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21.01.2022

04:15

Schule von morgen

Studie: Viele Interessierte am Lehramtsberuf sind für den Job wenig geeignet

Von: Barbara Gillmann, Claudia Obmann

Den Schulen fehlen Zehntausende Lehrer, für den Beruf können sich Topschüler aber meist nicht begeistern. Experten fordern eine Imagekampagne, mehr Geld und Karrierechancen. 

Eine Studie attestiert am Lehrberuf interessierten Abiturienten unter anderem mangelndes Selbstvertrauen. dpa

Lehrer vor einem Smartboard

Eine Studie attestiert am Lehrberuf interessierten Abiturienten unter anderem mangelndes Selbstvertrauen.

Berlin, Düsseldorf Die Schule von morgen braucht Toplehrer – Topschüler interessieren sich aber nicht für den Lehrerberuf. Einser-Abiturienten haben zwar eine enorme Hochachtung vor Lehrkräften. Dennoch können sich lediglich elf Prozent von ihnen selbst ein Leben als Pädagoge vorstellen. Das zeigt eine Studie des Stifterverbands mit McKinsey, die dem Handelsblatt vorliegt. 

Volker Meyer-Guckel, Generalsekretär des Stifterverbands, sieht darin ein großes Problem. Es brauche „exzellente Lehrkräfte, um den Nachwuchs auf die künftige Arbeits- und Lebenswelt vorzubereiten“. Um auch die besten Abiturientinnen und Abiturienten für das Lehramt zu interessieren, müsse die Lehrerlaufbahn dringend wieder attraktiver werden. 

Deutlich größeres Interesse am Lehrerberuf haben der Befragung unter 432 jungen Männern und Frauen zufolge eher die Falschen. Die Interessierten halten sich zwar für empathisch und gehen gern mit jungen Menschen um, haben aber schlechtere Noten.

Der Abi-Schnitt der interessierten Abiturienten sank gegenüber einer früheren Befragung von 2014 von 2,1 auf nur noch 2,5 – und das bei tendenziell steigenden Abiturnotendurchschnitten. „Gute Abiturnoten allein befähigen zwar nicht zwangsläufig zum Lehrerberuf, sind aber ein guter Indikator für fachliche Versiertheit“, sagt Meyer-Guckel.

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    Der Umfrage nach begeistern sich die potenziellen zukünftigen Lehrkräfte zudem nur am Rand für Digitalisierung. Nur jeder achte Interessierte hat Spaß daran, sich mit Technologien auseinanderzusetzen, nur ein Viertel fühlt sich fit im digitalen Arbeiten. Ohne Digitalisierung wird in der Schule der Zukunft aber auch jenseits der Pandemie nichts mehr gehen.

    Bewerbern mangelt es an Selbstbewusstsein

    Dazu fehlt es vielfach an den nötigen persönlichen Fähigkeiten, die Lehrer haben sollten: Nur zehn bis 13 Prozent der interessierten Abiturienten zählen hohes Selbstvertrauen, Resilienz gegenüber Rückschlagen oder die Fähigkeit, vor Gruppen zu reden, zu ihren besonderen Stärken.

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    Topschüler hingegen zieht es eher in die Wirtschaft. Besonders wichtig sind ihnen „Spaß an der Arbeit“, „Einkommen“ und „Aufstiegsmöglichkeiten“. Diese Aspekte verbinden sie aber kaum mit dem Lehrerberuf.

    Defizite bei vielen Lehramtsanwärtern sind nichts Neues: Für Aufruhr hatte 2006 die „Potsdamer Lehrerstudie“ gesorgt: Eine Befragung von 2500 Lehramtsstudenten ergab bei einem „nicht geringen Teil problematische Voraussetzungen“. Dazu gehörten „Einschränkungen der Widerstandskraft, Defizite in sozialen und kommunikativen Kompetenzen und ein nur mäßig ausgeprägtes Selbstbewusstsein“, attestierte damals der Psychologe Uwe Schaarschmidt.

    Die damalige Kultusministerpräsidentin Ute Erdsiek-Rave (SPD) zeigte sich hochgradig besorgt und warb für den Einsatz des von Schaarschmidt entwickelten „Selbst-Tests“ für Lehramtsinteressierte. Angesichts des chronischen Lehrermangels sind die Minister allerdings in der misslichen Lage, kaum auswählen zu können – „wir müssen ja doch jeden nehmen“, heißt es hinter vorgehaltener Hand. 

    Nach den Zahlen der Kultusministerkonferenz (KMK) fehlen allein an Grundschulen bis 2025 bundesweit knapp 11.000 Lehrkräfte. In der Mittelstufe und in Berufsschulen mangelt es bis 2030 jährlich im Durchschnitt an rund 3000 Kräften. Die Bertelsmann Stiftung geht von einem noch weit größeren Mangel aus. Nach ihrer Rechnung fehlen bis 2025 sogar gut 26.000 zusätzliche Pädagoginnen und Pädagogen an Grundschulen. 

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    Die neue KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU) will in Schleswig-Holstein Naturwissenschaftler aus dem Bachelorstudium ansprechen. Generell müsse der Lehrerberuf „mehr Wertschätzung“ bekommen.

    Der Stifterverband und McKinsey empfehlen der Politik, den Schulen mehr Freiheit bei der Einstellung von Lehrkräften zu geben und die Zugangskriterien zu flexibilisieren. Daneben raten sie zu einem „systematischen Aufstiegs- und Qualifizierungssystem“ – und als Sahnehäubchen zu dem Angebot, „für ein Jahr Erfahrung in anderen Systemen und Bereichen sammeln zu können“, also etwa in der Wirtschaft.

    Auch der Pisa-Experte der OECD, Andreas Schleicher, kritisiert seit Langem mangelnde Entfaltungsmöglichkeiten für Lehrer in Deutschland. Der Philologenverband, also die Organisation der Gymnasiallehrer, beklagt sogar eine „zunehmende Entprofessionalisierung des Lehrerberufs“. 

    Die Autoren der Stifterverband-Studie raten dazu, den Job stärker für Quereinsteiger zu öffnen. Diese Möglichkeit praktizieren die Länder bisher eher als Notlösung und unabgestimmt. Stattdessen müssten sie schnellstmöglich und nicht erst 2023 die versprochenen Standards für die Nachqualifikation der Quer- und Seiteneinsteiger fertigstellen, fordert die Vorsitzende des Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing.

    Kampagne wie für die Bundeswehr

    Die Personal- und Managementberatung Kienbaum empfiehlt eine Imagekampagne: „Die sehr erfolgreiche Kampagne der Bundeswehr in den sozialen Medien hat ja gezeigt, wie hoch die Wirkung sein kann“, sagt Partner Hilmar Schmidt, der schon lange den öffentlichen Dienst berät. 

    Dabei sollten die Kultusminister unbedingt „die enorm hohe Sinnhaftigkeit des Lehrerberufs ansprechen“. Schließlich gebe es bei jungen Leuten „die klare Tendenz, Jobs mit Purpose zu bevorzugen“. Das gelte auch für die Sicherheit des Lehrerberufs. Letzteres hat die Politik bereits beherzigt: Inzwischen verbeamten alle Länder Lehrkräfte wieder.  

    Nun müssen sie allerdings auch beim Gehalt nachlegen, meint Schmidt. „Topkräfte schreckt die Höhe der Vergütung vor allem im Haupt-, Real- und Grundschulbereich ab.“

    Die Digitalisierung ist essentiell für die Schule von morgen. dpa

    Schüler am Computer

    Die Digitalisierung ist essentiell für die Schule von morgen.

    Nach den Daten der OECD werden deutsche Lehrer zwar heute schon gut bezahlt. So liegt ihre Vergütung um gut 70 Prozent über der Bezahlung der Kollegen aus anderen Industrieländern. Zudem verdienen sie im Schnitt bis zu neun Prozent mehr als andere Akademiker in Deutschland. Allerdings ziehen die gut bezahlten Gymnasiallehrer den deutschen Schnitt deutlich nach oben. 

    Zentral ist zudem die Weiterbildung, sind sich Stifterverband, McKinsey und Kienbaum einig. Bei Digitalisierung und Medienpädagogik gebe es bei Lehrkräften „enorm Luft nach oben“, sagt Berater Schmidt. Schulen mit inhaltlichen Schwerpunkten wirkten „sehr anziehend auf junge, talentierte Lehrerinnen und Lehrer“ und hätten deutlich seltener personelle Engpässe. Ein Anreiz seien zudem Schulen mit moderner Infrastruktur.

    Vielfältige Karriereperspektiven nötig

    Ein Vorbild für Deutschland könnte Finnland sein. Dort kommen trotz deutlich geringerer Gehälter auf jede Lehrerstelle sieben bis zehn Bewerber. OECD-Direktor Schleicher führt dies auf „fantastische Möglichkeiten, Unterricht von unten zu entwickeln, und klarere und vielfältigere Karriereperspektiven jenseits des Schulleiterpostens“ zurück.

    Ein positives Beispiel seien zudem die Niederlande. Dort würden 85 Prozent der relevanten Entscheidungen vor Ort in den Schulen getroffen, sagt Schleicher. In Deutschland seien es hingegen nur 13 Prozent.

    Solange allerdings die Digitalisierung der Schulen weit der jedes durchschnittlichen Unternehmens hinterherhinkt, dürfte eine Imagekampagne schwer sein. Hier verspricht die neue Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) nicht nur die Verstetigung der Bundeshilfe. Gemeinsam mit Ländern und Kommunen will sie auch schon in Kürze Ideen sammeln, wie die Umsetzung vor Ort schneller funktionieren kann. 

    Parallel dazu müssen aber auch die Universitäten den künftigen Pädagogen mehr digitale Kompetenzen vermitteln, fordert der Stifterverband. Um sie dann im Alltag zumindest von lästiger IT-Verwaltung zu entlasten, empfiehlt Kienbaum den Einsatz von IT-Assistenten. 

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