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12.07.2022

18:24

Ukraine

Kiew kündigt Gegenoffensive an – Der Abnutzungskrieg geht weiter

Von: Martin Murphy, Frank Specht

PremiumDer Vormarsch Russlands stockt immer wieder. Das will die Ukraine nun nutzen – und mit Hilfe westlicher Waffen vorrücken. Doch reichen diese aus?

Die Kämpfe und Raketenangriffe auf beiden Seiten nehmen zu. AP

Explosionen in der Ukraine

Die Kämpfe und Raketenangriffe auf beiden Seiten nehmen zu.

Berlin In den sozialen Netzwerken kursiert ein Video, wie ein T-34-Panzer auf einen Tieflader fährt, abrutscht und auf der Seite liegen bleibt: „Weltkrieg-II-Panzer stellt sich tot, um nicht in die Ukraine geschickt zu werden“, hat jemand das Filmchen kommentiert. Das Video soll die russische Armee ins Lächerliche ziehen, die in der Ukraine mittlerweile zwar noch kein Weltkriegsgerät, aber immerhin 50 Jahre alte T-62-Panzer einsetzt.

Doch auch wenn die ukrainische Armee laut Verteidigungsminister Oleksij Resnikow mittlerweile eine Gegenoffensive zur Rückeroberung der besetzten Gebiete im Süden des Landes vorbereitet, ist aus Sicht von Militärexperten kein rasches Ende der Gewalt absehbar. „Der Abnutzungskrieg geht weiter“, sagt Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations (ECFR).

Die russische Armee erziele im Osten durch ihre überlegene Feuerkraft kleine Geländegewinne. Allerdings mache sich aber immer wieder der Mangel an Infanterie bemerkbar. So seien viele ukrainische Soldaten bei der Schlacht um die Kleinstadt Popasna im Bezirk Luhansk der Einkesselung entgangen, weil die Russen den Ring nicht hätten schließen können.

Wie Militäranalysten aus öffentlich zugänglichen Informationen ausgewertet haben, hat Russland mittlerweile bis zu 35.000 Gefallene zu beklagen. Zählt man die Verwundeten hinzu, dürften mindestens 100.000 russische Soldaten außer Gefecht gesetzt worden sein. Inzwischen ist auch der Blutzoll auf ukrainischer Seite gestiegen. „Der dürfte ähnlich hoch wie der der Russen sein“, sagt ein Analyst.

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    Vergangene Woche hatte das britische Verteidigungsministerium berichtet, dass es nach der weitgehenden Eroberung der Region Luhansk mit einer Umgruppierung der russischen Truppen rechne. Danach könnten neue Offensivoperationen im Gebiet Donezk starten. Nach Darstellung prorussischer Separatisten versuchten russische Truppen am Dienstag, in der Region die Stadt Siewersk einzukreisen.

    Die Ukraine wiederum dürfte aus Sicht von Sicherheitsexperten das Ziel verfolgen, die Stadt Cherson zurückzuerobern, die an der Mündung des Dnjepr ins Schwarze Meer liegt. Dies würde Offensivstärke beweisen und russische Vorstöße in die Großstadt Odessa erschweren. Kiew dürfte vor allem verhindern wollen, dass Russland die Ukraine vom Meer abschneidet.

    Um bei der angekündigten Gegenoffensive nicht unnötig Menschenleben zu gefährden, hat Vizeministerpräsidentin Irina Wereschtschuk Zivilisten im Süden des Landes aufgerufen, sich in Sicherheit zu bringen. Allerdings haben Sicherheitsexperten Zweifel, ob die ukrainische Armee wirklich zu einer größeren Offensive in der Lage ist.

    Denn dazu wäre in den umkämpften Gebieten nach einer Faustformel eine zahlenmäßige Überlegenheit von drei zu eins erforderlich. Auch müsste eine Offensive bald beginnen und vor dem Winter abgeschlossen werden, weil dann die Witterung den Kampf erschwert.

    Ukraine braucht mehr Waffen und Munition

    Die schweren Waffen aus dem Westen bringen der Ukraine durchaus Vorteile. Dies gelte etwa für die von Deutschland und den Niederlanden gelieferten Panzerhaubitzen 2000 und mehr noch für die aus den USA stammenden HIMARS-Raketenwerfer, sagt ECFR-Experte Gressel.

    Zuvor sei das wichtigste schwere Artillerieraketensystem der Ukraine der BM-27 Urgan gewesen, für den es auch im Land hergestellte GPS-gesteuerte Präzisionsmunition gab. Allerdings seien die Munitionsfirmen mittlerweile angegriffen und weitgehend zerstört worden. Zudem hätten die Russen Umschlagplätze für Munition, Stäbe oder Feldwerkstätten 40 bis 50 Kilometer hinter die Front verlegt, außerhalb der BM-27-Reichweite.

    Dank der HIMARS-Raketenwerfer mit 80 Kilometer Reichweite seien jetzt auch entlegenere Ziele wie beispielsweise Munitionslager erreichbar. Dies könne die russische Offensive verlangsamen, die sich auf die reichliche Verfügbarkeit von Munition stütze, sagt Gressel. Es sei aber zu erwarten, dass die russischen Streitkräfte größere Depots jetzt weiter weg verlegten.

    Und es bleibe das Problem der Quantität: „Auf 1200 Kilometer Frontlinie gibt es sehr, sehr viele Ziele“, sagt Gressel. Deutschland und die Niederlande haben bisher zwölf Panzerhaubitzen 2000 geliefert, die Amerikaner acht HIMARS-Systeme, vier weitere sind zugesagt. Deutschland will zudem aus Bundeswehrbeständen drei weitere Panzerhaubitzen 2000 und drei Mehrfachraketenwerfer „Mars“ abgeben.

    Am Dienstag konferierte Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) per Video mit ihrem ukrainischen Kollegen Resnikow, um die weitere Unterstützung abzustimmen.

    Die westlichen Systeme können helfen, besonders wertvolle feindliche Ziele zu bekämpfen, betont Gressel. „Aber für die tagtägliche Feuerunterstützung im Kampf der verbundenen Waffen sind es zu wenige.“ Auch mangele es der Ukraine weiter an Munitionsnachschub, wobei sich langsam das Hochfahren von Produktionskapazitäten in Polen, Tschechien und der Slowakei bemerkbar mache. In Rumänien und Bulgarien werden bald weitere Produktionsstraßen eröffnet. „Dann“, so Gressel, „wird es hoffentlich besser.“

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