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10.08.2018

18:06 Uhr

Schwiegersohn des Präsidenten

Berat Albayrak, der Mann im Schatten Erdogans

VonOzan Demircan

Der türkische Finanzminister Berat Albayrak will eigene Akzente setzen. Doch der eigene Schwiegervater blockiert den Aufstieg: Präsident Erdogan.

Türkei: Berat Albayrak, der Mann im Schatten Erdogans AFP

Berat Albayrak

Der türkische Finanzminister wollte ein neues Wirtschaftsmodell vorstellen. Doch Schwiegervater Erdogan brachte ihn ganz schön ins Schwitzen.

IstanbulIm Hause Erdogan gilt eine ungeschriebene Regel: Erst spricht das Familienoberhaupt, dann der Schwiegersohn. Das bekam Berat Albayrak am heutigen Freitag deutlich zu spüren. Um 14.30 Uhr Ortszeit wollte der türkische Finanzminister vor die Presse treten, um ein „neues ökonomisches Modell“ vorzustellen. Politiker, Analysten und Investoren auf der ganzen Welt hatten den Auftritt mit großer Spannung erwartet.

Doch sein Schwiegervater, Staatspräsident Erdogan, hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht mit einer Wahlkampfrede in einem türkischen Schwarzmeerort begonnen. Die war ursprünglich für 14 Uhr vorgesehen. Weltwirtschaftspolitik hin oder her: Albayrak musste warten bis sein Präsident fertig war.

Das Ergebnis ist ein doppeltes Fiasko für den türkischen Finanzminister: Zum einen gelang Albayrak mit seinem vorgestellten Programm kein großer Wurf. Erwartet worden war eine konkrete Handhabe, um die Schwäche der türkischen Lira in den Griff zu bekommen und das Wirtschaftswachstum langfristig zu sichern. Doch es kamen fast nur Lippenbekenntnisse. Zum anderen verlor die türkische Lira schon allein während seiner einstündigen Rede mehrere Prozente an Wert.

Dabei hat der 40 Jahre alte Minister bisher eine Traumkarriere hingelegt. In Ankara werden ihm bereits Ambitionen für das höchste Amt des Staates nachgesagt. Doch derzeit scheint es, als gelinge es ihm nicht, aus Erdogans Schatten herauszutreten. Im Gegenteil: Die Folgen von Erdogans Machtpolitik bremsen den agilen Finanzminister aus. Weil Erdogan als Präsident auch noch die Finanzpolitik mitbestimmen will, droht dem Manager-Talent Albayrak ein langes Schattendasein.

Wie eng Albayraks Aufstieg mit dem politischen Erfolg Erdogans verbunden ist, zeigt die bisherige Karriere des Finanzministers. Nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Istanbul startete er 1999 als 21-Jähriger bei der Calik Holding, einem großen türkischen Mischkonzern.

Das sagen Analysten zum Währungsverfall in der Türkei

Lutz Karpowitz (Commerzbank)

„Bisher zeigt sich Präsident Erdogan von der Reaktion der Finanzmärkte unbeeindruckt. Das ist ein gefährliches Spiel: Je später er nachgibt, desto größer der Schaden, denn ohne Politikwechsel dürfte die Lage weiter eskalieren. Dann wären auch Kapitalverkehrskontrollen wahrscheinlich. Wer derzeit nicht auf ein Einlenken von Erdogan setzen mag, sollte weitere massive Lira-Schwäche einplanen.“

Michael Hewson (CMC Markets)

„Seit geraumer Zeit haben Investoren die sich entwickelnde Währungskrise in der Türkei als lokales Problem eingestuft, aber das beschleunigte Tempo des Absturzes nährt die Sorgen um das Türkei-Engagement europäischer Banken. Die Aussicht auf ein neues Wirtschaftsmodell, das vorgestellt werden soll, lindert diese nicht, vor dem Hintergrund eines Präsidenten, der göttlichen Beistand erfleht und seine Leute gegen den Rest der Welt stellt.“

Carsten Hesse (Berenberg Bank)

„Die Türkei steckt in großen Schwierigkeiten. Nach einem kreditgetriebenen Boom weisen der Anstieg der Inflation und der dramatische Währungsverfall in 2018 darauf hin, dass das Land nun Gefahr läuft, auf eine Pleite zuzusteuern. Neben den auf der Hand liegenden Risiken für die Türkei selbst, wirft das die Frage auf, wie stark die Eurozone davon beeinträchtigt würde. Unserer Meinung nach wäre der Einfluss auf das BIP der Eurozone gering. Selbst wenn die Exporte in die Türkei um 20 Prozent einbrechen würden, würde das nur 0,1 Prozentpunkt des Wachstums in der Eurozone wegnehmen.“

Manuel Andersch (BayernLB)

„Die Lira scheint nun im freien Fall zu sein. Sofern sich die türkische Zentralbank jetzt nicht von den politischen Fesseln Erdogans löst und den Leitzins drastisch anhebt, ist eine Zahlungsbilanzkrise unausweichlich.“

Clemens Bundschuh (LBBW)

„Türkische Lira im Abwärtsstrudel. Kein Vertrauen. Und das ist aktuell das Hauptproblem der Türkei. Die Investoren verkaufen im großen Stil türkische Aktien und Anleihen und sorgen damit für immer mehr Abwertungsdruck. Anfangs waren noch mangelnde Rechtssicherheit und Unabhängigkeit der Zentralbank im Kampf gegen die horrende Inflation das Hauptproblem. Mittlerweile spielen die Märkte durchaus einen Default der Türkei durch.“

Thomas Gitzel (VP Bank)

„Die angespannte Situation könnte durch ein beherztes Vorgehen der türkischen Notenbank abgemildert werden. Nötig wäre eine kräftige Zinserhöhung, die zu erkennen gäbe, dass die Währungshüter am Bosporus gewillt sind, dem Verfall der heimischen Währung nicht tatenlos zuzusehen. Doch genau hierbei mangelte es in den vergangenen Tagen und Wochen.“

Im Jahr 2004 heiratete er Esra Erdogan, eine Tochter des Staatschefs. Kurz darauf ernannte sein Arbeitgeber Albayrak zum US-Landeschef des Unternehmens. 2007 wurde er Vorstandschef. Da war Albayrak 29 Jahre alt und damit in einem Alter, in dem andere Betriebswirte ihre Karriere gerade erst starten.

Seit Juni 2015 ist Albayrak Abgeordneter der Großen Türkischen Nationalversammlung, dem Parlament des Landes. Nicht mal ein halbes Jahr später war er schon Energieminister. Sein Schwiegervater hatte sich ein Jahr zuvor zum Präsidenten wählen lassen.

Erdogan machte den Schwiegersohn zum Finanzminister

Und jetzt, wo Erdogan nach einer weiteren Wahl mit erheblichen Vollmachten ausgestattet ist, machte er den Schwiegersohn zum Finanzminister. Und dieser Job fordert Albayrak: Die türkische Lira verlor zum US-Dollar alleine seit Jahresbeginn zwei Drittel an Wert, die Inflation liegt bei 15 Prozent und das Wirtschaftswachstum muss nach einem milliardenschweren Konjunkturpaket wieder in ruhigere Bahnen gelenkt werden.

So wollte Albayrak mit seiner Rede am heutigen Freitag beweisen: Die türkischen Märkte sind berechenbar. „Einer unserer Grundsätze wird sein, die vollkommene Unabhängigkeit der Geldpolitik zu gewährleisten“, sagte er. Mehrmals wischte er sich bei der Rede mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn – vielleicht, weil er ahnte oder bereits wusste, dass seine Worte nicht mehr viel Gewicht haben würden.

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Der US-Präsident verdoppelt die Zölle auf türkischen Stahl und Aluminium. Der türkische Präsident Erdogan appelliert an die Bevölkerung, Euro, Dollar und Gold in Lira zu tauschen.

Denn eine halbe Stunde vor seinem Finanzminister hatte Erdogan den Lira-Verfall nicht etwa auf seine Einmischung in die Politik der Währungshüter geschoben, sondern von einem „Wirtschaftskrieg“ und einer „Kampagne des Westens gegen die Türkei“ gesprochen. So hatte der türkische Präsident mit seiner Rede das Vorhaben Albayraks bereits konterkariert bevor der überhaupt gesprochen hatte.

Albayrak gilt als guter Manager, der zuhören kann, aber auch seine eigene Ideen umsetzt. Leute aus seinem Umfeld schätzen seine relativ unkomplizierte Art. „Er weiß, wie die Wirtschaft denkt“, sagt ein Manager aus dem Energiesektor über den ehemaligen Energieminister.

Ob ihm dieses Zeugnis auch als Finanzminister ausgestellt wird, ist offen. Viel hängt davon ab, ob Albayrak aus Erdogans Schatten hinaustreten kann. Und ob Erdogan ihn hinaustreten lässt.

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