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06.08.2019

11:02

Serie Klimapioniere – Teil 2

In Südafrika erleben die alternativen Energien eine Wiedergeburt

Von: Wolfgang Drechsler

In Südafrika sorgen Privatinvestoren für alternative Energieformen wie die Verbrennung von Biomüll – auch um sich vor dem Desaster des Strommonopolisten zu schützen.

Bloomberg

Südafrika

Kapstadt Wer in Südafrikas Energiemarkt erfolgreich grünen Strom produzieren will, braucht wie Dennis Thiel einen langen Atem – und den Mut, auf weniger ausgetretenen Pfaden zu wandeln. Fast jeden Morgen läuft der 31 Jahre alte Deutsche, Afrikachef des Biogasproduzenten Anaergia, von der Kapstädter Atlantikküste rund 15 Kilometer auf den berühmten Tafelberg – nicht wie die meisten Wanderer durch eine Schlucht, sondern über eine weit riskantere Route mit steilen Felsen und einem nur schwach markierten Weg.

Die Strategie

Riskant und schwer zu navigieren ist auch ein Engagement auf Südafrikas Energiemarkt, der sich vor allem durch Kehrtwenden in Sachen Klimaschutz auszeichnet. Da war zunächst die Kehrtwende 2011, als die Regierung des Landes ein ambitioniertes Programm zur Ansiedlung erneuerbarer Energie am Kap startete.

Bis dahin hatte Südafrika seinen Strom fast ausschließlich aus dem Verfeuern billiger und leicht zugänglicher Kohle gewonnen. Auf der Weltklimakonferenz im eigenen Land versprach Südafrika, seinen hohen Kohlendioxidausstoß bis 2025 um mehr als 40 Prozent zu senken. Ein neuer Energiemix sollte her.

Das Programm war enorm erfolgreich und machte Südafrika mit einem Schlag zu einem Modell für andere Schwellenländer in Sachen grüner Strom. Gleich beim ersten Anlauf 2011 investierten vor allem private Anleger auf Anhieb 200 Milliarden Rand (zwölf Milliarden Euro) in rund 60 Projekte – mehr als China oder Japan in dem Jahr.

„In immer neuen Auktionen fielen die zunächst hohen Tarife bei Wind- und Solarenergie und machten die Erneuerbaren immer konkurrenzfähiger“, erinnert sich Jens Hauser, der das Kompetenzzentrum für nachhaltige Energie der Deutschen Handelskammer in Kapstadt leitet. Während Europa seine Subventionen für grünen Strom zunehmend kappte, wurde Südafrika zum grünen Pionier unter den Schwellenländern.

Grafik

Dann jedoch folgte 2016 die zweite Kehrtwende. Zum Entsetzen der daran beteiligten Firmen stoppte die Regierung unter dem inzwischen abgelösten Präsidenten Jacob Zuma das Programm für erneuerbare Energien abrupt. Zumas Versuch, zusammen mit seinen Vertrauten und Financiers, darunter die indische Unternehmerfamilie Gupta, seinem Land einen ruinösen Nukleardeal mit Wladimir Putin über den Bau von sechs russischen Atomkraftwerken aufzuzwingen, hatte für die Erneuerbaren verheerende Folgen: Der staatliche Stromkonzern Eskom weigerte sich, weitere Verträge mit unabhängigen Stromproduzenten zu unterzeichnen.

Plötzlich befanden sich viele Projekte der Erneuerbaren in der Schwebe. Viele Investoren reduzierten ihre Präsenz im Land drastisch oder gingen ganz. Manche gingen auch pleite. Auch stiegen durch das plötzlich stark erhöhte politische Risiko vielerorts die Projektkosten, was wiederum die Finanzierung von Erneuerbare-Energie-Projekten stark erschwerte. 2017 flossen gerade noch vier Millionen Dollar in den Sektor. Südafrika ist seither ein Paradebeispiel dafür, wie schnell sich das Blatt in der Energiepolitik durch einsame Entscheidungen eines Staatschefs wenden kann.

Erst unter dem neuen Präsidenten Cyril Ramaphosa, der Zuma im Februar 2018 als Staatschef vorzeitig ablöste, wurde der Nukleardeal mit Russland schließlich ad acta gelegt – und die Kehrtwende von der Kehrtwende vollzogen. Die Regierung stellte zuletzt Ausschreibungen für Erneuerbaren-Projekte im Umfang von 50 Milliarden Rand in Aussicht, darunter viele der verzögerten Vorhaben.

In diesem instabilen Markt ist Thiel seit Jahren aktiv: Erst beriet der Elektrotechniker im Kompetenzzentrum für nachhaltige Energie potenzielle Investoren, und seit fast vier Jahren arbeitet er nun für die 2014 ins Land gekommene kanadisch-ungarische Anaergia, Weltmarktführer bei der Umwandlung von Biomüll in Methangas oder Strom.

Weltweit betreibt das Unternehmen mehr als 1.600 solcher Projekte. „Biogas löst mehr Probleme als nur den chronischen Energiemangel in Afrika“, sagt Thiel. „Unsere Anlagen reduzieren den Abfall, produzieren Energie sowie organischen Dünger und bei Bedarf auch sauberes Wasser.“

Das Projekt

Anaergias jüngstes Vorzeigeprojekt ist eine Boiler-Anlage, die das Unternehmen derzeit für eine große Spirituosengruppe im südafrikanischen Weingebiet bei Worcester plant, finanziert, baut und betreibt. Auf dem Gelände des Kunden wird fester und flüssiger Biomüll verarbeitet, etwa aus den leer gepressten Weintraubenschalen, aber auch Abwasser aus dem industriellen Prozess.

Im Gegenzug erhält der Kunde Energie in Form von Biogas oder Strom und Hitze. „Wir produzieren dort etwa 800 Kubikmeter Biogas pro Stunde. Theoretisch könnten damit rund um die Uhr bis zu 2,5 Megawatt Strom erzeugt werden“, sagt Thiel. Damit lassen sich fast 500 normale Haushalte mit Strom versorgen.

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Kommentare (1)

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Herr Hans Henseler

06.08.2019, 12:32 Uhr

500 normale Haushalte mit Strom versorgen ist nicht mal ein Tropfen auf den heissen
Stein. Alle Projekte, wo Strom alternativ wettbewerbsfaehig produziert werden kann,
sind zu loben, aber wenn dies tatsaechlich wettbewerbsfaehig stattfinden, ist Foerderung
gar nicht notwendig. Der Markt macht das schon.

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