräfte in ganz Europa bündeln – und sicherstellen, dass deutsche und bayerische Unternehmen mitberücksichtigt werden.“

    Bis zuletzt hatten die Deutschen den Verdacht gehegt, dass Breton bei dem Satellitenprogramm vor allem Anbieter aus seiner Heimat Frankreich mit Aufträgen versorgen sollte. Die Luft- und Raumfahrt ist traditionell Spielfeld der französischen Industriepolitik. Der Raketenbauer Ariane Group und der Satellitenhersteller Thales Alenia Space verfügen über beste Kontakte zu den politischen Entscheidungsträgern in Paris und Brüssel.

    Dass die französische Ratspräsidentschaft die Initiative vorantrieb, verstärkte den Argwohn noch. Gemeinsam mit Italien verschickte die Bundesregierung vor ein paar Wochen ein Positionspapier an die EU-Mitglieder, in dem sie die Bedeutung kleiner und mittlerer Unternehmen für den Raumfahrtsektor hervorhob.

    Schon vor Kriegsbeginn hat der EU-Binnenmarktkommissar den Aufbau eines eigenen europäischen Weltall-Internets vorgeschlagen. IMAGO/Future Image

    Thierry Breton

    Schon vor Kriegsbeginn hat der EU-Binnenmarktkommissar den Aufbau eines eigenen europäischen Weltall-Internets vorgeschlagen.

    Aus Bretons Umfeld heißt es, die Beteiligung von Start-ups sei von Anfang an geplant gewesen. Der Verdacht, der Kommissar wolle französische Anbieter bevorteilen, wird empört zurückgewiesen. Nun ist der Streit weitgehend ausgeräumt. Die Beteiligung von Start-ups und Mittelständlern soll gesetzlich festgeschrieben werden. 

    Internet soll auch Afrika abdecken

    Die Kommission zeigt sich erleichtert. „Unser Ziel ist es, bis Ende des Jahres eine endgültige Einigung zu erzielen, damit wir so bald wie möglich damit beginnen können, Satelliten in die Umlaufbahn zu schicken“, sagt ein hochrangiger Beamter. „Es gibt keine Zeit zu verlieren. Der Krieg in der Ukraine zeigt, wie wichtig Konnektivität mit niedrigen Verzögerungszeiten aus dem Weltraum ist. Europa darf bei einer solchen strategischen Technologie nicht abhängig sein.“ Die Satellitenkonstellation sei ein „starkes geopolitisches Instrument“. 

    Das Internet aus dem All soll so angelegt werden, dass es nicht nur ganz Europa abdeckt, sondern auch Afrika. Damit will sich die EU dem wachsenden Einfluss Chinas in der Region entgegenstemmen.

    Auch den europäischen Bürgern soll das Projekt große Vorteile bieten. Es würde auch entlegene Regionen mit Breitband-Internet versorgen. Zudem soll der Dienst deutlich günstiger sein als Starlink. Darauf zumindest dringt das EU-Parlament, das parallel zu den Mitgliedstaaten seine Position ausarbeitet.  

    „Der bisherige Vorschlag würde dies zwar zulassen, setzt aber keine expliziten Anreize. Das ist mir zu unkonkret“, sagt der Grünen-Politiker Niklas Nienaß. „Die Europäische Union darf nicht einfach nur hoffen, dass die Wirtschaft entsprechende Angebote auf den Weg bringt. Sie muss aktiv dafür sorgen.“

    Ein Problem bleibt noch: Europas Zugang zum All hat sich mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine erheblich verschlechtert. Die Raumfahrtkooperation mit Russland ist Geschichte, die europäische Vega-Rakete benötigt Komponenten aus der Ukraine, und die neue Ariane 6 verzögert sich. Die Europäer müssen eine Alternative finden, ansonsten wird das europäische Internet aus dem All nur auf dem Papier existieren.

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