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24.02.2022

07:45

Ukraine-Krieg

Bericht aus Kiew: „Der Krieg, der bislang so fern war, war plötzlich real“

Von: Jürgen Klöckner

Handelsblatt-Korrespondent Jürgen Klöckner ist in Kiew. Dort hat er Menschen getroffen, die sich vor dem russischen Angriff auf die Flucht vorbereitet haben. Hier sein Bericht.

Diese Menschen haben sich in eine U-Bahn-Station zurückgezogen. Reuters

Kiew

Diese Menschen haben sich in eine U-Bahn-Station zurückgezogen.

Kiew Russland hat in der Nacht mit der Invasion in der Ukraine begonnen. Kurz darauf liefen bereits die ersten Kiewer mit gepackten Koffern über die Straße, um gen Westen aufzubrechen. Eine von ihnen ist Olga, die im Auto mit ihren zwei Kindern auf den Weg nach Lwiw ist – die Stadt nahe der polnischen Grenze, in die das deutsche Botschaftspersonal bereits abgezogen wurde.

Am Tag zuvor haben wir sie in einem Café in der Innenstadt getroffen. Olga ist Podcasterin, ihr Partner flog am Tag zuvor nach London zu seiner Familie.

Für den Notfall hatte sie 10.000 Euro und den gleichen Betrag in der ukrainischen Währung bereitgelegt, zusammen mit all ihren Dokumenten. „Wir planen nicht, die Stadt zu verlassen – sondern bereiten uns nur darauf vor“, sagte sie. „Das ist unser Plan B.“

Aber sie habe keine Illusion, dass die Zukunft für ihre Kinder „gefährlich“ ist. Viele Ukrainer sehen sich bereits seit acht Jahren mit Russland im Krieg. Dass er aber so schnell in die Hauptstadt zieht, hatten viele in Kiew nicht erwartet.

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    So auch Katja und Mikhail, sie ist Ukrainerin, er ist Russe. Zusammen haben sie drei Kinder, zwei davon aus einer geschiedenen Ehe. Die beiden haben sich vor zehn Jahren kennengelernt, zogen erst im Januar in ein Hochhaus in der Innenstadt, das aussieht wie große Tetris-Blocks. Es ist die teuerste Immobilie der Stadt.

    Polizisten inspizieren die Überreste einer Rakete, die in Kiew eingeschlagen ist, Reuters

    Angriff

    Polizisten inspizieren die Überreste einer Rakete, die in Kiew eingeschlagen ist,

    „Wir haben lange dafür gespart“, sagt Katja. „Und bis vor drei Tagen haben wir auch gedacht, dass wir unser Leben hier verbringen.“ Doch mit Wladimir Putins Fernsehansprache hätte sich ihre Lebensplanung in Luft aufgelöst. „Der Krieg, der bislang so fern war, war plötzlich real.“

    „Wenn wir die Stadt morgen verlassen müssten, wir könnten es nicht“

    Katja und Mikhail erzählen das beim Abendessen mit ihren Kindern in der zehnten Etage, von hier gibt es einen einzigartigen Blick über die Stadt, bis an den Horizont sind Hochhäuser zu erkennen. Die Möglichkeit, dass Putin bombardiert, hielten sie am Mittwoch noch für eine ferne Bedrohung.

    Sie haben keinen Exit-Plan wie Olga, sie sitzen nicht auf gepackten Koffern. „Wenn wir die Stadt morgen verlassen müssten, wir könnten es nicht“, sagt Mikhail. Allein die drei Kinder machen es schwierig, einfach wegzufahren.

    Ihr Hintergrund ist symbolisch für die ukrainische Bevölkerung, viele sind hier mit Russland verwurzelt. Über den Krieg können sie in ihrer Familie nicht sprechen, dafür ist das Thema zu aufgeladen.

    Mikhails Mutter ist eine Unterstützerin Putins, Mikhail selbst fühlt sich mittlerweile mehr als „Ukrainer denn als Russe“. Und in der Stadt hat er nun Angst vor seinem eigenen Präsidenten.

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    Die Angst machte sich am Tag vor den Bomben allerdings nicht auf den Straßen der Stadt bemerkbar. Im Loggerhead, einer sogenannten Secret Bar im Zentrum der Stadt, in die man nur durch eine Stahltür kommt, trinken junge Kiewer einen Abendcocktail, als ginge das normale Leben weiter. Keine Spur von Angst, auch nicht auf den Straßen, die sehr belebt sind.

    Die Bar hat innen Backsteine, Mikhail ist hier noch auf einen Drink hingekommen. „Mich erinnert das an einen Bombenkeller“, sagt er. Wie es weitergeht, weiß er nicht. Am Morgen, als die Bomben fielen, schreibt er: „Wir wissen noch nicht, was wir machen, aber wir sind vorerst in Sicherheit.“

    Die Straßen sind mittlerweile gesperrt. Das Militär lässt Zivilsten nicht mehr nach draußen. LightRocket/Getty Images

    Bushaltestelle in der Nähe des Hauptbahnhofs in Kiew

    Die Straßen sind mittlerweile gesperrt. Das Militär lässt Zivilsten nicht mehr nach draußen.

    Mittlerweile sind die Straßen gesperrt. Das Militär lässt Zivilsten nicht mehr nach draußen.
    Mitarbeit: Ekaterina Bodyagina

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