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22.03.2022

09:00

Renovierungsoffensive

Nicht mehr mit russischem Gas heizen? Darum ist das neue EU-Projekt so schwierig

Von: Eva Fischer

Die Politik will Europas Gebäude umbauen lassen. Denn viele werden mit Gas beheizt – und das kommt zu einem Großteil aus dem sanktionierten Russland. Doch die Umsetzung des Großprojekts hat viele Tücken.

Nach dem Willen der EU-Kommission darf es bis 2030 keine Privatgebäude mehr mit der schlechtesten Effizienzklasse G geben. dpa

Wohnhaussanierung

Nach dem Willen der EU-Kommission darf es bis 2030 keine Privatgebäude mehr mit der schlechtesten Effizienzklasse G geben.

Brüssel Keine Straßenzüge mehr ohne Baugerüst: Geht es nach dem Willen der EU-Kommission, soll es in Europa bald genau so aussehen. Rund 240 Millionen Gebäude umrahmen die Straßen der Europäischen Union – und sollen bis 2050 klimaneutral umgebaut werden.

Schon Ende 2021, als die Brüsseler Behörde ihr Vorhaben mit der sogenannten Gebäuderichtlinie ankündigte, ging es ihr dabei nicht nur um Klimaschutz. Der Gebäudesektor verursacht 36 Prozent aller EU-Treibhausgase, 75 Prozent aller Häuser sind energetisch ineffizient. Es ging der EU-Kommission auch um Energiesouveränität. Und dieses Thema ist aktueller denn je.

Jede zweite Wohnung wird mit Gas aus Russland beheizt – ein Fakt, der nun die Europäer vor wirkungsvollen Sanktionen gegen die russische Gasbranche zurückschrecken lässt. 

Derzeit überweisen die EU-Länder für ihre Gasimporte täglich 660 Millionen Dollar nach Russland, mit denen Präsident Wladimir Putin wiederum seinen Krieg gegen die Ukraine finanzieren kann.

„Wir brauchen eine neue Gasstrategie“, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck am Sonntag der ARD. „Da, wo wir sparen können, sollten wir sparen. Das heißt: Wir sollten damit aufhören, neue Gasheizungen in Häuser einzubauen.“ 

Zudem müsse es mit der Gebäudedämmung entschieden vorangehen, und dafür müssten die notwendigen Geldmittel bereitgestellt werden. Generell sollten die Energiestandards so angehoben werden, dass weniger geheizt werden müsse, so der Grünenpolitiker.

Auch eine Studie der Wirtschaftsberatung Cambridge Econometrics im Auftrag der European Climate Foundation kommt zu dem Schluss: Durch Sanierungen von Wohngebäuden und das Umsteigen auf alternative Heizsysteme könnte die EU bis 2030 ein Viertel der russischen Gasimporte einsparen.

Studie sieht in Wasserpumpen bessere Alternative als im Wasserstoff

Die Studienautoren empfehlen, vor allem auf Wärmepumpen als dominierende Heiztechnologie zu setzen. Eine Wärmepumpe entzieht der Umwelt Wärme, um damit den Innenraum eines Hauses zu heizen. 

Sich auf Wasserstoff als Erdgasersatz zu fokussieren, lehnen sie dagegen ab: Diese Technologie sei nach wie vor zu wenig ausgreift, zu teuer und schaffe wiederum Energieabhängigkeit, da auch bei dieser Technologie Gasimporte nötig seien.

Allerdings: Um wirklich die russischen Gasimporte um ein Viertel reduzieren zu können, kalkuliert die Studie mit einer jährlichen Renovierungsquote von 3,5 Prozent bis 2030. Derzeit liegt sie bei ein Prozent.

Die EU-Kommission hatte im Dezember das Ziel von zwei Prozent bis 2030 angegeben. Bis 2030 soll kein Privatgebäude mehr die schlechteste Effizienzklasse G aufweisen dürfen, bis 2033 muss dann jedes Haus mindestens auf die Energieeffizienzklasse E saniert werden. 

Das sind Stand jetzt 15 Prozent des EU-Gebäudebestands. Neubauten sollen bis dahin komplett klimaneutral sein. Für öffentliche Gebäude greifen diese Ziele schon jeweils drei Jahre früher.

Ab spätestens 2027 soll es außerdem keine Förderung mehr für fossil betriebene Heiztechnologien geben. Die Mitgliedstaaten bekommen die rechtliche Möglichkeit, die Nutzung fossiler Brennstoffe in Gebäude ihren Einwohnern komplett zu verbieten. Ab 2040 sollen sie dann EU-weit komplett verboten sein.

Die nötigen Handwerker fehlen

Aus der Immobilienwirtschaft kommt deshalb prompt scharfe Kritik: Die Ziele der Kommission seien allein deshalb schon nicht umsetzbar, weil es zu wenig Handwerker und zu wenig für Dämmungen notwendige Materialien gebe, so der Tenor zahlreicher Verbände.

Zudem: „Man kann nicht alle Häuser in Europa über einen Kamm scheren. Eine spanische Reihenhaussiedlung lässt sich mit einem denkmalgeschützten Gründerzeithaus in der Wiener Innenstadt nun einmal nicht vergleichen“, sagte der Präsident des Österreichischen Haus- und Grundbesitzerbunds, Martin Prunbauer.

Dementsprechend verhalten sind bislang die Reaktionen aus Rat und Kommission auf den Vorschlag der Kommission. Für die Mitgliedstaaten bedeuten die Ziele der Kommission eine verschieden hohe Bürde. Besonders in den ärmeren EU-Staaten, wie Bulgarien und Rumänien, betreffen die Maßnahmen deutlich mehr Gebäude als im wohlhabenderen Nord- und Westeuropa.

75 Prozent der europäischen Gebäude sind energetisch ineffizient. imago images/H. Tschanz-Hofmann

Denkmalgeschütztes Haus in der Altstadt von Bukarest

75 Prozent der europäischen Gebäude sind energetisch ineffizient.

Auch die französische Ratspräsidentschaft hat dem Thema bislang keine hohe Priorität eingeräumt, weiß sie doch um die soziale Sprengkraft, die das Thema birgt. „Wir müssen sehr stark aufpassen, dass die Mietpreise nicht noch weiter steigen“, lauten die Bedenken ebenso in Parlamentskreisen.

In Deutschland kann der Vermieter jährlich acht Prozent der Renovierungskosten auf den Mieter umlegen: die sogenannte Modernisierungsmieterhöhung. Schon jetzt gibt jeder siebte Deutsche mehr als 40 Prozent seines Einkommens fürs Wohnen aus.

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