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21.06.2019

17:03

Serie: Global Risk Report

So leidet die Wirtschaft im Iran unter dem Machtspiel mit den USA

Von: Mathias Brüggmann, Mahya Karbalaii

Der gestoppte Militärschlag der USA auf den Iran zeigt, wie explosiv die Lage ist. Eine Eskalation würde den Absturz der iranischen Wirtschaft massiv beschleunigen.

Die US-Sanktionen belasten die Wirtschaft und die Bevölkerung des Landes. Bloomberg/Getty Images

Iran

Die US-Sanktionen belasten die Wirtschaft und die Bevölkerung des Landes.

Berlin, Teheran Die Folgen der internationalen Konfrontation zwischen Washington und Teheran sind selbst in dem 16 Quadratmeter großen Kosmetikladen von Saeede Abedi im Norden Teherans zu besichtigen. Wo vor einem Jahr noch Produkte von L'Oréal, Beiersdorf und Wella standen, stapeln sich nun „Maral“ und „Atousa“, nach iranischen Frauennamen benannte iranische Haarfärbemittel, sowie Billigimporte aus China oder der Türkei im Regal. „West-Importe sind so teuer geworden, dass sie sich kaum noch jemand leisten kann“, berichtet die Kosmetikerin, die mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zwei Kosmetikgeschäfte im Norden von Teheran betreibt.

„Unser Umsatz beträgt nur noch ein Fünftel des vorangegangenen Jahres“, erzählt Saeede Abedi. Zwar verkaufe sie nicht weniger Ware, aber inzwischen deutlich billigere, weil die meisten Iraner sich im Abwärtsstrudel von Rezession und Inflation keine teuren Produkte mehr leisten können.

Ein iranischer Lippenstift kostet etwa 300.000 Rial, das sind umgerechnet nach dem Schwarzmarktkurs 2,30 Euro, nach offizieller Tauschrate 7,14 Euro. „Jede ausländische Marke beginnt bei einer Million Rial, sagt die Kosmetikerin.

Im Mai 2018 ist US-Präsident Donald Trump einseitig aus dem Atomabkommen ausgestiegen, das sein Vorgänger Barack Obama gemeinsam mit Europa, China und Russland 2015 mit dem Iran geschlossenen hatte. Trump verhängte die „härtesten Sanktionen aller Zeiten“.

Sie treffen Irans Wirtschaft empfindlich. Der Kurs der heimischen Währung Rial ist seither zum Dollar um zwei Drittel eingebrochen, die Inflation auf 31,2 Prozent geschnellt, und die wichtigen Ölexporte sind auf einen Bruchteil gesunken.

Doch es könnte noch weitaus schlimmer kommen. Die Perspektiven für den mit mehr als 80 Millionen Menschen mit Abstand bevölkerungsreichsten Golfstaat sind düster: Fast hätte der Abschuss einer US-Drohne durch Teheran in dieser Woche zu dem seit Wochen befürchteten Krieg am Golf geführt.

US-Präsident Donald Trump hatte bereits gemeinsam mit Außenminister Mike Pompeo und US-Sicherheitsberater John Bolton einen Militärschlag beschlossen, bevor er ihn in letzter Minute stoppte. Das bestätigte Trump am Freitagnachmittag auf Twitter. Angriffe auf Öltanker, Drohnenbeschüsse, neue Sanktionen – die USA und Iran liefern sich ein gefährliches Machtspiel.

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Und selbst wenn die Lage militärisch nicht weiter eskaliert, könnte der Ausstieg des Iran aus dem internationalen Nuklearabkommen die Lage im Land weiter verschlechtern. Sollte Iran bis Ende des Monats durch weitere Urananreicherung die im Nuklearabkommen festgelegte Obergrenze reißen, ist der Atomdeal tot.

Diese Ansicht vertritt nicht nur Bundesaußenminister Heiko Maas, der warnt: Dann träten „automatisch die UN-Sanktionen wieder in Kraft“. Während viele ausländische Unternehmen ihre Geschäfte ruhen lassen, würden sie Experten zufolge das Geschäft mit dem Iran dann einstellen. Es wäre der nächste Schock für die Wirtschaft, die ohnehin bereits massiv leidet.

Im vergangenen Jahr schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt des Landes bereits um fast vier Prozent, hat der Internationale Währungsfonds (IWF) berechnet. Für 2019 erwartet er, dass sich das Schrumpfen der Wirtschaft auf sechs Prozent beschleunigt. Die Industrieproduktion sank im vergangenen Jahr bereits um 9,6 Prozent – auch weil nach dem Rückzug von Renault und Peugeot die Autofertigung stark geschrumpft ist. Die Investitionen aus dem Ausland haben sich auf 914 Millionen Dollar mehr als halbiert.

Kein Geld für die Hochzeitsfeier

Die Wirtschaftsmisere hat sich bereits tief in die iranische Gesellschaft gefressen: „Ich habe zwei Söhne, Navid ist 32 und Omid 30 Jahre alt“, sagt Physiklehrer Amir Elahi. „Mich schreckt der Gedanke, dass einer von ihnen zu mir kommt und sagt, er möchte heiraten!“ Die Familie des Ehemanns muss nach persischer Tradition für Wohnung und exzessive Hochzeitsfeier aufkommen. Dafür habe er schlicht kein Geld mehr, klagt Elahi. „Wenn mir solche Gedanken in den Kopf kommen, bleibe ich die ganze Nacht wach.“

Elahi ist nicht der Einzige, der so denkt. Die Zahl der Hochzeiten sinkt. Fariba Mohammadi, Friseurin in einem der berühmtesten Schönheitssalons Teherans, erzählt: „Hatten wir vor einem Jahr etwa 15 Bräute pro Monat zu stylen, kommt jetzt kaum noch eine Braut im Monat.“

Iran

Wirtschaft schrumpft

Für das laufende Jahr erwartet der Internationale Währungsfonds einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um sechs Prozent. Die Industrieproduktion sinkt noch stärker.

Politische Risiken hoch

Irans Wirtschaft hängt an den politischen Entwicklungen. Ein Ausstieg aus dem Atomabkommen oder eine Eskalation am Golf würden den Abschwung beschleunigen.

Hohe Inflation

Die Inflation ist auf mehr als 30 Prozent gestiegen. Ein Anstieg auf 50 Prozent wird erwartet.

Dennoch nehmen die Iraner die drastische Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage bisher teilweise erstaunlich gelassen hin. Das liegt daran, dass sie diese Erfahrung schon einmal gemacht haben. Im September 2012 wurden internationale Sanktionen verhängt, die dann zu Verhandlungen und am Ende zum Abschluss des Atomabkommens führten. Damals war der Rial über Nacht auf ein Viertel seines Werts zum Dollar gefallen. „Wenn wir ein Land wären, in dem solche Schocks noch nicht vorgekommen wären, wären die Menschen natürlich längst in Panik geraten“, sagt Mojgan Hosseini, 53, eine leitende IT-Beraterin. So haben sich viele Iraner mit Bargeldreserven gewappnet für noch schlechtere Zeiten.

Zwischen zehn und 25 Milliarden Dollar haben die Iraner Schätzungen zufolge unter Matratzen oder in Safes zu Hause gehortet. Um das Vertrauen ins Banksystem wieder zu stärken, hat der Majlis, Irans Parlament, gerade eine Garantie für Bankeinlagen beschlossen. „Doch das wird das verloren gegangene Vertrauen kaum schnell wiederherstellen“, räumt selbst Kamran Nadri vom Geld- und Bankenforschungsinstitut der iranischen Zentralbank ein. „Wirtschaftliche Härte und knappe Devisenreserven schüren das öffentliche Misstrauen und werfen die Frage auf, ob die Zentralbank in der Lage ist, die erforderlichen Banknoten für diese Einlagengarantie bereitzustellen.“

Großbanken wickeln keinen Zahlungsverkehr mehr ab

Der internationale Zahlungsverkehr ist im Iran weitgehend zusammengebrochen. In Deutschland wickelt nur noch eine Handvoll Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken Zahlungsverkehr zwischen iranischen und deutschen Firmen ab. Alle Großbanken haben sich zurückgezogen. Trotz des von der EU erlassenen Blocking-Statuts, das es eigentlich untersagt, sich US-Sanktionen anzuschließen. Auch ließen fast alle europäischen Unternehmen zurzeit das Iran-Geschäft ruhen, sagt Helene Rang, geschäftsführende Vorständin des Nah- und Mittelostvereins der deutschen Wirtschaft.

„Seit letztem Jahr werden wir als Wirtschaftsvertreter nicht müde zu betonen, dass deutsche und europäische Firmen und Banken sich nicht an die US-Sanktionen gegen Iran halten müssen“, sagt Dagmar von Bohnstein, Chefin der deutsch-iranischen Auslandshandelskammer (AHK) in Teheran. Auch ist ihrer Ansicht nach die Moral aufseiten Irans, solange das Land beim Atomabkommen bleibe. Allerdings, warnt die Kammerchefin, werde sich die Haltung Deutschlands und auch der deutschen Wirtschaft „in dem Moment grundlegend ändern, wenn Iran aus dem Atomvertrag aussteigt“.

Bisher seien noch einige deutsche Firmen mit entsandten Kräften vor Ort. „Auch diese Entscheidung würde mit Sicherheit überdacht“, sagt von Bohnstein. Auch Rang vom Nah- und Mittelostverein appelliert: „Iran sollte im Interesse seiner eigenen Wirtschaft mit Weitsicht und Geduld reagieren, um die Europäer auf seiner Seite zu behalten. Eine Eskalation ist gerade für die Wirtschaft keine Lösung.“

Schon jetzt hat sich der deutsch-iranische Handel halbiert: Wurden im ersten Quartal 2018 noch Waren für 679 Millionen nach Iran geliefert, so waren es in den ersten drei Monaten dieses Jahres nur noch 339 Millionen Euro. Einfuhren sind auch regulatorisch schwierig geworden. Die Zentralbank stellt iranischen Importeuren nur noch für 27 „prioritäre Waren“ wie Lebensmittel, Medikamente oder dringend benötigte Maschinen Devisen zum staatlichen Wechselkurs in begrenzter Menge zur Verfügung. Für Produkte wie Lippenstifte oder Kaffee müssen Händler Auslandswährung zum deutlich höheren Marktpreis beschaffen.

Die Importlizenzen sind nach Ansicht von Marktbeobachtern eine Quelle der Korruption. Zudem hätten Firmen der mächtigen Revolutionsgarden immer weitere Teile der Wirtschaft übernommen und ein Quasi-Außenhandelsmonopol für bestimmte Waren aufgebaut. Ausgerechnet die Hardliner seien so zu den großen Profiteuren der US-Sanktionen geworden, sagt ein Ökonom in Teheran, der namentlich nicht genannt werden will.

Der Medikamentenmangel in iranischen Krankenhäusern führt inzwischen immer häufiger dazu, das Todkranke nicht mehr behandelt werden können. Einzige Hoffnung ist, dass Irans Führung doch nicht aus dem Atomabkommen aussteigt und die Europäer ihr geplantes Zahlungsvehikel Instex zur Umgehung des US-Finanzwesens zum Laufen bringen. Anfang Juli sollen nach Handelsblatt-Informationen aus diplomatischen Kreisen in Paris die ersten Lieferungen von Krebsmedikamenten über Instex verrechnet werden.

„Wir haben nicht viel zu verlieren“

Ein Zeichen der Hoffnung wäre wichtig für die im Schnitt überdurchschnittlich gebildete Bevölkerung, in der sich zunehmend Resignation ausbreitet. „Fakt ist, dass wir nicht mehr viel zu verlieren haben“, sagt Lotfali Bakhsi, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Allame Tabatabai University und Vizepräsident der Iranischen Vereinigung der Wirtschaftswissenschaftler. Nach dem Rückzug der USA aus dem Atomabkommen habe „die EU überhaupt nichts unternommen“. Der geplante europäische Finanzkanal Instex sei „eher ein Scherz“. Vor allem kaufe fast niemand mehr iranisches Öl.

Tatsächlich sind Irans Ölexporte, die 30 bis 40 Prozent der Haushaltseinnahmen ausmachen, drastisch zurückgegangen. Binnen eines Jahres sackten die Ölausfuhren von 2,5 Millionen auf nur noch 400.000 Fass in diesem April ab. So wenig hat das persische Land zuletzt in den 1980er-Jahren exportiert. Um die Menschen dennoch in Arbeit zu halten, hat die Regierung gerade eine weitere Milliarde Dollar aus dem Staatsfonds National Development Fund (NDF) entnommen, um Arbeitsförderprogramme aufzulegen.

Teheran versucht, trotz der Sanktionen Einnahmen zu generieren: Mit „Geistertankern“, großen ölbeladenen Frachtern, die ihre Responder ausgeschaltet haben, um die Fahrtrouten zu verschleiern. Oder über die Ausfuhr petrochemischer Produkte zu Dumpingpreisen, obwohl Trump diese zuletzt auch auf die Sanktionsliste gesetzt hat.

China kauft noch iranisches Rohöl, Indien nimmt kleinere Mengen ab. Und die USA haben gerade die Ausnahmegenehmigung für den Irak erneuert, weiter iranisches Erdgas zu importieren. Ahmad Sarami vom iranischen Verband für den Export von Öl-, Gas und petrochemischen Produkten, sieht in den immer härteren US-Sanktionen eine „psychologische Kriegsführung“.

Das größte Risiko für die leidende Wirtschaft ist, dass der Konflikt am Golf eskaliert. Tanker wurden im Golf von Oman angegriffen, eine US-Drohne von den iranischen Revolutionsgarden abgeschossen. Die Möglichkeit eines weiteren katastrophalen Krieges im Nahen Osten erreiche ein neues Höchstniveau, meint der Ölexperte Nick Cunningham. Auch Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), warnt vor den Auswirkungen einer Eskalation auf die Gesamtregion: Die „Geschäftserwartungen deutscher Betriebe für das Nahostgeschäft haben sich so stark eingetrübt wie für kaum eine andere Weltregion.“

Brexit 2019

Kommentare (1)

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Herr Hans Henseler

21.06.2019, 19:12 Uhr

Es ist eine Schande, dass D sich de facto der amerikanischen Erpressung beugt, aber wie
Brecht schrieb: Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral. Einen Krieg im herkoemm-lichten Sinne wird es nicht geben: Die Amerikaner werden nie Truppen in den Iran senden,
aber sie koennen natuerlich bombardieren und damit das Land noch mehr schaedigen.
Aber auch damit wurden sie die Verbindung zwischen dem Volk und der Staatsfuehrung
speziell auch mit den radikalen Kraeften nur staerken.
Nur gut, dass China und Russland ein kleines Gegengewicht bilden.

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