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30.04.2017

12:36 Uhr

Nordkorea

Der gemeinsame Widersacher

Die Isolation Nordkoreas setzt sich ungeachtet aller Warnungen fort: Machthaber Kim Jong Un provoziert nicht nur die USA, sondern auch China – sieht sich allerdings nach wie vor im Recht. Die Geduld scheint am Ende.

Die USA und China verlieren die Geduld mit Nordkoreas Diktator. Reuters

Kim Jong Un

Die USA und China verlieren die Geduld mit Nordkoreas Diktator.

PekingSo schlecht waren die Beziehungen noch nie. Von Chinas gutem Verhältnis zu Nordkorea, das der „große Steuermann“ Mao Tsetung einst als „so nah wie Lippen und Zähne“ beschrieben hat, ist kaum noch etwas übrig. Nach außen bedient sich Peking zwar diplomatisch zurückhaltender Sprache, aber hinter den Kulissen oder unter Chinas Fachleuten gilt die historische Freundschaft als längst überholtes Überbleibsel des Kalten Krieges. Das Zerwürfnis ist beträchtlich.

„Nordkorea ist Chinas latenter Feind – und Südkorea könnte Chinas Freund sein“, sagte der renommierte Historiker und Nordkorea-Experte Shen Zhihua in einer viel beachteten Rede. Mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Seoul 1992 und der wirtschaftlichen Kooperation mit dem Süden Koreas habe sich alles geändert.

Das Verhältnis zum Norden habe sich damit zunächst normalisiert, sei dann aber sogar in „Feindschaft“ umgeschlagen, stellte der Experte fest. Die Bruderschaft aus dem Korea-Krieg (1950-53), als China an Nordkoreas Seite gegen Südkorea und die USA gekämpft hatte, sei lange vorbei. Der Beistandspakt von 1961, der China noch heute zur Hilfe verpflichtet, ist aus Sicht von Shen Zhihua „ein Stück Altpapier“.

„Dass Nordkorea sich nukleare Waffen zulegt und ständig Atomversuche abhält, ist die Grundursache für diese ständig schlimmer werdende Krise auf der koreanischen Halbinsel“, sagt Shen Zhihua. „Wir müssen klar sehen, dass China und Nordkorea nicht mehr Waffenbrüder sind.“

Die Antipathie erscheint gegenseitig: So soll Machthaber Kim Jong Un einen angestrebten Besuch von Chinas Chefunterhändler Wu Dawei in Pjöngjang abgelehnt haben – was als Affront gewertet werden kann. Ebenso ist der neue Raketentest am Samstag ein Schlag ins Gesicht für Peking, das eindringlich vor solchen „Provokationen“ gewarnt hatte.

Trump, Nordkorea und Raketen – eine Chronik

28. Januar

Experten berichten, dass Nordkorea den umstrittenen Atomreaktor in Yongbyon wieder in Betrieb genommen habe.

Quelle: dpa

12. Februar

Pjöngjang testet eine ballistische Mittel-Langstreckenrakete. Bei Tausenden Kilometern Reichweite könnte sie einen Atomsprengkopf transportieren. Zur gleichen Zeit besucht der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe Trump in Washington.

1. März

Die USA und Südkorea beginnen ihre jährlichen gemeinsamen Militärübungen, die bis zum 30. April dauern sollen.

6. März

Nordkorea feuert vier ballistische Raketen ab – drei davon seien erst in der 200-Seemeilen-Zone vor Japan ins Meer gestürzt, heißt es aus Tokio. Nach Angaben nordkoreanischer Staatsmedien richtet sich die Übung gegen US-Stützpunkte in Japan.

7. März

Die US-Streitkräfte teilen mit, dass mit der umstrittenen Stationierung eines neuen Raketenabwehrsystems in Südkorea begonnen worden sei. Die ersten Elemente des Systems seien eingetroffen.

16.-19. März

Auf seiner Reise nach Japan, Südkorea und China erklärt US-Außenminister Rex Tillerson die bisherige „Politik der strategischen Geduld“ gegenüber Pjöngjang als gescheitert. Zwar sagt er, das Land müsse sich vor den USA „nicht fürchten“, schließt aber ein militärisches Vorgehen prinzipiell nicht aus. Die USA wollten in dem Konflikt enger mit China zusammenarbeiten.

22. März

Das südkoreanische Verteidigungsministerium teilt mit, dass dem nördlichen Nachbarn offensichtlich ein neuerlicher Raketentest misslungen sei. Nach Angaben von US-Medien scheint die Rakete „innerhalb von Sekunden nach dem Start explodiert zu sein“.

2. April

Trump kündigt in einem Interview der „Financial Times“ an, Nordkoreas Atomwaffenprogramm notfalls im Alleingang zu stoppen.

6. April

Beim Besuch des chinesischen Staatschefs Xi Jinping in den USA erklären beide Seiten, dass das nordkoreanische Atomprogramm ein „ernstes Stadium“ erreicht habe.

10. April

China und Südkorea kündigen bei weiteren Raketen- und Atomtests Nordkoreas neue Sanktionen an. Gleichzeitig droht Pjöngjang den USA wegen der Entsendung von Kriegsschiffen mit „härtesten Gegenmaßnahmen“. Die Volksrepublik sei für jede Art von Krieg bereit.

11. Aprl

Trump fordert China auf, seinen Einfluss auf Nordkorea geltend zu machen. „Andernfalls lösen wir das Problem ohne sie.“ Tags darauf lobt er China dafür, Schiffe mit Kohlelieferungen aus Nordkorea zurückgeschickt zu haben. Dies sei ein „großer Schritt“.

16. April

Von Entspannung keine Spur: Kurz vor der Ankunft von US-Vizepräsident Pence in Südkorea schießt Pjöngjang eine Rakete in den Himmel. Da sich Kim Jong-un von Drohungen unbeeindruckt zeigt, ist ein amerikanischer Schlag gegen Nordkoreas Atomanlagen nicht mehr undenkbar.

20. April

Die Anspannung zwischen Nordkorea und den Vereinigten Staaten spitzt erneut sich zu. Während US-Außenminister Rex Tillerson gegen das Atom- und Raketenprogramm vorgehen will, spricht Nordkorea eine letzte Warnung aus und demonstriert in einer Videosimulation anlässlich der Geburtstagsfeier des Staatsgründers Kim Il-sung die Vernichtung der USA durch nordkoreanische Atombomben.
Kurz nach den Kriegsdrohungen ist in Pjöngjang ein US-Bürger in Gewahrsam genommen worden.

Auch die Beziehung zu den USA hat einen erneuten Tiefpunkt erreicht. Nordkorea hatte am Samstagmorgen eine weitere Rakete gestartet, der Test schlug nach Darstellung Südkoreas aber fehl. Trump reagierte darauf demonstrativ gelassen, warnte Kim Jong Un allerdings vor weiteren Provokationen. „Ich wäre nicht glücklich, sollte er einen Atomtest unternehmen“, sagte der US-Präsident in einem Interview des Senders CBS. Auf die Frage, ob er damit eine militärische Reaktion meine, sagte Trump lediglich: „Ich weiß nicht. Wir werden sehen.“

Trump setzt im Streit mit Nordkorea ebenfalls auf China. Peking werde den USA helfen, den Konflikt zu lösen. China übe Druck auf Nordkorea aus, um das isolierte kommunistische Regime von weiteren Provokationen abzuhalten. Man werde sehen, was passiert, fügte Trump hinzu.

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Kommentare (2)

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Frau Annette Bollmohr

01.05.2017, 10:51 Uhr

Eines muss man Trump lassen:

Er sorgt - offenbar ganz unfreiwillig und zufällig - für jede Menge Bewegung.


Zum Thema Merkel/Saudi-Arabien:

Ich nehme ihr sogar ab, dass sie sich redlich bemüht, die dortige politische Führung von unseren "westlichen Werten" zu überzeugen.

Leider dürfte sie da aber auf verlorenem Posten kämpfen. Ohnehin haben auch Politiker - wie jeder einzelne Mensch naturgemäß eine subjektive Sicht der Dinge. Und eine selektive Wahrnehmung. Mal ganz abgesehen davon, dass kein Mensch alle für eine politische Entscheidung relevanten Fakten und Einzelheiten wissen - und auch noch richtig einschätzen kann (ein ganz aktuelles Beispiel dafür wären die diversen Skandale bei der Bundeswehr).

Man wird niemals einen Putin, einen Assad, einen Erdogan, einen Maduro oder sonst einen Machtpolitiker von irgendwas überzeugen können.

Erst recht niemanden, der sich zur Sicherung persönlicher Macht (vorgeblich) religiöser Dogmen bedient (wie u.a. im Falle Saudi-Arabiens). Ebensowenig wird dies bei Despoten wie Mugabe und noch einer ganzen Reihe anderer (nicht nur in Afrika) gelingen.

Von Kim Jong-un mal ganz zu schweigen. Das schaffen ja nicht mal die Chinesen, obwohl die da – aus welchen Gründen genau, sei jetzt mal dahingestellt – genauso wie Trump großes Interesse dran haben.

Jeder, der sich einigermaßen regelmäßig Sendungen wie z.B. den Weltspiegel (http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/index.html) anschaut dürfte schnell merken, dass es uns hierzulande zumindest in materieller Hinsicht vergleichsweise gut geht.

Aus diesem Umstand ergibt sich aus meiner Sicht für die Bürger der heute "bessergestellten" Länder schon die humanitäre Verpflichtung, von ihren Möglichkeiten, politische Verantwortung zu übernehmen mehr als bislang Gebrauch zu machen, damit sich an den Umständen u.a. in den Ländern, die gestern Thema der einzelnen Beiträge o.g. Sendung waren, auf politischer Ebene endlich wirklich etwas ändern kann. (2/2 folgt)

Frau Annette Bollmohr

01.05.2017, 10:52 Uhr

(Teil 2/2):

Voraussetzung dafür ist das Hinterfragen liebgewordener, weil bequemer Gewohnheiten, also vor allem eine gewisse geistige Anstrengung bzw. „Denkarbeit“.

Die sich aber im Endeffekt für ausnahmslos alle(!) in vielerlei Hinsicht mehr als auszahlt. Schon deshalb, weil dadurch ungeheure Synergieeffekte nicht nur auf wirtschaftlicher, sondern vor allem auf gesellschaftlicher Ebene freigesetzt würden.

Wenn dies in der Zivilbevölkerung noch weitaus mehr Menschen als jetzt schon realisieren bzw. erkennen, die Konsequenz daraus Überlegungen zu konkreten Lösungsansätzen und Handlungsempfehlungen sind, UND sich dann noch darunter genügend Menschen dazu aufraffen können, ihre individuellen Vorschläge auch gegen eventuelle anfängliche Widerstände öffentlichkeitswirksam vorzutragen (auf zivilisierte Art und Weise, versteht sich), würde dies letztendlich nicht nur einen Schritt, sondern einen gewaltigen „Schub“ in die richtige Richtung – demokratische Weiterentwicklung auf der Basis individueller Freiheit und gleichzeitig Verantwortung - für unsere globale Gesellschaft bewirken.

So, wie die Dinge derzeit liegen, bleibt nur zu hoffen, dass wir wenigstens hier in Europa nächsten Sonntagabend Grund zum Aufatmen haben. Andernfalls dürfte der Brexit ganz plötzlich unser geringstes Problem sein.

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