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20.08.2019

17:45

Proteste in Hongkong

So versucht China auf Facebook und Twitter die öffentliche Meinung zu beeinflussen

Von: Sha Hua, Roman Tyborski

Die Plattformen haben entdeckt, das chinesische Nutzer die Demonstranten in Hongkong verunglimpfen. Dahinter sollen staatliche Behörden stecken.

Hinter vielen Fake-Profilen sollen staatliche Behörden aus China stecken. AP

Pro-China Demonstranten

Hinter vielen Fake-Profilen sollen staatliche Behörden aus China stecken.

Peking, Düsseldorf Seit Dienstag sind Twitter und Facebook Teil der Proteste in Hongkong. Die beiden Tech-Gigaten aus dem Silicon Valley haben 200.000 Accounts auf ihren Plattformen gesperrt, die im Verdacht stehen manipulative Nachrichten über die Demonstranten in Hongkong verbreitet zu haben. Hinter den Fake-Profilen sollen staatliche Behörden aus China stecken.

Twitter hat eine Vielzahl von Accounts ausfindig gemacht, die sich aufeinander koordiniert verhalten hätten und dadurch in Verdacht gerieten. Der Kurznachrichtendienst hat daraufhin Facebook einen Hinweis gegeben, dass auch auf deren Plattform verdächtige Profile aktiv seien.

Nach einer internen Untersuchung hat Facebook sieben Seiten, drei Gruppen und fünf Konten entfernt, auf denen die Demonstranten unter anderem als Kakerlaken und Terroristen bezeichnet wurden. Der in chinesischer Sprache tätige Twitter-Account @HKpoliticalnew und der englische Account @ctcc507 stellten Protestierende als gewalttätige Kriminelle dar.

In einem Blogeintrag erklärt Twitter neben 200.000 inaktiven auch 936 aktive Accounts gelöscht zu haben, die in Verbindung mit der Volksrepublik China stehen. „Wir legen eine bedeutende staatlich unterstützte Operation offen, die auf die aktuelle Situation in Hongkong abzielt, insbesondere auf die Protestbewegung und ihre Forderung nach einem politischen Wandel“, schreibt Twitter in seinem Blogeintrag. Weiter heißt es dort, dass mithilfe der Fake-Accounts versucht worden sei, die Legitimität der Proteste und deren politische Positionen zu untergraben.

Erstaunlich war die zum Teil dilettantische Vorgehensweise der offenbar staatlich koordinierten Twitter-Accounts. Bei vielen hätten sich laut Twitter die Behörden nicht einmal die Mühe gegeben ihre wahre Identität hinter VPNs zu verbergen. Ein VPN wählt sich über Server, die im Ausland stehen, ins Internet ein, wodurch der Ursprungsort des Internetnutzers verschleiert wird. Twitter zufolge seien die Accounts über offene Internetverbindungen betrieben worden, dessen IP-Adressen dem chinesischen Festland zugeordnet werden konnten.

Peking will die Diskussion in den sozialen Medien beeinflussen

Obwohl Twitter in China blockiert ist, hat Peking in den vergangenen Monaten seine Anstrengungen verstärkt, in der öffentlichen Diskussion auf den sozialen Medien mitzumischen. So hatten zum Beispiel mehrere chinesische Botschafter Konten auf Twitter eingerichtet.

Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua News allein hat 12,6 Millionen Follower. Die chinesische Regierung scheint Twitter zu nutzen, um eigene Botschaften an die Welt auszusenden und so gezielt im Ausland lebende Chinesen zu erreichen.

Twitter biete sich als Arena an, auf dem die Schlacht über die Deutungshoheit ausgetragen werde, meint Kerry Brown, der das Lau China Institute am King’s College leitet. Denn schließlich seien auch die Demonstranten auf diesem Medium sehr aktiv und würden dort ihre Botschaften verbreiten. Auf den bereits kontrollierten chinesischen Plattformen wie WeChat und Weibo hingegen seien ausschließlich festlandchinesische Akteure unterwegs.

„Damit versucht Chinas Staat, Einfluss auf unsere Meinungsbildung zu nehmen“, meint Adam Ni, der an der Macquarie Universität in Sydney forscht. Auch über die sozialen Plattformen versuche Peking, die Herzen und den Verstand der Menschen außerhalb der von China kontrollierten Digitalsphäre zu gewinnen.

Tatsächlich scheint Peking damit auf die Tatsache zu reagieren, dass bis vor kurzem das Diskursumfeld auf Twitter vor allem von gegnerischen Stimmen dominiert wurde. In einer Studie der Oxford Universität von 2018 stellten die Forscher Gillian Bolsover und Philip Howard „entgegen ihrer Erwartungen“ fest, dass die automatisierten Konten auf Twitter, die unter dem Hashtag China aktiv waren, Gegner der offiziellen Position Pekings sind.

Fake-Profile aus Russland und Iran

China ist bei weitem nicht das einzige Land, dass diese Desinformationsstrategie verfolgt. Facebook und Twitter haben deswegen zuletzt öfter Fake-Profile auf ihren Plattformen gesperrt: Vor den Kongresswahlen in den USA im vergangenen Jahr wurden verdächtige Aktivitäten im Ausland erkannt. Vor allem Accounts aus Russland und dem Iran wurden gelöscht, die versucht haben Einfluss auf die Wahlen zu nehmen. In einer koordinierten Aktion wurden 652 miteinander verknüpfte Konten, Seiten und Gruppen durch Facebook entfernt. Twitter sperrte 284 Konten.

Anfang des Jahres hatte Facebook 364 Fake-Profile gesperrt, die im Verdacht standen, manipulative Informationen zu verbreiten. Das digitale Netzwerk vermutete Mitarbeiter der russischen Nachrichtenagentur Sputnik hinter den gefälschten Profilen.

Im März löschte Facebook 2632 Fake-Accounts, dessen Inhalte hauptsächlich aus dem Iran, Russland, Mazedonien und dem Kosovo stammten. Über die Profile sei anti-israelische und anti-amerikanische Propaganda verbreitet worden, die auf die Rolle der beiden Staaten im Mittleren Osten, dem Yemen und Palästina abzielte.

Im Falle der Hongkong-Proteste könnte es China auch auf die Einwohner der Sonderverwaltungszone abgesehen haben, die noch keine klare Position zu den Demonstrationen eingenommen haben. Denn trotz der augenscheinlich breiten Unterstützung für die Demonstranten zeigen Umfragen der Chinese University of Hong Kong in Zusammenarbeit mit der lokalen Zeitung Mingpao, dass der Anteil der Bevölkerung, die die Hongkonger Regierung unterstützt mit 38 Prozent nur unwesentlich niedriger ist, als der Anteil der Befürworter der Demonstrationen (40 Prozent).

Die Proteste in Hongkong halten schon seit mehr als zwei Monaten an. Was als Massendemonstration gegen ein geplantes Auslieferungsgesetz an China begann, hat sich inzwischen zu einer Protestbewegung gegen die jetzige Regierung und für mehr Freiheit und Demokratie entwickelt. Am Sonntag hatten mehrere hunderttausend Menschen an einer Demonstration teilgenommen, um ihre Sympathie mit dem Anliegen kundzugeben.

Die Demonstranten teilen Informationen und treffen Abstimmungen über das reddit-ähnliche Forum LIHKG oder den Messenger-Apps WhatsApp und Telegram, wo sich mehrere tausend Mitglieder in Chatgruppen organisieren. Die Teilnehmer auf der Straße sammeln Informationen über Barrikaden und Polizeibewegungen; Helfer von zu Hause können diese Daten aufnehmen, auf Google Maps personalisierte Karten erstellen und so Demonstranten auf der Straße mit Echtzeit-Updates versorgen.

In den vergangenen Wochen ist es immer wieder zu gewaltsamen Konfrontationen zwischen den Protestteilnehmern und der Polizei gekommen, die unter anderem mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die zumeist jungen Menschen vorgingen.

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