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29.09.2022

04:00

Starbucks, Apple, Amazon

US-Gewerkschaften erleben Rekordjahr – Unternehmen sind alarmiert

Von: Sarah Sendner

PremiumPlötzlich wächst die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer in den USA. Große US-Konzerne kämpfen dagegen an.

Der Streik der US-Eisenbahn wurde in letzter Minute abgesagt. Reuters

Gewerkschaften

Der Streik der US-Eisenbahn wurde in letzter Minute abgesagt.

New York In den ersten sechs Monaten des Jahres 2022 haben sich in den USA 641 neue Gewerkschaften gegründet und damit Unternehmen unter Druck gesetzt. Die Zahl der Gründungen ist so hoch wie seit 20 Jahren nicht, zeigen von Bloomberg ausgewertete Daten des National Labor Relations Board (NLRB). Gegenüber dem Vorjahreszeitraum stieg der Wert um 80 Prozent.

So schlossen sich etwa die Mitarbeiter von mehr als 200 Starbucks-Filialen zusammen. Die Kaffeehaus-Kette reagierte mit einer umstrittenen Maßnahme: Sie kündigte an, den Stundenlohn für jene Filialen zu erhöhen, die weiterhin nicht gewerkschaftlich organisiert sind.

Die Gewerkschaften fordern Gleichstellung. Das Unternehmen argumentiert, solange es keinen geregelten Verhandlungsprozess gebe, könnten die Löhne in den gewerkschaftlich organisierten Filialen nicht erhöht werden.

Noch erbitterter wird der Streit bei Amazon ausgetragen. 2021 gründeten die Beschäftigten im Amazon-Hub JFK8 die Amazon Labor Union (ALU) – in anderen Verteilzentren hatte es das bis dahin nicht gegeben.

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Standort erkennen

    Seitdem kämpft die ALU stetig gegen den Handelsriesen, der immer wieder wegen der Behandlung seiner Arbeiter in der Kritik steht. Amazon erkennt die Gewerkschaft bis heute nicht an. Der Konzern sieht Fehler in der Abstimmung, die zur Gründung der ALU geführt hatte.

    Amazon-CEO Andy Jassy monierte zuletzt „verstörende Unregelmäßigkeiten“ bei der Abstimmung. Die zuständige Behörde NLRB konnte diese zwar nicht feststellen. Doch bis zur offiziellen Ratifizierung des Ergebnisses könnte noch einige Zeit vergehen.

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    Amazon steigert seine Bemühungen, Gewerkschaftsabstimmungen an anderen Standorten zu verhindern. 2021 gab Amazon 4,3 Millionen Dollar für Berater aus, die Labor-Unions verhindern sollen, zeigen Daten des US-Arbeitsministeriums.

    Im US-Bundesstaat Maryland schlossen sich im Juni die Mitarbeiter eines Apple-Stores erfolgreich zusammen. Es ist der erste Apple-Store in den USA mit einer gewerkschaftlich organisierten Belegschaft. Mitarbeiter eines New Yorker Apple-Stores berichteten, von Managern beiseitegenommen und über die „Risiken“ einer Gewerkschaftsgründung belehrt worden zu sein, berichtet die „Washington Post“.

    Trend gestoppt

    Durch mehr Gewerkschaften entstehen auch mehr Streiks: Laut vom Medium Vox ausgewerteten Daten des ILR Labor Action Trackers streikten im ersten Halbjahr dieses Jahres 78.000 US-Arbeitnehmer. Im Vorjahreszeitraum waren es 26.000.

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    Maßgeblicher Faktor für die jüngsten Aktivitäten der „Unions“ sei die Pandemie, erklärt Robert Combs von Bloomberg Law. Insbesondere Arbeiter, die in der Pandemie nicht zur kritischen Infrastruktur gehörten, hatten in der akuten Pandemiezeit Schwierigkeiten, Forderungen vorzubringen. „Und jetzt fragen sich viele: ,Was ist mit uns?‘“, so Combs.

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    Eigentlich sinkt seit Jahren die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder. Mit 14 Millionen Arbeitern im Jahr 2021 lag ihr Anteil gerade einmal bei 10,3 Prozent, zeigen Daten des Arbeitsministeriums. Vor rund 40 Jahren waren es noch 20 Prozent.

    Der neue Trend zu mehr Organisation könnte sich auch nach dem Ende der Pandemie fortsetzen, prognostiziert Combs. „Viele dachten, Gewerkschaftsmitglieder würden immer weniger und weniger und schließlich würden sie verschwinden. Das scheint sich aber nicht zu bewahrheiten.“ Vielmehr zeige sich jetzt, dass sich ein langer Trend umkehre. Dass die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder wieder das Niveau der 1980er-Jahre erreiche, sei allerdings unwahrscheinlich, so Combs.

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    Biden will Streiks vermeiden

    Im Weißen Haus werden die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt aufmerksam beobachtet. Anfang September hatte ein drohender Bahnstreik die Spitzenpolitiker in Aufruhr versetzt: Die Arbeitsniederlegung im Güterverkehr hätte bis zu zwei Milliarden Dollar am Tag kosten können und immense Störungen der Lieferketten in der US-Wirtschaft bedeutet.

    Für den US-Präsidenten ist die Lage besonders heikel: Einerseits war Joe Biden in der Vergangenheit ein Unterstützer der Gewerkschaften, und die Arbeiter sind für ihn eine wichtige Wählergruppe. Andererseits will er der von Inflation gebeutelten Wirtschaft und den Verbrauchern keine weiteren Belastungen zumuten.

    Der US-Präsident hat sich bisher als Unterstützer der Gewerkschaften positioniert. Bloomberg

    Joe Biden

    Der US-Präsident hat sich bisher als Unterstützer der Gewerkschaften positioniert.

    Im Fall der Bahn wurde ein Streik in letzter Minute mit viel Geld wahrscheinlich abgewendet: Nach rund 20 Stunden Verhandlungen stehen eine bessere Krankenversicherung und ein Lohnanstieg in Höhe von 14,1 Prozent zur Abstimmung für die Gewerkschaftsmitglieder.

    Biden lobte den Deal, den sein Arbeitsminister Marty Walsh zwischen den Gewerkschaften und den Bahnkonzernen erwirkte: Er sei ein „großer Gewinn“ für die USA. „Ich bin optimistisch, dass wir das auch in anderen Branchen schaffen können“, sagte Biden.

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