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09.07.2022

08:00

Schwellenländer

„Demütige Bitte“ um Öl: Wie Asiens Krisenstaaten zu Vasallen Russlands werden

Von: Mathias Peer

Sri Lanka ist zahlungsunfähig, Laos steht vor der Staatspleite. Beide Länder flehen Moskau um Hilfe an – und folgen damit dem Vorbild Indiens und Chinas.

Tuk-Tuk-Fahrer in Sri Lanka IMAGO/NurPhoto

Tuk-Tuk-Fahrer warten auf Benzin

An den Tankstellen von Sri Lanka geht nichts mehr. Dem wirtschaftlich strauchelnden Land ist der Sprit ausgegangen.

Bangkok Ein ganzes Land steht still: Dem südasiatischen Inselstaat Sri Lanka ist inmitten der schwersten Wirtschaftskrise seiner Geschichte der Treibstoff ausgegangen. Die letzten Reserven dürfen nur noch für absolut notwendige Dienstleistungen wie den Transport von Nahrungsmitteln und Kranken verwendet werden.

Privatleute haben vorerst keine Chance auf eine Tankfüllung. Auf die nächste Benzinlieferung muss das Land noch mehrere Wochen warten – und es ist völlig unklar, ob die Regierung genug Geld findet, um den Treibstoff zu bezahlen.

In der verzweifelten Lage ruft die Führung des Landes nun Russland um Hilfe. Präsident Gotabaya Rajapaksa wandte sich mit der Bitte um Unterstützung bei der Treibstoffversorgung diese Woche direkt an seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin.

Sri Lanka ist in Asien nicht das einzige Land, das sich angesichts eines drohenden wirtschaftlichen Kollapses enger an Russland bindet: Auch das vor der Staatspleite stehende Laos hofft auf rettende Öllieferungen aus Moskau. Für den im Westen geächteten Kreml bieten die Notlagen die Möglichkeit, sich in Asien als Wohltäter in Szene zu setzen.

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    Politischen Widerstand wegen seines Überfalls auf die Ukraine muss Putin bei seinen wirtschaftlich strauchelnden Gesprächspartnern nicht befürchten: Sie treten bei ihm als Bittsteller auf. Er habe den russischen Präsidenten in einem Telefonat „demütig gebeten“, wieder Passagierflugzeuge mit russischen Touristen in sein Land zu schicken, teilte Sri Lankas Staatschef Rajapaksa auf Twitter mit. Zudem habe er bei Russland eine Kreditlinie angefragt, um Treibstoff importieren zu können.

    Ukrainekrieg beschleunigte den Absturz

    Die Hilferufe sind die Folge einer Wirtschaftskrise, die durch den Ukrainekrieg massiv verschärft wurde: Das 22 Millionen Einwohner große Land im Indischen Ozean ist heillos überschuldet und gilt seit einer versäumten Zahlung im Mai als bankrott.

    Die Probleme bestanden zwar bereits vor dem russischen Angriffskrieg. Der starke Anstieg von Energie- und Nahrungsmittelpreisen beschleunigte jedoch den Absturz: Die Inflationsrate stieg im Juni auf ein neues Rekordhoch von 55 Prozent. Lebensmittel hatten sich gar um 80 Prozent verteuert.

    Sri Lankas Präsident Gotabaya Rajapaksa AP

    Gotabaya Rajapaksa

    Freund in wirtschaftlicher Not? Der Präsident Sri Lankas bat Putin in einem Telefonat um Hilfe.

    Wichtige Güter sind rar geworden: Wer Gas zum Kochen kaufen will, muss tagelang dafür anstehen. Beobachter sprechen bereits von einer humanitären Krise. Laut einer Umfrage des UN-Kinderhilfswerks Unicef müssen 70 Prozent der Haushalte ihren Lebensmittelkonsum einschränken. Gespräche über ein Hilfspaket mit dem Internationalen Währungsfonds gingen Ende Juni ohne Ergebnis zu Ende.

    Ähnlich prekär ist die Lage in Laos, das zu den ärmsten Staaten Südostasiens zählt. Das Land, das zwischen Thailand und China liegt, steht laut Ratingagenturen ebenfalls kurz vor der Pleite.

    Die Landeswährung Kip hat seit Jahresbeginn im Vergleich zum Dollar um mehr als ein Drittel abgewertet. Die Inflationsrate liegt derzeit bei fast 24 Prozent – der höchste Stand seit der Jahrtausendwende.

    Treibstoffimporte verteuerten sich besonders stark. In den vergangenen Wochen kam es deshalb zu erheblichen Engpässen. Autofahrer mussten an den Tankstellen stundenlang warten. Eine Spritlieferung im Juni brachte zwar vorübergehend etwas Entspannung – doch die Menge dürfte nur noch einige Wochen reichen.

    Von Russland erhofft sich die kommunistische Regierung in der Hauptstadt Vientiane nachhaltige Unterstützung. Premierminister Phankham Viphavanh wies sein Kabinett an, nach Möglichkeiten zu suchen, um verbilligtes Öl aus Russland zu importieren. Ähnlich reagiert das wirtschaftlich ebenfalls angeschlagene Pakistan. Die Regierung in Islamabad teilte vergangene Woche mit, man sei offen für günstiges Öl aus Russland.

    Russlands Charmeoffensive hat Erfolg

    Vorbild dürften Indien und China sein: Während der Westen versucht, sich von russischen Energieimporten zu lösen, haben Asiens größte Schwellenländer ihre Geschäfte mit dem Kreml deutlich ausgebaut und profitieren dabei von erheblichen Preisnachlässen. Für Russland lohnen sich die Vereinbarungen dennoch: In den drei Monaten nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine gaben Indien und China laut Zollangaben 24 Milliarden Dollar für russische Energie aus – 13 Milliarden Dollar mehr als im Vorjahreszeitraum.

    Bereits im April hatte Russlands Regierung angekündigt, „freundlich gesinnten Nationen“ bei Öllieferungen entgegenkommen zu wollen. Auch sonst präsentierte sich die Regierung in Moskau hilfsbereit: Sri Lanka bekam von Russland nach Regierungsangaben im Kampf gegen Lebensmittelengpässe zusätzliche Weizenlieferungen angeboten.

    Wladimir Putin und Indiens Premier Modi imago images/Hindustan Times

    Putin und Indiens Premier Modi im vergangenen Dezember

    Auf der Suche nach billigem Öl nähert sich Indien seit längerem Russland an. Der Krieg hat daran nichts geändert.

    Die russische Charmeoffensive hat Erfolg: In Asien ist das Land bei Weitem nicht so isoliert, wie es der Westen gerne hätte. Vietnam empfing diese Woche den russischen Außenminister Sergej Lawrow mit offenen Armen. „Russland wird für immer unser wichtigster Partner bleiben“, sagte der vietnamesische Außenminister Bui Thanh Son bei einem Treffen mit seinem Amtskollegen in Hanoi. Das Schwellenland hatte sich in der UN-Vollversammlung bei der Abstimmung über eine Resolution gegen Russlands Angriffskrieg enthalten – genauso wie Laos, Sri Lanka, Indien und China.

    Auch in anderen Teilen des Kontinents ist Russland als Gesprächspartner nach wie vor akzeptiert: Am Donnerstag traf Lawrow zum Gipfel der G20-Staaten in Indonesien ein. Kambodscha nutzte den Anlass, um den russischen Außenminister zu einem Treffen des südostasiatischen Staatenbundes Asean Anfang August einzuladen. Offiziell beschreiben sich fast alle Länder der Region mit Blick auf den Ukrainekrieg als neutral. In Südostasien schloss sich nur Singapur den westlichen Sanktionen an.

    Für Russland ist die Region nicht nur wichtig als möglicher Energie-Absatzmarkt. Auch bei Technologie-Importen ist Russland auf asiatische Hersteller angewiesen. Im Jahr 2020 bezog das Land ein Drittel seiner Halbleiter aus Südostasien – der Großteil davon stammte aus Malaysia, Russlands wichtigstem Lieferanten nach China.

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