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02.08.2022

17:57

Start-up-Förderung

100 Einhörner bis 2030: Frankreichs Tech-Branche hofft auf Macron 2.0

Von: Gregor Waschinski, Larissa Holzki

In seiner ersten Amtszeit umgarnte der französische Präsident die heimische Start-up-Szene. Nun fragt sich die Tech-Branche, ob sie in Macrons neuer Regierung weiter Priorität genießt.

Die französischen Start-up-Szene hat große Erwartungen an die zweite Amtszeit des Präsidenten. REUTERS

Macron auf der Vivatech-Messe im Juni

Die französischen Start-up-Szene hat große Erwartungen an die zweite Amtszeit des Präsidenten.

Paris, Düsseldorf Mitte Juni trat der selbst erklärte Präsident der „Start-up-Nation“ auf einmal wieder in Erscheinung: Emmanuel Macron besuchte die Techbranche bei ihrer Vivatech-Messe in Paris und vermittelte das Gefühl, die Jungunternehmen würden auch in seiner zweiten Amtszeit Chefsache sein. Macron formulierte ein Ziel: Bis 2030 soll es in Frankreich 100 „Einhörner“ geben, also Start-ups mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar.

Wie wohl kein anderer europäischer Staats- oder Regierungschef hat sich Macron in den vergangenen Jahren um Start-ups gekümmert. Trotzdem ist sein Ziel noch weit: Aktuell zählt Frankreich 27 „Einhörner“.

Und die Tech-Branche macht sich Sorgen: Inflation, Energiekrise und Ukrainekrieg fordern die Aufmerksamkeit von Macron. Da ist fraglich, ob Fabeltiere tatsächlich noch auf der Prioritätenliste des Präsidenten und seiner neuen Regierung stehen.

Die Erwartungen des Start-up-Verbands France Digitale sind weiter groß. Die Entwicklung der Tech-Szene in Frankreich habe sich in den vergangenen fünf Jahren stark beschleunigt, sagt Generaldirektorin Maya Noël dem Handelsblatt. „Wir müssen aber weiter beschleunigen, denn wir sind noch nicht in der Reifephase.“ Es müssten „französische und europäische Tech-Champions“ entstehen. „Dafür benötigen wir noch politische Unterstützung“, sagt Noël.

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    In Deutschland beneiden viele Gründer und Start-up-Investoren die französischen Wettbewerber um ihr Staatsoberhaupt. Zwar scheint die deutsche Szene nach neuen Zahlen des Pariser Gründungszentrums Agoranov den 100 Einhörnern schon näher zu sein. Die französischen Start-up-Experten haben ein Ranking der Top 100 sogenannten „Scale-ups“ in der Europäischen Union aufgestellt. Gemeint sind Start-ups in der Wachstumsphase.

    „Deutschland hält die Goldmedaille mit 33 Scale-ups in den Top 100“, resümieren die Autoren – dabei bilden deutsche Scale-ups sogar die Hälfte der Top 10, insgesamt schaffen es acht unter die Top 20. Frankreich liegt bisher auf dem zweiten Platz, mit 30 Scale-ups in den Top 100, aber nur einer Firma unter den besten zehn und drei in den besten 20. Ausschlaggebend für das Ranking ist, wie viele Millionen die Firmen seit ihrer Gründung pro Jahr einsammeln konnten.

    Macrons neuer Start-up-Mann gilt nicht als Start-up-Experte

    Festgehalten werden muss aber auch: Frankreich hat seinen Anteil unter den Top 100 im vergangenen Jahr bereits um vier gesteigert, Deutschland hat hingegen eine Firma verloren. Und das könnte auch an Macron und seiner Initiative liegen.

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    Sein Engagement hat eine Reihe von Gesetzesänderungen gebracht: etwa Anreize im Steuerrecht, ein „Tech-Visum“ für Fachkräfte und ein attraktives Modell, um die Mitarbeiter am Firmenkapital zu beteiligen.

    Und doch ist zwischenzeitlich wieder Ernüchterung eingetreten: Als Macron nach seiner Wiederwahl im Mai den Posten des Digital-Staatssekretärs unbesetzt ließ, war in der Szene Enttäuschung zu vernehmen. Zwar erhielt das Superministerium für Finanzen und Wirtschaft von Bruno Le Maire den Zusatz „Ministerium für digitale Souveränität“, doch den Start-ups fehlte ein klarer Ansprechpartner.

    Nach der Schlappe seines Mitte-Bündnisses bei den Parlamentswahlen im Juni baute Macron sein Regierungsteam erneut um. Das Ressort von Le Maire erhielt schließlich einen „beigeordneten Minister für digitalen Wandel und Telekommunikation“, eine Ebene höher als der bisherige Staatssekretär. France Digitale begrüßte die protokollarische Aufwertung, die „die wachsende Bedeutung der Digitalfirmen für die französische Wirtschaft“ widerspiegele.

    Allerdings gibt es Zweifel an der Besetzung: Der neue Juniorminister Jean-Noël Barrot gilt zwar als fachlich versiert im Bereich von Firmengründungen und kleinen Unternehmen, doch als Experte für den Tech-Sektor trat der Ökonom bislang nicht sonderlich in Erscheinung.

    In französischen Medien war von einer politischen Besetzung die Rede. Barrot gehört einer der Mitte-Parteien an, die Macron unterstützen. Seine Erfahrung als Abgeordneter in der Nationalversammlung könnte wiederum taktisch von Vorteil sein: Angesichts der fehlenden Parlamentsmehrheit des Macron-Lagers wird der 39-Jährige im Parlament für seine digitalen Projekte kämpfen müssen. Es wird sich zeigen, wie sehr ihn Barrot dabei unterstützen kann.

    Wohl neue Maßnahmen für Krisenfestigkeit der Start-ups geplant

    Auch bei der Frage nach den nächsten Start-up-Initiativen der neuen Regierung muss sich die französische Tech-Branche noch gedulden: Premierministerin Élisabeth Borne räumte den Start-up-Anliegen in ihrer Regierungserklärung bis auf ein vages Bekenntnis zur „große Digitalnation“ Frankreich keinen Raum ein. Barrot will die Details seiner Pläne erst nach der Sommerpause vorstellen.

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    Aus seinem Umfeld erfuhr das Handelsblatt aber schon einige Prioritäten. Ein Schwerpunkt wird demnach darauf liegen, wie die Unterstützung auf unterschiedliche Phasen von Start-ups abgestimmt werden kann – von der Gründungszeit bis zum Börsengang. Mit Blick auf das durch Inflation und Zinsanstieg erschwerte Finanzierungsumfeld sollen auch Instrumente entwickelt werden, damit Tech-Gründer „Zeiten der Krise“ überstehen können.

    Angesichts des Fachkräftemangels werde man sich ebenfalls der Ausbildung und Rekrutierung von Tech-Talenten widmen. Die stark auf Paris konzentrierte Tech-Branche soll zudem stärker in die Regionen ausstrahlen. Schließlich werde es um mehr Diversität sowie Parität zwischen den Geschlechtern in den Start-ups gehen, heißt es im Ministerium.

    France Digitale hofft derweil, dass Finanzierungsinstrumente wie die mit staatlichen Geldern ausgestattete European Tech Champions Initiative ausgebaut werden. Außerdem müssten Start-ups stärker bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen berücksichtigt werden. „Da gibt es heute noch zu viele Hindernisse“, sagt Maya Noël. Nötig sei eine „Präferenz für europäische Tech-Firmen“.

    France Digitale wünscht sich auch eine Lösung für das Fachkräfteproblem. Das sei die größte Wachstumsbremse, erklärt Maya Noël. Bei seinem Auftritt auf der Vivatech-Messe gab Macron in diesem Punkt bereits ein Versprechen ab: Durch Aus- und Weiterbildungsprogramme sollen bis zu 500.000 zusätzliche Entwickler und IT-Experten auf den Arbeitsmarkt kommen.

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