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02.10.2021

21:54

Personalmangel

Großbritannien setzt in Sprit-Krise ab Montag Armee ein

Aufgrund des Lastwagenfahrermangels setzt die britische Regierung ab Montag Soldaten ein. Laut einem Bericht wurden auch in Großbritannien lebende Deutsche als Fahrer angefragt.

Großbritannien hat hier derzeit erhebliche Engpässe. dpa

Mangel an Lkw-Fahrern in Großbritannien

Großbritannien hat hier derzeit erhebliche Engpässe.

London Die britische Regierung setzt ab Montag die Armee zur Überbrückung der Engpässe bei der Benzinversorgung ein. 200 Soldaten – davon 100 Fahrer – würden ein entsprechendes Training am Wochenende beenden und könnten dann ab Montag mit Lieferfahrten starten, teilte die Regierung am Freitag mit.

Großbritannien hat hier derzeit erhebliche Engpässe. Dies liegt nicht an einem Mangel an Benzin. Vielmehr kann Treibstoff nicht in ausreichendem Umfang zu den Tankstellen transportiert werden, weil Zehntausende Lkw-Fahrer fehlen. Panik- und Hamsterkäufe verschlimmerten die Lage zuletzt noch. In den vergangenen Tagen hatte die britische Regierung noch versucht, die Bevölkerung zu beruhigen und erklärt, die Krise sei unter Kontrolle. Doch der Sprit-Engpass hielt auch zu Beginn des Wochenendes an.

Einem Medienbericht zufolge hätten nun auch etliche in Großbritannien lebende Deutsche mit einem älteren Führerschein Post von der britischen Regierung bekommen. Tausende Deutsche im Land, die vor 1999 ihren Führerschein gemacht hätten, seien angeschrieben worden, da sie kleinere Lastwagen fahren dürften, berichtete die Zeitung „Independent“.

In dem Brief des Verkehrsministeriums, der der Zeitung vorliegt, wird den Angeschriebenen nahe gelegt, eine „Rückkehr“ in die Fernfahrerbranche in Betracht zu ziehen - auch wenn viele der Adressaten noch nie am Steuer eines Lasters gesessen hätten. „Es gibt großartige Möglichkeiten für Lastwagenfahrer in der Logistikbranche und die Arbeitsbedingungen haben sich im gesamten Sektor verbessert“, heißt es in dem Schreiben. „Ihre Fähigkeiten und Erfahrungen sind noch nie mehr gebraucht worden als jetzt.“

Aus dem britischen Verkehrsministerium hieß es, der Brief sei an fast eine Million Menschen mit Lkw-Führerscheinen gesendet worden. Aus Datenschutzgründen sei es unmöglich gewesen, die Liste der Empfänger genauer nach Berufen zu filtern.

Autofahrer mit deutschen Führerscheinen, die vor 1999 ausgestellt wurden, dürfen unter bestimmten Bedingungen kleine Lastwagen mit einem maximalen Gewicht von 7500 Kilogramm fahren.

„Es ist schön zu wissen, dass es noch immer Job-Perspektiven hier für uns nach dem Brexit gibt“, sagte ein 41-jähriger Deutscher, der mit seiner Frau in London lebt, dem „Independent“. „Wären wir nach Deutschland gegangen, wären wir wohl niemals als Lastwagenfahrer von Headhuntern angeworben worden.“

Vorerst wolle er seinen Job bei einer Investmentbank jedoch behalten, und seine Frau habe auch noch nie ein größeres Auto als einen Volvo gefahren und werde die „aufregende Möglichkeit“ wohl auch ausschlagen.

Ausbildung kam durch Corona ins Stocken

Der britische Premierminister Boris Johnson hat Forderungen nach einer Lockerung der Einwanderungsregeln in seinem Land unterdessen zurückgewiesen.

„Was wir nicht wollen, ist zurückzukehren zu einer Situation, in der die Logistikbranche sich auf eine Menge Einwanderung günstiger Arbeitskräfte stützt, was zur Folge hat, dass die Gehälter nicht steigen und die Qualität der Arbeitsplätze nicht zunimmt“, sagte Johnson am Samstag. Die britische Wirtschaft müsse ihre Abhängigkeit von schlecht bezahlten ausländischen Arbeitskräften beenden, um eine „gut bezahlte, gut ausgebildete, hochproduktive Volkswirtschaft“ zu werden. Am Sonntag beginnt der Parteitag der britischen Konservativen in Manchester. Die Kraftstoffkrise droht, die Konferenz zu überschatten.

In Großbritannien fehlen schätzungsweise 100.000 Lkw-Fahrer. Wegen des Brexit sind viele Trucker auf den europäischen Kontinent zurückgekehrt. Außerdem hatten die Corona-Beschränkungen zur Folge, dass die Ausbildung ins Stocken kam. Die konservative Regierung von Premierminister Boris Johnson versucht derweil, die Diskussion herunterzuspielen, dass die in den letzten Wochen nicht nur bei Benzin aufgetretenen Probleme in Versorgungs- und Lieferketten etwas mit dem Brexit zu tun haben.

Zudem kämpft das Land bereits mit steigenden Gas-Preisen, die Energiekosten in die Höhe treiben und zu einer Waren-Verknappung geführt haben. Die Lieferengpässe führen auch dazu, dass Gebrauchsgüter vor dem Weihnachtsgeschäft deutlich teurer werden. Landwirte warnten am Freitag davor, dass eine Massenkeulung von Schweinen drohe, weil es auch an Metzgern und Schlachthofmitarbeitern mangele.

Am vergangenen Sonntag hatte die Regierung in London befristete Visa für 5000 Lkw-Fahrer und für 5500 Mitarbeiter in der Geflügel-Branche in Aussicht gestellt. Viele lehnten jedoch ab, weil ihnen der Zeitrahmen zu kurz war. Inzwischen hat die Regierung ihr Angebot angepasst, um das Logistik-Problem schnell zu lösen. Die Visa sollen länger gelten als ursprünglich geplant. Die rund 5000 geplanten Arbeitsgenehmigungen für Lkw-Fahrer sollen statt bis Weihnachten nun bis Ende Februar ausgestellt werden.

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