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13.06.2018

08:09 Uhr

TV-Marathon nach Nordkorea-Gipfel

Trumps PR-Tour der Euphorie – „Manchmal kam ich mir regelrecht dumm vor“

VonAnnett Meiritz

Trump prahlt im US-Fernsehen über sein Treffen mit Nordkoreas Diktator. Von seinem Freund, dem Moderator, muss er keine kritischen Fragen fürchten.

Treffen in Singapur

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WashingtonSchlaf? Den hat Donald Trump für sein Gipfel-Spektakel mit Kim Jong Un geopfert. Stolz erzählte der US-Präsident am Tag nach dem Spitzentreffen in Singapur seinem Lieblingssender Fox News, dass er „seit 25 Stunden kein Auge zugetan“ habe. Zwei größere Interviews vor laufenden Kameras gab Trump zum Nordkorea-Gipfel. Ausschnitte und Zusammenfassungen laufen in den USA derzeit rauf und runter.

Trumps Fernsehmarathon gleicht einer PR-Tour der Euphorie, die der Präsident sichtlich genießt. Den historischen Gipfel lobte er als „gigantischen Erfolg“ – und über den nordkoreanischen Diktator schwärmte er, Kim sei „stark, lustig und schlau“.

Trumps wichtigste Aussagen

Fox-Moderator Sean Hannity, ein enger Vertrauter des US-Präsidenten, fragte Trump nach früheren Verbalattacken auf Kim Jong Un. Zur Erinnerung: Noch vor einigen Monaten nannte der US-Präsident den nordkoreanischen Diktator „kleiner Raketenmann“ und drohte damit, „Feuer und Wut“ gegen das Regime zu richten.

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Nun behauptete Trump, das sei alles Taktik gewesen, um Bewegung in den Nordkorea-Konflikt zu bringen. Er habe die harschen Worte in Wahrheit „gehasst“, so Trump. „Manchmal kam ich mir regelrecht dumm dabei vor. Aber ich hatte keine andere Wahl.“ Der Präsident ging sogar soweit, internationale Diplomatie so auszulegen, dass ohne Drohungen keine Verständigung möglich sei. „Ich denke, ohne meine harte Rhetorik wären wir nicht da, wo wir jetzt stehen.“

Er habe sich erfolgreich bei Kim, dem 38 Jahre jüngeren Diktator eines isolierten und heruntergewirtschafteten Landes, „Respekt verschafft“. Trump zeigte sich begeistert über Kim. „Er hat eine starke Persönlichkeit. Er ist lustig, er ist sehr, sehr schlau, er ist ein großartiger Verhandler.“ In einem zweiten Fernsehinterview mit dem Sender ABC sagte Trump: „Ich vertraue ihm.“

Gleichzeitig hielt sich Trump alle Optionen offen, sollten sich die Erfolgsversprechen des Gipfels in Nichts auflösen. „Vielleicht sage ich in einem Jahr, dass ich einen Fehler gemacht habe. Kann passieren. Viele Dinge können sich ändern, viele Dinge sind möglich.“

Hier wich Trump aus

Im Gegensatz zum Fox-Moderator Sean Hannity versuchte der ABC-Anchor George Stephanopoulos mehrfach, Trump auf die massiven Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea anzusprechen. Allerdings vergeblich. „Ich will nicht speziell darüber reden“, blockte Trump ab – und begann stattdessen erneut mit Schwärmereien über den Diktator. „Sein Land liebt ihn. Und er liebt sie, da ist viel Leidenschaft.“

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Stephanopoulos hielt dagegen: „Kim ist ein brutaler Diktator. Er hat einen Polizeistaat aufgebaut, treibt Menschen in den Hunger und sperrt sie in Arbeitslager. Er ermordet Mitglieder seiner eigenen Familie. Warum vertrauen Sie einem Killer?“ Auch hier versperrte sich Trump jeglicher Debatte. „Ich denke, dass er wirklich einen tollen Dienst an Nordkorea erweisen will“, sagte er.

Doch auch bei Inhaltlichem wollte Trump nicht ganz so konkret werden. Trump hatte Kim zugesagt, dass die USA die Militärübungen mit Südkorea vorerst einstellen wollen – ein großes Zugeständnis an Pjöngjang. Welche Risiken damit verbunden sein könnten, oder was genau Trump im Gegenzug dafür erwartet, darauf ging der US-Präsident nicht näher ein. Und Fox-Moderator Sean Hannity fragte auch nicht nach.

Ohnehin fungierte der Trump-Vertraute über das gesamte Interview hauptsächlich als Stichwortgeber. „Sie haben fantastisches Erwartungsmanagement betrieben“, schmeichelte er seinem prominenten Gast.

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Hannitys konkreteste Frage war: „Was muss Nordkorea tun, damit die wirtschaftlichen US-Sanktionen aufgehoben werden?“ Trump wich erneut aus, setzte zu einem Vortrag über die wirtschaftlichen Perspektiven Nordkoreas an und schwärmte über „das wunderschöne Land, die wunderschönen Küsten“. Aus einer Immobilien-Perspektive sei die Halbinsel „ein Traum“, das habe er Kim auch gesagt. Hier wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, nochmal nachzuhaken. Was Hannity irgendwie verpasste.

Warum Hannity für Trump so wichtig ist

Sean Hannitys enge Beziehung zum Präsidenten ist vielfach dokumentiert, keiner von beiden macht einen Hehl daraus. Hannity unterstützte Trump bereits während dessen Präsidentschaftskampagne und trat in einem Wahlwerbespot auf. Regelmäßig telefoniert Trump mit seinem Vertrauten, oft bis spät in die Nacht.

Hannity gehört zu Trumps Lieblingsmoderatoren. Der Präsident verfolgt genüsslich, wie er Sonderermittler Robert Mueller und andere politische Gegner vor laufender Kamera niedermacht.

Laut „New York Times“ verschwimmen dabei die Grenzen von Politik und Entertainment. „Sie diskutieren Ideen für Hannitys Show, Trumps Frustration über aktuelle Debatten, und manchmal auch, welchen Tweet der Präsident als nächstes absetzen soll“, zitiert die Zeitung einen Eingeweihten.

Im Tagesgeschäft zitiert Trump zuweilen Hannity, wenn er einen vermeintlichen Beleg für ein Argument benötigt. Laut „Washington Post“ zieht der US-Präsident den 56-Jährigen auch als inoffiziellen Berater heran, wenn er mit einem Mitarbeiter oder einer Entwicklung im Weißen Haus unglücklich ist.

Sein Einfluss ist nicht zu unterschätzen, er ist so etwas wie das TV-Sprachrohr Trumps im Fernsehen geworden. Knapp sechs Millionen Menschen sahen Hannitys Live-Berichterstattung vom Gipfel in Singapur - dicht gefolgt von der Reality-Show „Die Bachelorette“.

Fürs Erste wird Trumps Tour des Triumphes weitergehen. In der kommenden Woche ist eine große Kundgebung in Minnesota geplant. Der US-Präsident will laut Ankündigung über folgende Themen auf der Bühne sprechen: „Jobwachstum, fairer Handel und Nordkorea“.

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Kommentare (2)

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Herr Lothar Meurer

13.06.2018, 08:56 Uhr

Trump versprach als mögliches Ergebnis für die Bevölkerung in Nordkorea Investitionen und Wohlstand. Das ist nicht allein durch die Aufhebung der Sanktionen zu erreichen, das braucht richtig viel Geld. Woher? Nicht von den UAS sondern von Südkorea. Deshalb ist man dort sehr zurückhaltend und ohne Begeisterung. Südkorea hat hart gearbeitet für eine moderne und erfolgreiche Wirtschaft, ist aber noch kein wirklich reiches Land. Da fällt es sehr schwer zu teilen.

Lothar Meurer

Herr Christian Jäger

13.06.2018, 09:20 Uhr

Niemand wird verhandeln, wenn er sich danach vor einem Tribunal wiederfindet. Deswegen muss man die Moralkeule einfach mal stecken lassen, die Millionenbisherigen Opfer der Kim Famile vergessen um der potentiellen zukünftigen willen.. Die Nuklearwaffen Nordkoreas machen diese Entscheidung leichter, einfach weil letztere sehr viel mehr sind. Keine schlechte Basis für einen Verhandlungserfolg.

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