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15.03.2021

15:26

Südostasien

Thailands Wirtschaft am Boden: Im Paradies geht die Verzweiflung um

Von: Mathias Peer

Seit zwölf Monaten sind Thailands Grenzen für Urlauber weitgehend geschlossen. Der Massentourismus erlebt eine beispiellose Krise. Die Wirtschaft erhöht den Druck auf die Regierung.

Früher war der Ort ein Hotspot des Massentourismus. Reuters

Leere Strände in Pattaya

Früher war der Ort ein Hotspot des Massentourismus.

Bangkok, Pattaya In Bodo Klingenbergs Bangkoker Hotel hat sich so viel Staub angesetzt, dass seine Schuhe Abdrücke auf dem Steinboden hinterlassen, wenn er durch die Lobby zum Aufzug schreitet. Die Rezeption und die Sitzecken in der Eingangshalle sind in Plastikfolien eingehüllt. Schon seit Monaten hat in dem 32 Stockwerke hohen Hotelturm im Stadtzentrum kein einziger Gast mehr eingecheckt.

„Wir gehörten zu den Ersten, die geschlossen haben“, sagt der Leiter des Grand Mercure Bangkok Windsor, das zum Netzwerk des französischen Hotelkonzerns Accor gehört. Dass ein knapp 500-Zimmer-Haus in der thailändischen Millionenmetropole einfach dichtmache, habe in der Branche anfangs noch Schockreaktionen ausgelöst, sagt Klingenberg. „Inzwischen hat hier ein Hotel nach dem anderen zugemacht.“

Bangkok war vor der Covid-19-Krise die meistbesuchte Stadt der Welt, Thailand eines der beliebtesten Reiseländer. Doch angesichts der Pandemie traf die Regierung Ende März 2020 eine radikale Entscheidung: Sie riegelte die Grenzen für ausländische Besucher komplett ab. Zwölf Monate später sind die Touristen immer noch ausgesperrt. Nur wer eine überwachte Quarantäne in einem Hotelzimmer über sich ergehen lässt, darf noch ins Land – eine Hürde, die Urlaubsreisen nahezu komplett verhindert.

Nun beginnt in Kürze eine neue Phase – aber sie dürfte die schlechte Stimmung im Land nicht verbessern. Für April hat die Regierung Einreiseerleichterungen versprochen. Doch die gehen der Tourismusindustrie nicht weit genug. Bei den betroffenen Unternehmen macht sich Verzweiflung breit.

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    Der Einbruch der Geschäfte ist beispiellos: Bis zum Beginn der Coronakrise wuchsen Thailands Touristenzahlen noch ungebremst auf zuletzt 40 Millionen Urlauber im Jahr. Inzwischen sind die Besucherzahlen im Vorjahresvergleich um 99,8 Prozent abgesackt. Die Wirtschaftsleistung brach um 6,1 Prozent ein – das größte Minus seit der Asienkrise Ende der 90er-Jahre.

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    Jeder zweite Beschäftigte im Fremdenverkehr verlor seinen Job. Für dieses Jahr rechnen Wirtschaftsforscher bestenfalls mit einer leichten Erholung. Die Frage, wann Touristen ins Land zurückkehren können, wertet Thailands Zentralbank als Hauptrisiko für die wirtschaftliche Zukunft des Landes.

    Ab April Vorteile für Geimpfte geplant

    Hotelmanager Klingenberg hat die Zeit seit der Schließung im vergangenen Jahr für eine umfangreiche Renovierung genutzt. Umgerechnet rund 18 Millionen Euro hat der Eigentümer, ein thailändisches Familienunternehmen, dafür investiert. Inzwischen sind die Arbeiten längst beendet. „Es lohnt sich für uns aber nicht, jetzt aufzumachen“, sagt Klingenberg. Dafür sei die Zahl der potenziellen Gäste zu gering – und die Kosten für den laufenden Betrieb zu hoch.

    Allein die Stromrechnung für die Klimaanlage würde 25.000 Euro im Monat betragen. Klingenberg lässt sie ausgeschaltet – und schwitzt, wenn er durch die menschenleeren Flure geht. Er wisse es zu schätzen, dass Thailand unter anderem durch Grenzschließungen vergleichsweise wenig Covid-19-Fälle zu beklagen hatte, sagt er. „Für die Wirtschaft ist die Situation aber eine Katastrophe“, fügt er hinzu. „Besonders belastend ist die Unsicherheit darüber, wie es weitergeht.“

    Mehrmals hat die Regierung Öffnungspläne erst angekündigt und dann wieder verworfen. Ein großes Hindernis für die Grenzöffnung sind die schleppenden Fortschritte bei der Impfkampagne. Bisher hat sich Thailand erst wenige Hunderttausend Impfdosen sichern können. Für geimpfte Urlauber will die Regierung nun immerhin die zweiwöchige Quarantäne ab 1. April auf eine Woche reduzieren.

    In der Reisebranche glaubt aber kaum jemand, dass das Thailand als Reiseziel signifikant attraktiver macht. „Solange es eine Quarantäne gibt, kann sich der Tourismus nicht erholen“, heißt es in einem Positionspapier, mit dem die lokale Reiselobby Druck auf die Regierung macht. Auch den für Oktober vage in Aussicht gestellten Wegfall der Einreisebeschränkungen halten die Initiatoren der Kampagne, zu denen unter anderem der in Thailand lebende Hotelmilliardär William Heinecke zählt, für viel zu spät: So lange würden viele Unternehmen der Branche nicht überleben können.

    150 Kilometer östlich von Bangkok ist der weitgehende Kollaps des Reisegeschäfts schon jetzt zu sehen. Die Strandstadt Pattaya galt vor der Coronakrise als Touristenhochburg. Inzwischen wirkt sie in großen Teilen wie ausgestorben. Entlang der Strandpromenade hat ein großer Teil der Ladenlokale geschlossen. Eine McDonald’s-Filiale, die hier früher 24 Stunden am Tag geöffnet hatte, hat den Betrieb nun komplett eingestellt.

    An einem ehemaligen Restaurant hängt ein Schreiben der Behörden mit der Warnung, dass der Besitzer seine Angestellten nicht bezahlt hat. Ein paar Straßen weiter versuchen sich Massageläden mit Schleuderpreisen über Wasser zu halten: 2,20 Euro pro Stunde verlangen sie nun – einen Bruchteil von früher.

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    Die Krise hat Pattaya um Jahrzehnte zurückgeworfen – sogar die Müllabfuhr bekommt das zu spüren. Vor der Pandemie sammelte sie täglich 500 Tonnen an Abfällen ein. Inzwischen sind es nur noch 200. Von den geschätzten 500.000 Einwohnern haben nach Angaben der Behörden 300.000 die Stadt verlassen – hauptsächlich Menschen aus ländlichen Gegenden, die in der ehemals florierenden Tourismusindustrie der Stadt auf höhere Einnahmen hofften.

    „Es ist fast niemand mehr hier“, sagt eine Kellnerin, die sich als Kannika vorstellt, in der früher meist überfüllten „Walking Street“. Ihr Grundgehalt liegt bei 110 Euro im Monat – hinzu kommt knapp ein Euro für jedes verkaufte Getränk. Was zu Hochzeiten des Tourismusgeschäfts für ein gutes Einkommen gesorgt hat, reicht jetzt kaum zum Überleben. „Lange können wir das nicht mehr durchhalten“, sagt die 43-Jährige.

    Barbesitzer setzen auf Livestreams

    Betroffen sind auch Auswanderer, die sich in dem tropischen Klima auf die Suche nach einem besseren Leben machten. Der 35 Jahre alte Berliner Johannes Pannier übernahm 2019, wenige Monate vor Beginn der Coronakrise, das Immobilienbüro Central Property Pattaya und steckte anfangs knapp 20.000 Euro in den Betrieb. An seinem Schaufenster hängen noch die Fotos der geräumigen Villen mit Garten und Swimmingpool, die er vorwiegend an europäische Ruheständler vermitteln will. Doch seine Zielgruppe sitzt in der Heimat fest.

    Zusammen mit seiner Geschäftspartnerin und zwei Mitarbeitern konnte Pannier von November bis Januar kein einziges Objekt verkaufen. Und weil das Geschäft mit Alterswohnsitzen und Ferienhäusern derzeit so schlecht läuft, versucht Pannier nun mit kriselnden Unternehmen sein Glück. Zusammen mit einer Kollegin besichtigt er ein etwas in die Jahre gekommenes Hotel mit 35 Zimmern, das zwei Minuten entfernt von der Strandpromenade liegt. 1,5 Millionen Euro will der Besitzer dafür haben – den Preis hat er bereits um 250.000 Euro gesenkt. „Für diese Toplage ist das ein Schnäppchen“, sagt Pannier. Doch Kaufinteressenten gibt es bisher trotzdem nicht.

    Selbst im Rotlichtviertel der Stadt, die früher wegen des weitverbreiteten Sextourismus in Verruf stand, sind neue Geschäftsmodelle nötig. Der Engländer Bryan Flowers betrieb vor der Krise zwei Dutzend Lokale in einer Straße voller Go-go-Bars. Nur etwas mehr als die Hälfte davon hat momentan geöffnet.

    Durch Corona haben auch viele Bars und Sex-Viertel im Land geschlossen. Bloomberg

    Nachtleben in Bangkok

    Durch Corona haben auch viele Bars und Sex-Viertel im Land geschlossen.

    Laufkundschaft gibt es zwar kaum noch. Doch Flowers hat eine neue Einnahmequelle gefunden. Zwischen Tresen und Musikanlage richtete er improvisierte Sendestudios ein. Zwölf Stunden am Tag präsentieren sich dort nun die leicht bekleideten Bardamen vor Webcams für Livestreams im Internet. Die Zuseher werden dazu aufgerufen, ihnen virtuelle Drinks zu spendieren, im Austausch gegen ein persönliches Dankesvideo – komplett jugendfrei. Flowers will keine Sperre durch die Zahlungsabwickler riskieren. Inzwischen macht er die Hälfte seiner Umsätze mit den digitalen Erlösen. „Ohne Livestreaming hätten wir nicht überlebt“, sagt er.

    Auch in anderen populären thailändischen Reisezielen sucht die lokale Tourismuswirtschaft in Nischen Auswege aus der Krise: Die Ferieninsel Phuket will wieder zur Anlaufstelle für Weltumsegler werden, indem sie den Passagieren erlaubt, ihre 14-tägige Quarantäne an Bord ihrer Jacht abzusitzen. In der Nähe von Bangkok haben sich fünf Golf-Hotels zur Quarantäneeinrichtung umgerüstet – Gäste dürfen dort mit Sondererlaubnis der Regierung schon ab Tag drei aus ihrem Zimmer, um auf dem hoteleigenen Parcours ihre Runden zu spielen.

    Doch im Vergleich zum ausbleibenden Massentourismus fallen die Pandemie-Sonderangebote kaum ins Gewicht. Die Regierung rechnet für dieses Jahr mit einem Wachstum von 2,8 Prozent – im Vergleich zum äußerst schwachen Vorjahr. Für Finanzminister Arkhom Termpittayapaisith bedeutet das keine Entwarnung: „Wir sind damit nicht zufrieden“, sagte er Anfang des Monats. Das Tourismusgeschäft, das vor der Krise für mehr als zehn Prozent der Wirtschaftsleistung stand, werde womöglich erst 2023 oder 2024 zur Normalität zurückkehren. Weitere Konjunkturprogramme seien deshalb nötig.

    Finanzielle Zuschüsse, von denen in den vergangenen Monaten ein Teil des Gastgewerbes profitiert hat, reichen aus Sicht von Hotelmanager Klingenberg aber nicht aus. „Was wir jetzt brauchen, ist Klarheit von der Regierung, wann die Grenzen wieder geöffnet werden.“ Sein Hotel hatte sich bei der Schließung im vergangenen Jahr von rund 400 Mitarbeitern getrennt – ähnlich viele müssen neu eingestellt werden, wenn der Betrieb wieder startet. Eine gute Planung ist für Klingenberg unverzichtbar. Er ist sich sicher: „Der Überlebenskampf wird härter als je zuvor.“

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