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25.11.2021

15:34

Nordostafrika

„Mit einem langen Konflikt rechnen“ – Äthiopien leidet unter Bürgerkrieg und wirtschaftlichem Zerfall

Von: Wolfgang Drechsler

Der Traum von einem friedlichen Zusammenleben im Vielvölkerstaat scheint zu platzen. Ministerpräsident Ahmed steht unter enormem Druck – auch von westlichen Verbündeten.

Eine Verhandlungslösung scheint zwischen den verfeindeten Gruppen in Äthiopien scheint kaum noch möglich.

Tigrayanische Kämpfer

Eine Verhandlungslösung scheint zwischen den verfeindeten Gruppen in Äthiopien scheint kaum noch möglich.

Kapstadt Selten hat ein Krieg in so kurzer Zeit eine derart dramatische Wende genommen wie zuletzt in Äthiopien. Fast auf den Tag genau zwölf Monate, nachdem Äthiopiens Staatschef Abiy Ahmed mit einer massiven Militäroffensive die rebellische Tigray-Region im Norden des Landes und die dort ansässige Tigray People’s Liberation Front (TPLF) angriff, hat sich das Blatt vollkommen gewendet.

Jetzt marschieren plötzlich die Rebellen Richtung Hauptstadt Addis Abeba, wo das Regime alle Reserven zur Verteidigung mobilisiert. Selbst Abiy ist inzwischen an die Front gezogen – wobei man nicht weiß, ob es sich dabei um eine von ihm geführte Gegenoffensive oder einen letzten Verzweiflungsakt handelt.

Die Gezeitenwende ist schon deshalb verblüffend, weil die äthiopischen Streitkräfte zusammen mit Truppen aus dem Nachbarstaat Eritrea im vergangenen November bereits fast ganz Tigray und dessen Hauptstadt Mek’ele erobert hatten.

Doch seit Mitte dieses Jahres hat die geschlagen geglaubte tigrinische Armee ein überraschendes Comeback erlebt. Angeführt von erfahrenen Militärs und hoch motivierten Soldaten, könnten sie nun einen Angriff auf die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba beginnen, in der auch die Afrikanische Union (AU) ihren Hauptsitz hat. Die AU ist ein Zusammenschluss von inzwischen 55 afrikanischen Staaten.

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    Ob dieser Angriff am Ende wirklich erfolgt und wann genau, ist unklar. Zudem sind die Tigriner in Addis Abeba wegen ihrer langen Dominanz des Landes nicht sonderlich beliebt. Oberstes Kriegsziel der TPLF ist deshalb zunächst nur der Sturz von Ministerpräsident Abiy.

    Der Regierungschef ist selbst für diejenigen, die ihn, wie Rechtsprofessor Awol Kassim von der britischen Keele-Universität, 2019 für den Friedensnobelpreis vorschlugen, zum Kriegstreiber mutiert. „Wenn ich mir heute die brutale Gewalt im Land ansehe, erkenne ich den Mann nicht wieder, der er einst war“, sagt Kassim.

    Abiy hat sich trotz seiner immer prekäreren Lage bisher allen Verhandlungen verweigert und stattdessen zuletzt erneut gefordert, die politische Führung in Tigray zu vernichten. Sein aktueller Fronteinsatz ist nur ein weiteres Indiz dafür, dass er eine gewaltsame Lösung sucht. Damit spielt er seinen Gegnern in die Hände und lädt sie geradezu zum Durchmarsch ein.

    Der äthiopische Premierminister verliert weiter an Macht. AP

    Demonstration für Premierminister Abiy Ahmed

    Der äthiopische Premierminister verliert weiter an Macht.

    Wichtiger noch als die rund 300 Kilometer entfernte Hauptstadt einzunehmen dürfte für die tigrinischen Streitkräfte (TDF) die Kontrolle einer wichtigen Verkehrsachse sein. Eine Bahnstrecke verbindet Addis Abeba mit dem strategisch wichtigen Hafen im gleich nebenan gelegenen Land Djibouti. Über die Strecke wird die Hauptstadt zu großen Teilen mit Nahrungsmitteln und Benzin versorgt.

    Tigray ist weiter einflussreich

    Die ab Mitte 2018 von Abiy angestoßenen Reformen haben derweil alte Spannungen geschürt. Angesichts der empfundenen Ausgrenzung verließ die tigrinische Befreiungsfront vor zwei Jahren die Regierungskoalition und zog sich in ihre Heimatregion zurück, von wo aus sie fortan auch militärisch gegen Abiy agierte.

    Obwohl Tigray mit sechs Millionen Menschen nur einen kleinen Teil der äthiopischen Gesamtbevölkerung von 112 Millionen Menschen stellt, hat die Region in dem Land stets über weit mehr Einfluss verfügt. Dies dürfte fortan wieder der Fall sein, auch wenn die Tigriner – durch den jüngsten Krieg, aber auch die hasserfüllte Propaganda der Regierung gegenüber dieser Volksgruppe – wenig Sympathien jenseits ihrer Heimatregion im Norden genießen.

    Die meisten Experten, wie der norwegische Friedensforscher Kjetil Tronvoll, glauben deshalb auch, dass die TPLF im Fall eines Sieges über Abiy ein Unabhängigkeitsreferendum für Tigray anstrebt. Zumal sich eine große Mehrheit der dortigen Bevölkerung nach den Exzessen der äthiopischen Armee bei der Besetzung Tigrays im vergangenen Jahr inzwischen nichts sehnlicher als einen eigenen Staat wünscht.

    Die Äthiopische Armee befindet sich in der Defensive gegen die tigrinische Armee. dpa

    Äthiopische Soldaten mit Nationalflaggen an ihren Gewehren

    Die Äthiopische Armee befindet sich in der Defensive gegen die tigrinische Armee.

    Trotz Unterstützung rückt Äthiopien weiter in die Defensive

    Die USA als enger Verbündeter Äthiopiens haben in Gestalt ihres Sonderbeauftragten Jeffrey Feltman wiederholt vor einer weiteren Eskalation der ethnischen Gewalt gewarnt. Sie versuchen zu diesem Zweck, die Rebellen am weiteren Vorrücken auf Addis Abeba zu hindern. Auch mehren sich die Sorgen vor ethnischen Unruhen zwischen den beiden größten Volksgruppen des Landes, den Oromos und Amharen.

    Sollte sich die Lage bis zum Jahresende nicht bessern, droht Äthiopien aus einem speziellen Handelsabkommen mit den USA (African Growth and Opportunity Act, kurz AGOA) zu fliegen, das vielen afrikanischen Staaten zollfreien Zugang für fast all ihre Waren zum US-Markt garantiert.

    Für Äthiopien hat das Abkommen einen extrem hohen wirtschaftlichen Stellenwert, zumal viele ausländische Investoren ihre Präsenz im Land an AGOA geknüpft haben. Doch für solche Verhandlungen könnte es inzwischen zu spät sein.

    Die USA sind ein wichtiger Handelspartner Äthiopiens. Reuters

    Äthiopische Demonstranten vor dem Weißen Haus in Washington

    Die USA sind ein wichtiger Handelspartner Äthiopiens.

    Westen steckt wieder in einer Gewissenskrise

    Äthiopien-Experte Ludger Schadomsky, Leiter der Amharisch-Redaktion bei der Deutschen Welle in Bonn, sieht die Wurzeln des Konflikts vor allem in Äthiopien selbst: „Die tief in der äthiopischen DNA verwurzelte Misstrauenskultur, gepaart mit einer unfähigen und ethnozentrischen Politikerkaste, erstickt auch zarteste Demokratisierungsversuche“, sagt er.

    Entsprechend lange werde es dauern, eine politische Kompromisskultur in dem Land am Horn Afrikas zu etablieren. Auch Wissenschaftler Kjetil Tronvoll sieht in möglichen Verhandlungen zwischen den Erzfeinden keine große Aussicht auf Erfolg: „Es wird wohl keinen Machtwechsel mehr auf dem Verhandlungsweg geben“, konstatiert der Friedensforscher. „Wir können und müssen mit einem langen Konflikt rechnen.“

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