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14.08.2014

16:13

Propaganda der Terrorgruppe IS

Können wir diese Bilder sehen – und nichts tun?

Von: Maike Freund

Abgetrennte Köpfe, verstümmelte Leichen: Dank Internet war es nie so einfach, das Grauen der Terrorgruppe IS zu verfolgen. Oder wenigstens die Propaganda. Doch was passiert beim Konsum der Brutalität? Ein Selbstversuch.

Massenexekution im Irak: Die IS-Terroristen erschießen Andersgläubige. Die Terrorgruppe hat ein grenzübergreifendes Kalifat ausgerufen. Alle Muslime müssen dem selbsternannten Kalifaten Gefolgschaft schwören....

Massenexekution im Irak: Die IS-Terroristen erschießen Andersgläubige. Die Terrorgruppe hat ein grenzübergreifendes Kalifat ausgerufen. Alle Muslime müssen dem selbsternannten Kalifaten Gefolgschaft schwören....

Düsseldorf Immer wieder saust die Peitsche auf die auf dem sandigen Boden Liegenden nieder. Tritt die schwarzvermummte Gestalt zu. Prügelt. Schreit. Dann kommen andere Männer dazu, schwarz vermummt. Richten die Gefolterten auf. Halten ihr Gesicht in die Kamera, an ihren Hinterkopf eine Waffe. Und drücken ab. Im Hintergrund: Musik, der Wind und das Flattern einer schwarzen Fahne.

Ekel. Wut. Abscheu. Entsetzen. Unendliche Trauer. Der Drang, wegzuschauen. Und nicht zu können. Der Gedanke: Warum greift niemand ein?

All das geht mir durch den Kopf, als ich die Bilder sehe. Einen Vormittag habe ich mich durch Youtube und Twitter gequält und mir Videos und Bilder der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) angeschaut. Habe zwischendurch Pausen gemacht, weil ich die Bilder nicht mehr ertragen konnte. Der Auftrag: Eine Geschichte über die Propaganda der IS. Ich habe mich gefragt: Was davon muss man sehen? Und was sollten Medien veröffentlichen?

Ermordet, verstümmelt: In den Straßen von Tikrit lassen die Terroristen des Islamischen Staats die Leichen einfach liegen.

Ermordet, verstümmelt: In den Straßen von Tikrit lassen die Terroristen des Islamischen Staats die Leichen einfach liegen.

Schlimmer als Osama Bin Laden und seine Al-Kaida, grausamer und gewaltbereiter – das wird der IS nachgesagt. Die Videos und Bilder belegen es. Auch die Tausenden Flüchtlinge im Nordirak und ihr unendliches Leid. Ende Juni hatte die Terrorgruppe IS ein grenzübergreifendes Kalifat ausgerufen, ein Staatswesen, in dem die weltliche und religiöse Führung in einer Hand liegen, in der des Kalifen. Zum Kalifen wurde der Anführer der Terrorgruppe, Abu Bakr al-Baghdadi, bestimmt. Alle Muslime müssten ihm Gefolgschaft schwören. Wer es nicht tut, wird exekutiert. Wer andersgläubig ist, sowieso. Und die Hinrichtungen werden festgehalten und im Netz veröffentlicht.

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    Radikale Islamisten: Kampf im Namen Gottes

    „Gotteskrieg“

    In vielen muslimisch geprägten Staaten bestimmen radikalislamische Gruppierungen unterschiedlicher Ausprägung oft im Verbund mit dem jahrelang dominierenden Terrornetzwerk al-Qaida zunehmend das politische Geschehen. Instabile und korrupte Regierungen werden der Lage vielerorts nicht mehr Herr, während die selbst ernannten Gotteskrieger sich ausbreiten und Vermögen anhäufen.
    Quelle: afp

    Syrien

    Der Staat wurde seit dem Beginn des Aufstands gegen Staatschef Bashar al-Assad im März 2011 mehr und mehr zum Tummelplatz radikaler Islamisten. Im daraus entstandenen Bürgerkrieg sind mit dem Terrornetzwerk al-Qaida verbundene Kämpfer ebenso aktiv wie die libanesische Hizbollah-Miliz und die Gruppe Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien (Isis). Wer an welcher Stelle gegen wen kämpft, ist vielfach kaum zu durchschauen.

    Irak

    In dem Land, das vielen Beobachtern nach langjährigem US-Engagement zuletzt als leidlich stabil galt, zeigte sich in den vergangenen Tagen, über welche enormen Mittel Isis verfügt. Innerhalb weniger Tage eroberten die Dschihadisten weite Gebiete im Norden des Landes und rückten auf die Hauptstadt Bagdad vor. Inzwischen wurden sie zwar gestoppt. Isis könnte aber angesichts eines geschätzten Milliardenvermögens noch lange durchhalten.

    Libyen

    Seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Frühjahr 2011 kommt in dem Land vor allem der Osten nicht zur Ruhe. Radikalislamische Gruppen wie die Ansar-al-Scharia-Miliz kämpfen dort gegen Regierungstruppen - und seit einiger Zeit auch gegen Einheiten des abtrünnigen Generals Chalifa Haftar, der die Islamisten auf eigene Faust bekämpft.

    Ägypten

    In dem Land haben sowohl die Hamas als auch die Hizbollah Verbündete. Zudem greifen auf der Sinai-Halbinsel und in Großstädten Dschihadisten immer wieder Sicherheitskräfte an. An den neuen Staats- und Ex-Armeechef Abdel Fattah al-Sisi, der die Muslimbruderschaft seines Vorgängers Mohammed Mursi verbieten ließ, richtet sich die Erwartung, dass nun vorerst wieder Ruhe einkehrt.

    Nigeria

    Im mehrheitlich muslimischen Norden des Landes kämpft die Gruppe Boko Haram für einen islamistischen Staat. Bei zahllosen Anschlägen auf Polizei, Armee und Behörden, aber auch auf Kirchen und Schulen wurden seit dem Jahr 2009 tausende Menschen getötet. Für internationale Empörung sorgte zuletzt vor allem die Entführung von fast 300 Schülerinnen durch Boko Haram im April.

    Somalia

    In dem Bürgerkriegsland führt die Shebab-Miliz seit Jahren einen blutigen Kampf gegen die Regierung. Eine funktionierende Staatsgewalt im gesamten Land gibt es nicht. Auch im benachbarten Kenia, dessen Armee sich am Kampf gegen die Shebab beteiligt, häufen sich Anschläge der Islamisten. Sie bekannten sich etwa zu einem Angriff auf ein Einkaufszentrum in der Hauptstadt Nairobi mit 67 Toten im September und erst am Montag zu dem Angriff auf den Küstenort Mpeketoni mit 49 Todesopfern.

    Pakistan

    Vor allem in der unwegsamen Bergregion im Nordwesten des Landes an der Grenze zu Afghanistan sorgt die Gruppe Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) für Angst und Schrecken. Zuletzt griffen TTP-Kämpfer den Flughafen in der südlichen Metropole Karachi an und töteten 38 Menschen. Die Armee startete daraufhin eine Großoffensive gegen Stellungen von Taliban- und Al-Kaida-Kämpfern.

    Afghanistan

    Seit der Entmachtung der dort herrschenden Taliban im Herbst 2001 sind in dem Land ausländische Soldaten unter Nato-Führung stationiert. Regelmäßig verüben die Islamisten dennoch blutige Anschläge mit vielen Toten. Der internationale Kampfeinsatz läuft zum Jahresende aus, danach soll es Unterstützungsmissionen geben. Viele Beobachter zweifeln allerdings an langfristiger Stabilität für das Land.

    Allgemein

    In der Region sorgen vor allem die Palästinenserorganisation Hamas und die Hizbollah für Unruhe, die allerdings nicht als klassische Terrororganisationen zu betrachten sind, sondern als politische Gruppen mit handfesten territorialen Interessen. Die Hamas wurde in als von internationalen Beobachtern recht freien Wahlen im Gaza-Streifen stärkste Kraft, wurde aber international nicht anerkannt. In der jüngsten Bildung einer Einheitsregierung sieht Israel einen neuen Schlag für die Friedensgespräche. Die vom Libanon aus agierende schiitische und mutmaßlich vom Iran finanzierte Hizbollah bedroht dort das multireligiöse politische System.

    Massenexekutionen, verstümmelte Leichen, abgeschlagene Köpfe: Nie war es so einfach, das Grauen der Terrorgruppe IS zu verfolgen. Oder wenigstens ihre Propaganda. „Denn mit einem Klick ist der User im Medien Dschihad“, sagt Asiem El Difraoui, Experte für extremistische Propaganda vom Institut für Medien- und Kommunikationspolitik. Dank Twitter und Co. ist er „mit einem Klick den Terroristen sehr nahe“. So geht es mir auch. Ich bin gefangen im Rausch des Grauens. Doch der Politologe, Volkswirt und Dokumentarfilmer El Difraoui, der sich intensiv mit der Propaganda von Al-Kaida und der IS beschäftigt und viel Zeit im Irak verbracht hat, weiß: „Die IS hat die Verbreitung der Propaganda im Netz nicht erfunden.“ Theoretisch weiß ich das auch. Aber es fühlt sich nicht so an.

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