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18.06.2022

12:10

Tourismus

Das sind die billigsten Ziele für den Sommerurlaub am Mittelmeer

Von: Ozan Demircan, Gerd Höhler, Tanja Kuchenbecker, Sandra Louven

Europas Urlaubsziele stehen vor einem Rekordsommer. Darauf deuten die Buchungszahlen hin. Die Preise steigen deutlich – aber es gibt auch Schnäppchen.

Die Türkei gilt derzeit als Schnäppchenland Nummer eins beim Sommerurlaub. imago images/ZUMA Wire

Istanbul

Die Türkei gilt derzeit als Schnäppchenland Nummer eins beim Sommerurlaub.

Für die europäische Tourismusbranche markiert dieser Sommer das große Comeback. Nach zweieinhalb Jahren Pandemie ist der Hunger nach Sonne und Strand so groß, dass die Buchungen die Erwartungen der Branche übersteigen.

Einige Destinationen rechnen sogar damit, dass sie in diesem Jahr das Vorkrisenniveau aus dem Jahr 2019 übertreffen. Und das war vielerorts ein Rekordjahr. Allerdings hat der Urlaub dieses Jahr seinen Preis: Die hohe Inflation, die im Euro-Raum im Mai bei 8,1 Prozent lag, verteuert die Sommerferien entsprechend.

Auch in der Pandemie eingeführte Hygienevorschriften wie eine besondere Reinigung der Zimmer gelten nach wie vor und treiben die Kosten der Hoteliers in die Höhe. Und schließlich sorgt die hohe Nachfrage für steigende Preise sowohl bei Hotels als auch bei Flügen.

In der Mittelmeer-Region finden sich noch gute Angebote

Wer für den Sommerurlaub nicht gleich seine Ersparnisse aus den Coronajahren auf den Kopf hauen will, der findet aber auch in der beliebten Mittelmeer-Region noch vergleichsweise günstige Optionen.

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    Am billigsten ist dabei nach einer Auswertung, die die Tourismusberatung Mabrian für das Handelsblatt gemacht hat, die Türkei. Hier kostet eine Übernachtung in der letzten Juli- und ersten Augustwoche im Vier-Sterne-Hotel 100 Euro (siehe das nachfolgende Ranking).

    Das ist zwar mehr als vor der Pandemie, aber fast nur halb so viel, wie in diesem Jahr für eine Übernachtung in Griechenland fällig wird. Hellas liegt unter anderem wegen seines guten Coronamanagements ganz vorn in der Urlaubergunst, weshalb die Preise dort deutlich stärker zugelegt haben als in den anderen sieben Mittelmeer-Zielen. Dagegen sind sie in Frankreich sogar gesunken im Vergleich zu 2019. Warum es diese Verschiebungen gibt und was die Länder für die Hochsaison erwarten, lesen Sie hier im Überblick.

    Ranking der drei preiswertesten Ziele

    Platz 1: Türkei

    In der Türkei sorgt zwar eine Rekordinflation von derzeit 73,5 Prozent pro Jahr dafür, dass grundsätzlich alles teurer wird. Da die türkische Lira aber gleichzeitig erheblich an Wert verloren hat, gleicht das für ausländische Urlauber die Inflation in Teilen wieder aus.

    Urlaub in der Türkei ist auch deshalb vergleichsweise günstig, weil die Nebenkosten in der Hotellerie immer noch niedrig sind – der Mindestlohn etwa liegt mit rund 250 Euro pro Monat deutlich unter dem Niveau anderer europäischer Urlaubsländer.

    Außerdem könnte der Krieg in der Ukraine dafür sorgen, dass sowohl aus der Ukraine als auch aus Russland in diesem Jahr deutlich weniger Touristen ins Land kommen. Ursprünglich hatte das Tourismusministerium in Ankara für dieses Jahr mit über zehn Millionen Besuchern aus beiden Ländern gerechnet. Nun dürften es deutlich weniger werden.

    Damit stehen vor allem All-inclusive-Hotels in der Region Antalya vor der Herausforderung, ihre Zimmer an Urlaubsgäste aus anderen Ländern zu verkaufen – zum Beispiel über günstigere Preise.

    Trotzdem sollten Urlauber darauf achten, dass die Inflation andere Dienstleistungen teurer macht. Wer mit dem Taxi vom Flughafen zum Hotel fährt, zahlt auch in Euro deutlich mehr als früher.

    Das Gleiche gilt für die Preise für Mietwagen und Treibstoff sowie Ausflüge, die mit Bussen oder Schiffen durchgeführt werden. Die Preise für Benzin und Diesel haben sich in der Türkei binnen acht Monaten verdoppelt – und das in Euro umgerechnet.

    Tolga Gencer, Vorstandsmitglied des türkischen Reisebüroverbands Türsab, erwartet eine bessere Saison als 2021, als 29,4 Millionen Touristen in der Türkei Urlaub gemacht hatten. 2019 waren es 50 Millionen. „Anfang des Jahres hatten wir die Erwartung, an die Zahlen vor der Pandemie anknüpfen zu können“, sagt er. „Doch der Krieg und die Wirtschaftskrise haben diese Prognosen zunichtegemacht.“

    Platz 2: Nordafrika

    Nach der Türkei sind die beiden nordafrikanischen Mittelmeer-Anrainer Ägypten und Tunesien die preiswertesten Ziele. Dass sie grundsätzlich teurer sind als die Türkei, liegt laut Carlos Cendra vom Datenspezialisten Mabrian an der Art des Urlaubs: „In Ägypten machen der Besuch der Hauptstadt Kairo sowie Kulturreisen einen wichtigen Teil der Buchungen aus“ sagt er. „Kulturreisen sowie die entsprechenden Hotels dafür sind grundsätzlich teurer als Strandhotels, von denen es vor allem in der Türkei besonders viele gibt.“

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    Hinzu kommt, dass die Nachfrage der Urlauber für Nordafrika ebenso wie für Ziele im Nahen Osten noch nicht so stark ist wie für Europa. Ägypten rechnet damit, in diesem Jahr bei den Besucherzahlen 68 Prozent des Vorkrisenniveaus zu erreichen.

    In Tunesien kamen von Januar bis Mai nur rund halb so viele Touristen wie im selben Zeitraum 2019. Ein Grund könnte Experten zufolge die politisch instabile Lage dort derzeit sein. Zudem haben in beiden Ländern Touristen aus Russland und der Ukraine vor dem Krieg eine wichtige Rolle gespielt, und die fallen nun größtenteils weg.

    Dass die Preise gegenüber 2019 dennoch so deutlich gestiegen sind, liegt im Fall von Ägypten auch am stark gestiegenen Wechselkurs: Das ägyptische Pfund hat seit März 2019 um 14 Prozent zugelegt. Das verteuert die Hotelpreise in Euro zusätzlich zur Inflation.

    Platz 3: Portugal

    Portugal hat grundsätzlich ein etwas niedrigeres Preisgefüge, obwohl es im Tourismus schon länger auf Klasse statt Masse setzt.

    Das Land hat sich in den vergangenen Jahren als beliebtes Ziel für Touristen aus den USA, Kanada, Brasilien und China entwickelt. Auch wenn aus China keine Touristen kommen, rechnet die nationale Tourismusbehörde Turismo de Portugal damit, dass die Besucherzahlen im Mai und Juni die des Vorkrisenjahrs 2019 bereits übertreffen.

    Und das, obwohl das Land Anfang Mai einen heftigen Ausbruch der besonders ansteckenden Omikron-Subvariante BA.5 erlebt hat. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Portugal schoss auf Werte um 1800 und gehörte damit zu einer der weltweit höchsten Inzidenzen weltweit.

    Die Urlaubslaune der Portugalfans hat das jedoch keineswegs getrübt: „Wir haben keine Auswirkungen der neuen Coronawelle auf die Buchungen gesehen“, versichert Filipe Silva, Mitglied im Direktorium von Turismo de Portugal.

    Auch bei der Suche nach Flügen von Deutschland und anderen Ländern nach Portugal ließ sich kaum eine nachlassende Aktivität feststellen, zeigen Zahlen von Mabrian. Die Hotelpreise sind entsprechend gestiegen – auch wenn sie im Vergleich immer noch zu den drittgünstigsten in den untersuchten Ländern zählen.

    Tourismusexperte Silva weist zudem darauf, dass die Urlauber in diesem Jahr grundsätzlich mehr Geld für ihre Ferien ausgeben – und zwar nicht nur, weil die Preise steigen. „Die Leute wollen sich nach zweieinhalb Jahren Pandemie etwas gönnen und buchen statt ein Vier-Sterne- ein Fünf-Sterne-Hotel und gehen in besonders angesagte Restaurants essen“, sagt er. Das Geld dafür hätten sie in der Pandemie gespart. Der Trend lässt sich auch in anderen Ländern beobachten: Die Preise für die vergleichsweise eher wenigen Luxushotels mit fünf Sternen steigen durchweg stärker als die für Vier-Sterne-Hotels.

    Schnäppchen-Option: Frankreich

    Frankreich ist traditionell eher ein hochpreisiges Urlaubsland. Doch ausgerechnet in diesem Sommer sinken dort die Hotelpreise. Das liegt zum Teil an einer geringeren Nachfrage der Franzosen.

    Die machen nämlich gern im eigenen Land Urlaub und sind traditionell sehr wichtig für den Tourismus im Land. Allerdings wollen in diesem Jahr nur 55 Prozent der französischen Familien in die Ferien fahren, davon elf Prozent ins Ausland.

    Zwar haben viele in der Pandemie gespart. Gerade Familien mit geringeren Einkommen können sich angesichts der hohen Inflation den Sommerurlaub aber nicht mehr leisten. Das Budget einer vierköpfigen Familie für den Urlaub von 10,5 Tagen (der Durchschnitt) beträgt laut Meinungsforschungsinstitut Ifop im Durchschnitt 1720 Euro.

    Franzosen fahren weniger in Hotels, sondern mieten eher Häuser und Wohnungen. Die Preise dafür steigen dieses Jahr, vor allem in Südfrankreich. Die Preise für Wohnungen sind deshalb etwa fünf Prozent gestiegen, bei Häusern sind es sieben Prozent, so die Vermietungsseite PAP Vacances.

    Weil das Wetter im letzten Sommer schlecht war, fahren die meisten in diesem Jahr in den sonnigen Süden, die Atlantikküste leidet deshalb unter dem Rückgang.

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    Weil günstigere Mittelmeerländer wie Spanien in Europa im Trend liegen, sind vor allem preisgünstige Hotels in Frankreich in diesem Jahr von Ausländern weniger gefragt. Dazu kommt, dass Russen fehlen, vor allem am Mittelmeer, ebenso Asiaten, besonders die Chinesen. „Die Gegenden, die leiden, sind die, die von ausländischen Touristen abhängen“, sagt Didier Arino, Direktor des Touristenberaters Protourisme.

    Teurer Top-Spot: Griechenland

    Griechenland ist seit der Coronapandemie der neue Shootingstar unter den Urlaubszielen. Die Preise für ein Vier-Sterne-Hotel explodieren dort förmlich, deshalb werfen wir auch einen Blick auf den Sieger in der Urlaubergunst.
    79 Euro für eine Portion gegrillte Calamari, 15 Euro für einen Espresso: Wer auf der Schickeria-Insel Mykonos nicht aufpasst, wird gnadenlos abgezockt. In den sozialen Netzwerken machen gerade viele Reisende ihrem Ärger über die Wucherpreise auf Griechenlands angesagtestem Eiland Luft. Die Exzesse haben die Reiselust bisher allerdings nicht spürbar gedämpft.

    Die Marke Griechenland zieht. Bei Europas größtem Reiseveranstalter Tui zählt Hellas 2022 zu den am meisten nachgefragten Destinationen. Der Marktführer will in diesem Jahr drei Millionen Gäste nach Griechenland bringen. Größte ausländische Urlaubernation sind die Deutschen.

    Griechenland profitiere von seinem guten Corona-Krisenmanagement während der Pandemie, von seiner landschaftlichen Vielfalt und dem Trend zu individuellerem Urlaub, heißt es beim Verband der griechischen Tourismusunternehmen SETE.

    Einige populäre Inseldestinationen wie Mykonos und Santorin verzeichneten schon im vergangenen Sommer zeitweilig mehr Gäste als im bisherigen Rekordjahr 2019. Landesweit dürfte aber die damals erreichte Zahl von 31,3 Millionen Besuchern in diesem Jahr noch nicht wieder erreicht werden. Ein Grund ist das Ausbleiben der russischen und ukrainischen Touristen, die 2019 noch 800.000 Besucher stellten.

    Finanzminister Christos Staikouras setzt die Einnahmen aus dem Tourismus in diesem Jahr mit 15 Milliarden Euro an. Das wären fast ein Fünftel weniger als im bisherigen Rekordjahr 2019.

    Einen neuen Rekord dürfte in diesem Jahr die Zahl der Besucher aus den USA erreichen. Die großen amerikanischen Airlines Delta, American und United bieten mehr Direktflüge nach Athen an als je zuvor. Die Amerikaner sind besonders gern gesehene Gäste, weil sie deutlich mehr Geld ausgeben als andere ausländische Gäste.

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