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20.06.2022

18:14

Präsidentenwahl

Sturkopf mit politischem Talent: Der Linke Gustavo Petro gewinnt Wahl in Kolumbien

Von: Klaus Ehringfeld

PremiumDer frisch gewählte Präsident Kolumbiens hat eine umstrittene Karriere als Guerillero und Bürgermeister – und gilt in der Bevölkerung als Zukunftshoffnung.

Gustavo Petro kam nach der vorläufigen Auszählung auf 50,49 Prozent der Stimmen. dpa

Präsidentenwahl in Kolumbien

Gustavo Petro kam nach der vorläufigen Auszählung auf 50,49 Prozent der Stimmen.

Mexiko-Stadt Als Gustavo Petro vor einigen Wochen gefragt wurde, wie sich das Land am Ende seiner möglichen Präsidentschaft mal an ihn erinnern möchte, war seine Antwort überraschend. „Wie Angela Merkel, weil ihr alle applaudiert haben.“

So richtig mag man die frühere deutsche Kanzlerin und den jetzt mit mehr als 50 Prozent gewählten Präsidenten Kolumbiens nicht zusammenbringen. Denn der 62 Jahre alte Petro ist nicht unbedingt für Konsensorientierung und ein ausgleichendes Wesen bekannt. Freund und Feind attestieren dem Politiker einen aufbrausenden Charakter, Beratungsresistenz und ein gepflegtes Maß an Arroganz.

All diese Eigenschaften, die den ehemaligen Guerillero vor allem bei den konservativen Kreisen Kolumbiens zum idealen Feindbild machen, haben auch Freunde und Unterstützer bisweilen abgeschreckt.

Als Petro von 2012 bis 2015 Bürgermeister von Bogotá war, kündigte seine Umweltberaterin nach kurzer Zeit, weil Petro nach ihren Worten alle Vorschläge verwarf, da er immer behauptete, es besser zu wissen als sie.

All das sind keine wirklich guten Voraussetzungen dafür, ein so kompliziertes Land wie Kolumbien in so prekären Konditionen zu regieren.

Soziale Ungleichheit und organisierte Kriminalität in Kolumbien

Die viertgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas leidet unter einer durch die Pandemie vertieften sozialen Ungleichheit, einer immer stärker steigenden Präsenz von bewaffneten Gruppen und der organisierten Kriminalität in weiten Teilen des Andenstaats.

Zudem sind die Erwartungen an den ersten Linkspräsidenten der Geschichte Kolumbiens enorm, die 11,5 Millionen Kolumbianerinnen und Kolumbianer, die ihn am Sonntag gewählt haben, wollen schnell eine Verbesserung ihrer Situation.

Kolumbien

Linkspopulist Petro gewinnt Präsidentschaftswahlen in Kolumbien

Kolumbien: Linkspopulist Petro gewinnt Präsidentschaftswahlen in Kolumbien

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Für den Politologen Yann Basset von der Universidad del Rosario in Bogotá hat Petro durchaus das Zeug dazu, Lösungen in seiner vierjährigen Amtszeit auf die Schiene zu bringen. „Er ist sicher das größte politische Talent, das Kolumbien hat.“ Vergleichbar mit ihm sei nur Álvaro Uribe, rechter Hardliner und zweimaliger Staatschef Kolumbiens.

Zudem hat Petro, Sohn eines Lehrerehepaars von der Karibikküste, keine Angst, sich mit den faktischen Mächten im Land anzulegen. Streitkräften, Drogenclans und rechten Medien sagt er gerne schon mal sehr undiplomatisch, was er von ihnen hält. Petro ist ein Starrkopf mit einem Wissen über die Geschichte und Probleme seines Landes wie nur wenige Staatschefs vor ihm.

Vor allem die Unternehmer und die Wirtschaftseliten fürchten einen Präsidenten Petro, dem sie vorwerfen, Kolumbien in ein zweites Venezuela verwandeln zu wollen. Er werde das Land nicht nur sozial, sondern auch wirtschaftlich nach links ziehen.

Der frühere Guerillero der städtischen Rebellengruppe M-19 verneint jedoch, ein Sozialist zu sein. Petro stamme mehr aus einer nationalistischen, antiimperialistischen Bewegung, sagt Politologe Basset. „In europäischen Zusammenhängen würde man ihn als einen progressiven Politiker neuer Lesart bezeichnen.“

Petro selbst betont immer wieder, er strebe eine „sozialdemokratische Marktwirtschaft“ mit „Respekt für Privateigentum und freies Unternehmertum“ an, verlangt allerdings einen größeren Anteil an „sozialer Verantwortung“ von der Wirtschaft.

Kolumbien solle sich auch unabhängig machen von der Extraktions- und Exportwirtschaft, von Kohle, von Gas und auch von Erdöl, das immerhin etwas mehr als die Hälfte der Exporterlöse des Landes ausmacht. Dafür will Petro den Umweltschutz vorantreiben und den Tourismus fördern.

Will man den 62-Jährigen, der fünf Kinder mit mehreren Frauen hat, mit amtierenden Linkspräsidenten der Region vergleichen, fallen einem Andrés Manuel López Obrador in Mexiko oder Gabriel Boric in Chile ein.

Inhaltlich gleicht er mit seiner vor allem in Klimafragen fortschrittlichen Agenda mehr dem neuen jungen Staatschef Chiles. In seinem autoritären Wesen ähnelt er dem mexikanischen Linkspräsidenten.

Kolumbien soll Vorreiter beim Klimaschutz werden

Petro ist ein glänzender Redner und hat vor allem mit seiner designierten schwarzen Vizepräsidentin Francia Márquez Erfolg bei denjenigen Kolumbianerinnen und Kolumbianern, die 2021 ihren Frust gewaltsam auf die Straße trugen. Sie alle kennen keine anderen Regierungen als rechts außen oder Mitte-rechts und sie alle wollen dringend einen Wechsel von Ideologien und Ideen.

Francia Marquez, die neue Vizepräsidentin Kolumbiens, machte sich Umweltschützerin, Bürgerrechtlerin und Politikerin einen Namen. Reuters

Erste afrokolumbianische Vizepräsidentin in Kolumbien

Francia Marquez, die neue Vizepräsidentin Kolumbiens, machte sich Umweltschützerin, Bürgerrechtlerin und Politikerin einen Namen.

Petro blickt auf eine lange Karriere als Politiker zurück, er war fast 20 Jahre Abgeordneter und Senator. In das Präsidentenamt schaffte er es im dritten Anlauf. Beim ersten Versuch 2010 wurde er Vierter – mit 9,15 Prozent der Stimmen. Beim zweiten Mal vor vier Jahren schaffte er es in die Stichwahl gegen den rechten Newcomer Iván Duque.

Dessen Mandat allerdings war eine Katastrophe. Duque blockierte die Umsetzung des Friedensprozesses, bekam die Sicherheit nicht in den Griff und managte die Pandemie katastrophal. Auch das trägt dazu bei, dass die Kolumbianer nun Petro eine Chance gegeben haben. „Es ist ein Sieg des Volkes“, sagte er bei seiner ersten Rede nach der Wahl. Und versprach: „Wir werden den Kapitalismus weiterentwickeln.“

Petro will Kolumbien zu einem Vorreiter bei der Bekämpfung des Klimawandels machen. Saubere Energie und der Schutz des Amazonasgebiets, von dem zehn Prozent auf kolumbianischem Staatsgebiet liegen, will er umsetzen. Mit Petro könnte Kolumbien tatsächlich in die Zukunft aufbrechen.

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