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07.08.2022

16:13

Taiwan-Konflikt

Erste Manöverkritik: „Chinas Militär simuliert wahrscheinlich einen Angriff auf Taiwan“

Von: Martin Kölling

Am Sonntag endet ein auf vier Tage angesetztes Manöver Chinas gegen Taiwan. Beobachter sorgen sich in ersten Manöverkritiken, dass dies erst der Anfang größerer Spannungen ist.

Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen hat die chinesischen Manöver um die demokratische Inselrepublik „unverantwortlich“ genannt. dpa

Taiwans Luftwaffe

Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen hat die chinesischen Manöver um die demokratische Inselrepublik „unverantwortlich“ genannt.

Tokio China will am Sonntag viertägige martialische Drohungen an die Adresse des benachbarten Taiwans beenden. Der Umfang des Manövers, das Mittwoch kurz nach der Abreise von Nancy Pelosi, der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, begann, war dabei beispiellos.

Erst fuhren Schiffe über die Mittellinie in der Straße von Taiwan – die Meerenge zwischen den beiden Ländern gilt als inoffizielle rote Linie. Dann schlugen elf Raketen in sechs vorher angekündigte Meeresabschnitte um die Insel ein, teilweise nur wenige Kilometer vor Taiwans Küste. Und das war erst der Anfang.

Danach drangen Drohnen in den Luftraum kleiner taiwanischer Inseln vor, die in Sichtweite von Chinas Küste liegen. Außerdem setzte die Volksbefreiungsarmee Dutzende von Kriegsschiffen und Kampfflugzeugen ein. Eine beträchtliche Zahl passierte sogar die Mittellinie und näherte sich der Insel, die die kommunistische Führung als Teil der Volksrepublik sieht und notfalls mit Gewalt ins Reich holen will.

Taiwans Militär brachte Raketenabwehrsysteme in Stellung und antwortete mit einem Katz-und-Maus-Spiel zu Wasser und in der Luft. Eigene Flugzeuge und Kriegsschiffe versuchten die chinesischen abzudrängen und kamen sich dabei oft sehr nahe.

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    In der ersten Auswertung nahm Taiwans Verteidigungsministerium das Kriegsspiel sehr ernst: „Chinas Volksbefreiungsarmee simuliert wahrscheinlich einen Angriff auf Taiwan“, schrieben die Militärs am Sonntag in einer Presseerklärung. Andere Experten sehen in dem Manöver vor allem eine Warnung an die USA, Taiwan und die Welt, dass China die See- und Luftverbindungen des wichtigen Chiplieferanten blockieren könnte, falls sich Peking wieder provoziert fühlt. Die sechs angekündigten Manövergebiete umzingeln die Insel bereits symbolisch.

    Die Stoßrichtung der Manöver kam dabei nicht überraschend. Die kommunistische Führung hatte im Vorfeld ausdrücklich scharfe Reaktionen auf den Besuch der amerikanischen Politikerin Pelosi angekündigt. Denn China sah in der Visite einen Verstoß gegen die Ein-China-Politik, nach der es nur einen chinesischen Staat gibt.

    Chan: Die chinesischen Manöver sind symbolisch

    Washington betonte jedoch, die Politik nicht verändert zu haben. Zwar erkennen auch die USA nur die Volksrepublik diplomatisch an und nicht die kleinere Republik China auf Taiwan, in der rund 23 Millionen Menschen leben.

    Der Staatschef betrachtet Taiwan als Teil Chinas. dpa

    Xi Jinping

    Der Staatschef betrachtet Taiwan als Teil Chinas.

    Die USA haben ihrem Schützling allerdings nach der Annäherung an die Kommunisten im Jahr 1970 im Taiwan Relations Act versprochen, die Verteidigung der Insel zu unterstützen, ohne allerdings offen ein militärisches Eingreifen zuzusagen.

    Die Aggressivität der Kriegsspiele hatten viele Militäranalysten dennoch nicht erwartet. Einer ist Eric Chan, ein Stratege der US-Airforce und Forscher am Global Taiwan Institute, einem Thinktank in den USA. „Ich bin ein bisschen über die Intensität der Manöver überrascht“, sagt er.

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    Man habe für derartige Fälle drei mögliche Pfade: konservativ und risikovermeidend, gemäßigt oder risikobereit, erklärt der Stratege. Er hatte nach dem verbalen Säbelrasseln in der Volksrepublik, in dem ein bekannter Kommentator über einen Abschuss von Pelosis Flugzeug philosophiert hatte, schon erwartet, dass Partei- und Staatschef Xi Jinping zum Risiko tendieren werde. „Aber die Manöver gehen 20 bis 30 Prozent darüber hinaus, was ich mir vorgestellt hatte.“

    Er sei besorgt, glaubt aber, dass Xi mit den Manövern noch keinen Konflikt mit den USA sucht. Chinas Vorgehen sei nicht extrem riskant. So unterlässt die Volksbefreiungsarmee einem Kollegen von Chan zufolge noch zwei von acht Kriterien einer Abschreckungsaktion in Friedenszeiten: die Schaffung einer kriegsähnlichen Atmosphäre und demonstrative Schläge. Bisher schlugen alle Raketen ins Wasser ein.

    Die Manöver seien damit bisher vor allem symbolisch, meint Chan. Peking wolle damit die Fähigkeit seiner Volksbefreiungsarmee demonstrieren, komplexe Aktionen durchzuführen. Gleichzeitig hält sich Parteichef Xi die Möglichkeit offen, noch schärfer gegen Taiwan vorzugehen.

    Auch Amanda Hsiao von der International Crisis Group, die derzeit in Taiwan ist, sieht noch kein Ende der Eskalation. „Die Übungen stellen eine deutliche Eskalation gegenüber der letzten Taiwan-Krise 1995 und 1996 und allen militärischen Aktionen Chinas dar, die wir in den letzten Jahren gesehen haben“, urteilt die Chinaexpertin des Thinktanks, dessen Hauptquartier in Brüssel ist. „Da die vorige Krise sich über neun Monate hingezogen hat und mehrere Manöver umfasste, ist es möglich, dass wir weitere Übungen sehen werden.“

    China sendet Zeichen an Japan und Südkorea

    Hsiao glaubt überdies, dass Peking den Pelosi-Besuch nutzen wird, um Chinas militärische Präsenz in der Taiwan-Straße auszudehnen. „Chinesische Flugzeuge und Kriegsschiffe werden die Mittellinie in der Straße von Taiwan künftig wahrscheinlich häufiger überqueren – und dies nicht nur während angekündigter Manöver.“

    Taiwan-Konflikt

    Chinesisches Militär simuliert Angriff auf Taiwan

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    Gleichzeitig sendet China auch jetzt schon Zeichen an Japan und Südkorea aus: Einige der chinesischen Raketen schlugen in Japans ausschließlicher Wirtschaftszone um einige der dortigen Inseln des Kaiserreichs ein. Am Freitag verfolgte Japans Luftwaffe dann zwei chinesische Drohnen, die zwischen japanischen Inseln in der Region zu den Manövergebieten flogen. Außerdem führt China im Gelben Meer, also zwischen China und Südkorea, vom 6. bis 15. August Schießübungen mit scharfer Munition durch.

    In einem sind sich viele Experten einig: Das Endziel Chinas ist eine Einverleibung, entweder friedlich durch Taiwans Selbstaufgabe oder erzwungen durch Krieg. Das hat Peking selbst immer wieder erklärt. Nur über den Zeitrahmen wird gerätselt.

    Der frühere US-Sicherheitsberater H. R. McMaster sagte vorige Woche: „Ich glaube, dass die Periode maximaler Gefahr zwischen 2024 und 2026 ist.“ Der frühere australische Regierungschef und jetzige Vorsitzende der Asia Society verortet sie eher Ende der 20er- oder Anfang der 30er-Jahre.

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