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17.08.2022

19:21

Nuklearenergie

Nochmal abhängig: USA und Europa suchen Alternativen für russisches Uran

Von: Astrid Dörner, Jakob Blume

PremiumDie US-Regierung möchte die Nutzung russischen Urans über neue Lieferanten und die Produktion zu Hause langfristig beenden. Doch der Aufbau einer unabhängigen Versorgung könnte Jahre dauern.

Atomkraftwerke in den USA und Europa kommen kaum ohne den Brennstoff aus Russland aus. IMAGO/ITAR-TASS

Uran-Vorkommen in Russland

Atomkraftwerke in den USA und Europa kommen kaum ohne den Brennstoff aus Russland aus.

Denver, Zürich Für John Barrasso kann es gar nicht schnell genug gehen. Der republikanische Senator aus Wyoming forderte bereits Mitte März einen sofortigen Stopp aller Uran-Importe aus Russland. In einem Gesetzesentwurf hat Barrasso ausgearbeitet, dass stattdessen der Abbau und die Anreicherung in den USA ausgebaut werden sollen.

Für seine Forderung wurde der Senator aus dem Bergbau-geprägten Bundesland zunächst belächelt. Doch je länger der Krieg in der Ukraine dauert, desto mehr rückt der wunde Punkt der amerikanischen Energieversorgung ins Scheinwerferlicht: die Abhängigkeit von Uran aus Russland.

Zwar hat US-Präsident Joe Biden angekündigt, die Einfuhren von Öl, Gas und Kohle aus Russland zu stoppen. Doch das war der einfache Teil, denn die USA haben selbst große Vorkommen an diesen Rohstoffen. Bei Uran sieht die Sache anders aus. 14 Prozent der amerikanischen Uranimporte kommen aus Russland. Weitere 43 Prozent liefern nach Daten der parteiübergreifenden Energy Information Administration die ehemaligen Vasallenstaaten Kasachstan und Usbekistan.

Besonders pikant: Die neue Generation von Nuklearreaktoren, sogenannten Advanced Small Modular Reactors, braucht eine effizientere Art von Uranstäben - diese werden derzeit ausschließlich in Russland hergestellt. „Das war schon vor Russlands Angriff auf die Ukraine inakzeptabel“, findet Scott Melbye, Vorstand des texanischen Uranbergbau-Unternehmens Uranium Energy Corp., der auch den Branchenverband Uranium Producers of America leitet. Amerika befinde sich „in einer gefährlichen Abhängigkeit vom Kreml und dessen Verbündeten“ und müsse sich angesichts der rasant wachsenden Nachfrage in China den Zugang zu radioaktivem Rohstoff sichern.

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    Energieministerin Jennifer Granholm lässt in ihrer Behörde gerade eine „Uranstrategie“ ausarbeiten. „Wir sollten weder für amerikanische Energie noch aus anderen Gründen Geld nach Russland schicken“, stellte sie im Mai bei einer Anhörung des Energie-Ausschusses im Senat klar. Doch sie betonte auch, dass „im Falle einer schnellen Abkehr von Russland der Betrieb am Laufen gehalten werden muss“.

    Amerikanische Uranproduzenten wittern nun ihre Chance auf ein großes Comeback des Abbaus im eigenen Land. „So gut wie kein Treibstoff für unsere Nuklearenergie kommt heute von heimischen Produzenten“, gibt Manager Melbye zu bedenken. Denkbar sei auch, dass die USA eines Tages Uran nach Deutschland und in andere europäische Staaten exportieren, die ebenfalls stark von Lieferungen aus Russland abhängig sind.

    18 Atomkraftwerke in Europa laufen nur mit russischem Uran

    Europa bezieht Daten der EU-Kommission zufolge rund 20 Prozent seines Urans aus Russland und weitere 20 Prozent aus Kasachstan. Euratom zufolge können europaweit 18 Atomkraftwerke ausschließlich mit Uran aus russischer Produktion betrieben werden, etwa in Tschechien und Ungarn.

    Was die Abhängigkeit zusätzlich verschärft: Russland bereitet einen Teil des in Kasachstan und andernorts geförderten Uranerzes weiter auf. Der russische Staatskonzern Rosatom ist eine Macht im Uranmarkt: Putin kontrolliert etwa die Hälfte der weltweiten Kapazität für die Anreicherung von Uran.

    Russland ist zentraler Importeur für die Welt. imago images/ITAR-TASS

    Arbeiter in einer russischen Uranmine

    Russland ist zentraler Importeur für die Welt.

    „Wenn die europäischen Regierungen versuchen, den Einfluss einer Nation auf ihren Energiesektor zu verringern, müssen sie auch den Einkauf von Uran aus Russland und Kasachstan reduzieren“, warnen die Experten des Analysehauses S&P Global Platts. Bis vor wenigen Jahren hätte Europa sein Uran vor allem aus Kanada bezogen. Doch seit 2020 sind die Importe aus Kasachstan und Russland stark angestiegen.

    Mit Russlands Angriff auf die Ukraine sind die Uranpreise deutlich gestiegen. Marktdaten, die der Uranproduzent Cameco veröffentlicht, zeigen, dass sich der Reaktortreibstoff seit Jahresbeginn von knapp 30 Dollar pro Pfund auf 48 Dollar pro Pfund verteuert hat. Die langfristigen Preise, die Produzenten mit Abnehmern vereinbaren, liegen mit 51 Dollar auf dem höchsten Stand der bis 2017 zurückreichenden Datenreihe.

    Denn hinzu kommt: Nukleare Energie erlebt gerade einen Imagewandel. Sie ist sowohl für die USA als auch für viele europäische Staaten attraktiv, um Klimaziele zu erreichen, weil bei der Produktion kaum Treibhausgase freigesetzt werden.

    Die Europäische Union hat Atomkraft Anfang des Jahres unter bestimmten Bedingungen als nachhaltig eingestuft. Und auch im Klima-Paket von US-Präsident Joe Biden finden sich milliardenschwere Steuererleichterungen für Betreiber von Atomkraftwerken. In den USA werden rund 20 Prozent des Energiebedarfs aus Kernkraft gedeckt.

    Steigerung heimischer Uranproduktion wird ein Kraftakt

    In den USA werben jetzt Politiker beider Parteien mit einer Reihe von Gesetzesvorschlägen für die heimische Uranproduktion. Scott Melbye von Uranium Energy Corp. bereitet sich derzeit darauf vor, eine stillgelegte Uranmine in Wyoming wieder in Betrieb zu nehmen. „Ich bin zuversichtlich, dass die Uranbranche in den USA aus dem Schlafmodus erwacht und zu einem wichtigen Lieferanten für Energieproduzenten werden kann“, sagt er. So gut wie jetzt seien die Chancen schon lange nicht mehr gewesen.

    Doch Wissenschaftler warnen: Die USA hätten zwar das Potenzial, die Uranproduktion wiederzubeleben. Das werde aber Jahre dauern. Und dies werde Politiker „dazu zwingen, unbequeme Entscheidungen zu treffen“, meint Ian Lange, Ökonomieprofessor an der Colorado School of Mines.

    „Die Biden-Regierung will den Bergbau fördern. Doch sie ist sehr kompliziert bei der Vergabe von Genehmigungen.“ Das gelte für den Abbau von Uran ebenso wie für Seltene Erden, die für Batterien und Windturbinen benötigt werden. Die Sorge vor Unfällen und Gesundheits- und Umweltschäden bei radioaktivem Uran sei in den USA ähnlich wie in Europa ein empfindliches Thema. „Es spaltet die Partei.

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    Die Politiker wollen saubere Energie, und sie wollen unabhängiger von Ländern wie Russland und China werden. Aber sie wollen nicht die Risiken tragen, die damit verbunden sind“, analysiert der Professor. Daher sollten die USA in jedem Fall auch die Importe aus Kanada und Australien erhöhen.

    Es wäre ein Kraftakt, die Uranproduktion in den USA wieder anzukurbeln. Derzeit gibt es nur noch eine Anreicherungsanlage. Sie gehört zu Urenco, einem britisch-niederländischen und deutschen Konsortium. Und die Herstellung von Uran-Brennstäben ist kompliziert: Nach dem Abbau wird Uran zu Yellowcake weiterverarbeitet, einem Pulver, das als Grundlage für die Weiterverarbeitung dient. Das Pulver wird dann zu Gas umgewandelt und angereichert. Anschließend entstehen daraus dann die Brennstäbe, die in den Kraftwerken verwendet werden. An allen Teilen der Lieferkette müssten die USA deutlich nachbessern, sagt Robert Gregory, Forscher an der University of Wyoming.

    Schon unter Bidens Vorgänger Donald Trump wurden die Strukturen für den Aufbau einer zehn Milliarden Dollar schweren Uranreserve geschaffen. Jetzt nimmt das Projekt langsam Formen an. Die ersten 75 Millionen Dollar wurden dafür bereitgestellt. US-Unternehmen müssen nun Gebote abgeben, zu welchen Preisen sie Uran an die Regierung verkaufen könnten. „Eine strategische Uranreserve würde die Produktion ankurbeln“, glaubt Gregory. Sie würde der Branche die nötigen langfristigen Anreize geben, damit sich ein Wiedereinstieg lohnt.

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