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24.11.2022

15:55

Pandemie

Chinas Coronazahlen auf Rekordhoch – Deutsche Firmen fürchten „schwere Auswirkungen“

Von: Sabine Gusbeth

PremiumCorona legt das Leben in den Metropolen weitestgehend lahm, die Konjunkturerholung findet ein abruptes Ende. Kommt der nächste Dämpfer für die Weltwirtschaft?

Im südchinesischen Guangzhou mit etwa 18 Millionen Einwohnern befinden sich mehrere Bezirke der Stadt komplett im Lockdown. AP

Guangzhou

Im südchinesischen Guangzhou mit etwa 18 Millionen Einwohnern befinden sich mehrere Bezirke der Stadt komplett im Lockdown.

Peking Die Zahl der Corona-Infektionen in China ist auf den höchsten Stand seit Beginn der Pandemie gestiegen. Die Hauptstadt Peking erinnert an eine Geisterstadt, in anderen Landesteilen befinden sich Millionen Menschen komplett im Lockdown. Und das im Jahr drei der Pandemie – während viele andere Länder längst die meisten Coronamaßnahmen aufgehoben haben.

Nun wächst bei den internationalen Handelspartnern die Sorge, dass es erneut zu größeren Lockdowns kommt – mit negativen Auswirkungen für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und globale Lieferketten.

Am Donnerstag hatte die Nationale Gesundheitskommission 31.444 Neuinfektionen für den Vortag gemeldet. In den Millionenmetropolen Peking, Guangzhou und Chongqing steigen die Fallzahlen besonders stark. Insbesondere in der Hauptstadt hat sich die Situation zuletzt zugespitzt.

Die 22-Millionen-Stadt ist zwar wirtschaftlich weniger relevant als Shanghai, dennoch sind die Lockdowns im Machtzentrum ein symbolischer Gesichtsverlust für die chinesische Staatsführung. Diese verfolgt eine strikte Null-Covid-Politik. Selbst kleinere Ausbrüche werden dabei rigoros mit Lockdowns bekämpft.

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    Allerdings haben die Behörden zuletzt eine gezieltere Vorgehensweise erprobt. Mitte des Monats hatte die Nationale Gesundheitskommission 20 Maßnahmen zur „Optimierung“ der Null-Covid-Politik veröffentlicht.

    So sollen sogenannte Zweitkontakte nicht mehr nachverfolgt und Quarantänezeiten verringert werden. Zugleich sollen Lockdowns gezielter stattfinden, um die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schäden zu verringern. Doch infolge der Lockerung kommt es nun landesweit zu Corona-Ausbrüchen. Bevölkerung und Wirtschaft reagieren verunsichert.

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    Unterbrechungen der Lieferketten seien aufgrund der „Soft Lockdowns“ in Peking und vielen anderen Städten Chinas noch nicht vollständig wirksam, sagte Jens Hildebrandt, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Handelskammer (AHK) in China, dem Handelsblatt. Allerdings stellten sich deutsche Unternehmen bereits „auf schwerwiegende Auswirkungen in der Produktion ein“. Zahlreiche Angestellte gelangten derzeit durch die verschärften Maßnahmen nicht zu ihren Arbeitsplätzen. „Dass beinahe drei Jahre nach Ausbruch der Pandemie immer noch keine Exitstrategie zur Null-Covid-Politik in Sicht ist, stößt bei der deutschen Wirtschaft zunehmend auf Unverständnis“, kritisiert er.

    Bislang seien die Probleme aber noch geringer als bei den Lockdowns im Frühjahr, heißt es aus den Unternehmen. Damals war es infolge der zweimonatigen Abriegelung der Finanzmetropole und Logistikdrehscheibe Shanghai weltweit zu Lieferengpässen gekommen.

    Die aktuellen Ausbrüche machen auch die Hoffnung auf eine schnelle Öffnung des Landes zunichte. Von einem „langwierigen Prozess mit hohen Kosten“ sprechen die Analysten des japanischen Finanzinstituts Nomura. Sie senkten die Prognose für das Wirtschaftswachstum in China auf 2,8 Prozent.

    Unternehmen fehlt durch Lockdowns Personal

    Nicht alle Regionen in der Volksrepublik sind von den aktuellen Beschränkungen gleichermaßen betroffen. In Shanghai fand Mitte der Woche noch eine größere Konferenz statt. Auch in Shenzhen waren zuletzt noch Präsenzveranstaltungen in begrenztem Umfang möglich. Selbst in Guangzhou blieben viele Büros und Geschäfte geöffnet – allerdings fehlt den Unternehmen das Personal, weil viele Menschen in lokalen Lockdowns feststecken.

    Die Megametropole Chongqing lässt ihre rund 30 Millionen Einwohner nur noch in dringenden Fällen und mit einem negativen Coronatest ausreisen. AP

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    Bislang können viele Unternehmen ihre Produktion noch aufrechterhalten. Auch die Lieferketten scheinen bislang noch stabil zu sein. Das liegt zum einen daran, dass die Unternehmen ihre Lager aufgestockt haben. Aber auch die Versorgung durch die Zulieferer funktioniere bislang noch, heißt es etwa bei Volkswagen. Lediglich eins der 40 Werke des Konzerns stehe derzeit wegen Corona still.

    Allerdings führen die steigenden Fallzahlen seit September zu neuen Mobilitätsbeschränkungen im überregionalen Fernverkehr, wie eine Analyse der französischen Investmentbank Natixis ergab. Dies gilt als Indikator für wachsende Probleme in den Lieferketten.

    In Peking hat sich die Lage in den vergangenen Tagen zugespitzt. Die Stadtregierung von Peking hatte am Montag bereits davon gesprochen, dass die Hauptstadt mit der komplexesten und schwersten Covidsituation seit Beginn der Pandemie konfrontiert sei. Die meisten Schulen stellten auf Onlineunterricht um, Geschäfte und Restaurants mussten erneut schließen.

    Besonders betroffen ist der größte Stadtteil Chaoyang, in dem viele Botschaften angesiedelt sind und internationale Unternehmen ihren Sitz haben. Immer häufiger sieht man dort Häuser oder Wohnanlagen, die abgeriegelt wurden. Die Bewohner dürfen ihre vier Wände dann nicht mehr verlassen.

    Abriegelung über Nacht: Bewohner sitzen oft plötzlich fest

    Vor den Gebäuden sitzt Tag und Nacht Seuchenschutzpersonal in weißen Ganzköperanzügen und hält Wache. Am Donnerstag machten Gerüchte über einen bevorstehenden Lockdown die Runde. Er habe das Gefühl, dass diesmal das private Leben der Menschen mehr betroffen sei als die Unternehmen, sagt der Vertreter eines deutschen Konzerns.

    Tatsächlich kennt inzwischen jeder einen oder mehrere Bekannte, die im Lockdown sitzen. Der Hausarrest kann im günstigsten Fall wenige Stunden dauern, bis ein negatives Testergebnis einen Verdachtsfall freispricht. Er kann aber auch mehrere Tage oder gar Wochen andauern. Bewohner stellen in der Regel erst morgens fest, dass ihr Wohngebäude über Nacht abgeriegelt wurde und sie festsitzen. Die Dauer ist zu Beginn der Zwangsquarantäne unbekannt.

    Grafik

    Wer positiv getestet wird, kommt in eine zentrale Quarantäneeinrichtung. Viele klagen über die hygienischen Zustände in den Unterkünften. Aufgrund der hohen Fallzahlen in Peking wurden zuletzt Messehallen umgewidmet und provisorische Container- und Zeltunterkünfte für die Infizierten aufgebaut. In den sozialen Medien mehrt sich die Kritik: „Manche Menschen feiern, manche Menschen machen PCR-Tests“, heißt es in Anspielung auf die Bilder mit vollen WM-Stadien in Katar.

    Derweil gibt es immer wieder Berichte über Proteste in der Bevölkerung gegen die strikten Coronamaßnahmen. In Guangzhou hatten vergangene Woche Arbeiter aus der Textilindustrie Barrikaden und Teststationen zerstört, weil sie nicht zurück in ihre Wohnungen kamen.

    Im Foxconn-Werk in Zhengzhou, wo das iPhone hergestellt wird, kam es am Mittwoch zu gewalttätigen Zusammenstößen, offenbar weil die Angestellten zu wenig Lohn erhalten hatten.

    In dem Werk hatte es Anfang des Monats einen größeren Ausbruch gegeben, woraufhin Wanderarbeiter in Scharen geflohen waren. Die Lücken versuchte das Unternehmen zu schließen, indem es Mitarbeitern höhere Prämien versprochen hatte. Inzwischen hat das Management zugesagt, die höheren Beträge auszuzahlen.

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    Am Donnerstag vermeldeten die Gesundheitsbehörden den vierten Todesfall in Zusammenhang mit Corona innerhalb von sieben Tagen. Bei allen handelt es sich um hochbetagte Personen mit zahlreichen Vorerkrankungen. Nach offiziellen Angaben waren es die ersten Coronatoten seit Ende Mai.

    Chinesische Gesundheitsexperten warnen immer wieder vor einer zu schnellen Lockerung der Coronarestriktionen. Das Gesundheitssystem wäre bei einer landesweiten Coronawelle schnell überfordert, was zu steigenden Todeszahlen führen dürfte. Die Staatsführung hat ihre strikte Covidpolitik stets damit begründet, dass sie ihre Bevölkerung besser schütze als westliche Demokratien.

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