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24.06.2022

04:00

Steigende Preise

Sind gierige Konzerne schuld? In den USA ist ein Streit über die Gründe der Inflation entbrannt

Von: Sarah Sendner

Demokratische Politiker sehen in einer „gewissenlosen Preistreiberei“ großer Konzerne den Grund für die steigende Inflation. Doch diese „Greedflation“-Theorie hat ihre Tücken.

Der US-Präsident betonte jüngst, sich nicht in die Arbeit der Fed einmischen zu wollen. imago images/UPI Photo

Joe Biden und Jerome Powell

Der US-Präsident betonte jüngst, sich nicht in die Arbeit der Fed einmischen zu wollen.

New York Yuh-Line Niou nutzt den Tag gegen „Corporate Greed“ – also die Gier der Großkonzerne –, um ihrem Ärger Luft zu machen. Die New Yorker Demokratin hofft bei den Midterm-Wahlen im November auf einen Sitz im Kongress und setzt dabei auch auf das Wahlkampf-Topthema in diesem Jahr: Inflation.

„Wir haben kein Inflationsproblem, wir haben ein Problem mit gierigen Unternehmen und Preistreiberei“, sagte Yuh-Line Niou bei einem Event in der Nähe der Wall Street vor wenigen Tagen. Hinter ihrem Rednerpult bewegt sich eine überlebensgroße Aufblasfigur im Wind: ein Tiger, mit einer Zigarre im Maul, der auf einem Stapel Geldscheine sitzt. Die „Corporate fat cat“ Mr. Rigs soll dabei die Wall Street symbolisieren, die ihre Vermögen beschützt.

Nur eine Handvoll Leute hören zu, als Yuh-Line Niou ihr Statement zum Thema „Greedflation“ macht. Dabei wird die Theorie, nach der die Gier der Unternehmen der größte Preistreiber sei, in den USA mittlerweile immer heftiger diskutiert. Die „Washington Post“ nannte den Erklärungsansatz für die schwindelerregenden Inflationsraten zuletzt gar eine „ökonomische Verschwörungstheorie“, die auch die demokratische Partei infiziert hätte. In Wirklichkeit ist eine Einordnung nicht ganz so einfach.

„Ein bisschen Inflation ist immer gut für unser Geschäft“

Eine hohe Nachfrage bei Problemen auf der Angebotsseite führt zu steigenden Preisen, sind sich die meisten Wirtschaftswissenschaftler einig. Tatsächlich sorgen der Handelsstreit mit China, der Ukrainekrieg, die Coronapandemie und die zuletzt immer neuen Lockdowns im wichtigen Exportland China in den USA für leere Regale und gestörte Lieferketten. Die Republikaner etwa kritisieren zugleich, dass der US-Markt übersättigt sei von der Kaufkraft der Amerikaner – nicht zuletzt auch, weil die US-Regierung in der Pandemie Milliarden in die Volkswirtschaft gepumpt habe.

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    Die New Yorker Politikerin spricht zum Thema „Greedflation“.

    Yuh-Line Niou

    Die New Yorker Politikerin spricht zum Thema „Greedflation“.

    Viele demokratische Politiker zeigen sich hingegen überzeugt, dass Unternehmen die aktuelle Ausgangslage nutzten, um die Preise zusätzlich anzuziehen, und die Inflation so außer Kontrolle geraten sei. Insbesondere für Großkonzerne ergebe sich aktuell die seltene Möglichkeit, ihre Preisstrategie anzupassen, findet auch Z. John Zhang von der Wharton School an der Universität von Pennsylvania. Und wie zum Beweis ließ sich kürzlich Rodney McMullen, CEO der Lebensmittelkette Kroger, mit den Worten vernehmen: „Ein bisschen Inflation ist immer gut für unser Geschäft.“

    Hohe Unternehmensgewinne, zum Beispiel bei Ölkonzernen und einschlägige Zitate von CEOs in Analystencalls dienen damit für das „Greedflation“-Lager als Beweis, dass Unternehmen nicht nur die Preissteigerungen angesichts der erschütterten Lieferketten an ihre Kunden weitergeben.

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    Doch es gibt auch Gegenstimmen. Dass Gewinne bei steigender Nachfrage steigen würden, sei noch kein Beweis für „Greedflation“, gibt Jason Furman, Wirtschaftswissenschaftler der US-Eliteuniversität Harvard, zu bedenken. Hinzu kämen die jüngsten Gewinnwarnungen einiger Einzelhändler, die zuletzt die ohnehin schon gebeutelten Aktienmärkte schockten – die Beweislage im Greedflation-Lager sei also dünn.

    Wie viel Profit ist zu viel Profit?

    Unbestritten ist, dass sich die Marktmacht seit dem letzten vergleichbaren Inflationsumfeld in den 1980er-Jahren stark konzentriert hat. Furman argumentiert jedoch, dass Monopole zwar ein Problem in den USA seien. Sie führten aber nicht zu stärker steigenden Preisen. Theorie und Praxis hätten in der Vergangenheit gezeigt, dass in monopolistischen Märkten die Preise nach einem Schock weniger stark steigen würden als in Wettbewerbsmärkten.

    Preissteigerungen seien außerdem wichtig, um Knappheiten zu verhindern, erinnert Furman. Und von denen sieht die USA aktuell viele: Von Säuglingsmilch über Tampons bis hin zur allseits beliebten Sriracha-Chili-Soße – die Engpässe in den Geschäften sind unübersehbar.

    Grafik

    Furman verweist schließlich darauf, dass es im Sinne einer funktionierenden Volkswirtschaft sei, dem Markt den höchstmöglichen Preis abzuringen. Zusätzliche Gewinne würden der Produktivität und somit dem Arbeitsmarkt zugutekommen – und den Markt schließlich wieder in ein neues Gleichgewicht bringen.

    Den Weg solcher Theorien in die Praxis wollen die Währungshüter in Washington nun beschleunigen. Zumindest auf der Nachfrageseite hat US-Notenbankchef Jerome Powell versprochen, sein Bestes zu tun. Mit dem historischen Zinsschritt von 75 Basispunkten am vergangenen Mittwoch versucht die Notenbank Fed, die Kaufkraft der Amerikaner zumindest so weit zu drosseln, dass das Angebot wieder mithalten kann. Denn, auch das betont Powell, an den Problemen auf der Angebotsseite könne man aktuell wenig tun.

    Demokraten wollten Gesetz gegen Preistreiberei

    Das sehen die Demokraten in Washington allerdings anders. Sie wollen der vermeintlichen Preistreiberei der Unternehmen mit Gesetzesinitiativen Einhalt gebieten. Die linke Senatorin Elizabeth Warren will mit dem „Price Gaugin Prevention Act“ Unternehmen dazu verpflichten, „gewissenlose“ Preissteigerungen zu begründen.

    Kurzum: Die Demokraten fordern Preiskontrollen gegen die Inflation. Ein Thema, das in der Ökonomie kaum weniger hitzig debattiert wird als die Causa „Greedflation“. Ein Vorstoß über selektive Preiskontrollen der deutschen Ökonomin Isabella Weber, die aktuell eine Junior-Professur an der University of Massachusetts innehat, hatte Anfang des Jahres einen Twitter-Eklat ausgelöst. Webers Ideen und die wenig diplomatischen Meinungen darüber machten sogar international Schlagzeilen.

    US-Präsident Joe Biden agierte beim Thema „Greed“ und „Inflation“ zuletzt zurückhaltender und verwies auf sein Vertrauen in die Fed, in deren wichtige Arbeit er sich nicht einmischen wolle. Wenige Wochen zuvor hatte er die Geburtsstunde der Greedflation-Debatte in seiner eigenen Partei noch genutzt, um seiner Forderung nach höheren Unternehmensteuern auf Twitter Nachdruck zu verleihen.

    Bei den US-Konzernen kommt das, was sich da in Washington zusammenbraut, mäßig gut an. Ex-Amazon-CEO Jeff Bezos antwortete bei Twitter prompt auf Bidens Tweet. Er bezeichnete den Vorstoß des US-Präsidenten als Falschinformation, die untersucht werden sollte. So seien die Inflation und auch Unternehmensteuern sicher eine Diskussion wert – aber getrennt voneinander.

    Am Ende stand eine tagelange polemische Twitter-Debatte, in der das letzte Wort schließlich Elizabeth Warren hatte. Sie nannte den Amazon-Milliardär dünnhäutig. Geholfen haben dürfte das dem angeschlagenen Verhältnis zwischen den US-Unternehmen und dem Weißen Haus nicht. Doch sicher ist: Die Schuld für die Inflation will sich in den Chefetagen niemand geben lassen.

    Schließlich ist „Greedflation“ längst kein Stammtischthema New Yorker Lokalpolitiker mehr. Die Bundesbank äußerte bereits im Dezember 2021 die Befürchtung, dass „Unternehmen höhere Kosten aufgrund der Liefer- und Transportengpässe auf die Verbraucherinnen und Verbraucher überwälzen und zusätzlich bei starker Nachfrage die Gewinnmargen ausweiten“.

    Und die Lage an den Weltmärkten bleibt weiter angespannt. Der Ansatz, „hier gibt es nichts weiter zu sehen“, sei jedenfalls falsch, brachte es kürzlich Josh Bivens vom Econmic Policy Institute auf den Punkt.

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