Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

01.04.2022

14:29

Ukraine-Krieg

Modi trifft Lawrow: Indien rollt für Russland den roten Teppich aus

Von: Mathias Peer

Ungeachtet des westlichen Drucks empfängt Indien den russischen Außenminister als willkommenen Gast. Die Kritik an Ölgeschäften mit Russland hält das Land für heuchlerisch.

Indien gehört zu den wenigen großen Volkswirtschaften, die den russischen Angriffskrieg in der Ukraine nicht explizit verurteilt haben. dpa

Sergej Lawrow (Archivbild)

Indien gehört zu den wenigen großen Volkswirtschaften, die den russischen Angriffskrieg in der Ukraine nicht explizit verurteilt haben.

Bangkok Wenn ausländische Top-Diplomaten zu Besuch kommen, ist das für Indiens Premierminister Narendra Modi normalerweise kein zwingender Grund, seinen Terminkalender freizuräumen. Die britische Außenministerin Liz Truss musste sich bei ihrer Reise nach Delhi am Donnerstag mit einem Treffen mit ihrem indischen Amtskollegen zufriedengeben.

Im Fall von Russlands Außenminister Sergej Lawrow, der einen Tag später durch die indische Hauptstadt tourte, wollte es sich Modi aber nicht nehmen lassen, den Gast persönlich zu empfangen: 40 Minuten lang dauerte am späten Freitagnachmittag (Ortszeit)das Treffen hinter verschlossenen Türen.

Modis Willkommensgeste hat hohe Symbolkraft: Ungeachtet des Drucks aus dem Westen will Indien seine engen Beziehungen mit Russland fortführen.

Indien gehört zu den wenigen großen Volkswirtschaften, die den russischen Angriffskrieg in der Ukraine nicht explizit verurteilt haben. Statt sich an Sanktionen zu beteiligen, will die Modi-Regierung die Situation nutzen, um von Russland Öl zum Vorzugspreis einzukaufen. Kritik aus Europa und Amerika weist Indien dabei vehement zurück.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Lawrow zeigte sich in Delhi sichtlich erfreut über die Gelegenheit, dem Bild von Russlands internationaler Isolation etwas entgegensetzen zu können. Er bringe die besten Grüße seines Präsidenten Wladimir Putin mit, verkündete er zu Beginn seiner Gespräche in der indischen Hauptstadt und lobte Indiens bisherige Reaktion auf den Ukrainekrieg: „Wir wissen zu schätzen, dass Indien diese Situation in vollem Umfang und nicht nur einseitig betrachtet“, sagte er.

    Indiens Haltung stößt im Westen auf Unverständnis

    Die indische Regierung sieht sich in dem Konflikt als neutral – und hat sich im UN-Sicherheitsrat und der UN-Vollversammlung enthalten, wenn es um Resolutionen ging, die Russlands Verhalten anprangerten. Im Westen stieß die Haltung Indiens, das ansonsten oftmals als gleichgesinnte Demokratie gewertet wird, auf Unverständnis. US-Präsident Joe Biden bezeichnete die Position des Landes mit Blick auf eine international geschlossene Reaktion auf Russlands Aggression als „wackelig“.

    Bisher ist Indien jedoch nicht bereit, zu Russland auf Distanz zu gehen. Der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar vermied es in einer kurzen öffentlichen Ansprache vor Beginn seiner Unterredung mit Lawrow erneut, Russlands Verhalten zu kritisieren. Er wies nur abstrakt darauf hin, dass das Treffen in einem „schwierigen internationalen Umfeld“ stattfinde.

    Ohne direkt auf die Ukraine einzugehen, fügte er hinzu, dass Indien immer dafür eintrete, Differenzen und Konflikte mit Dialog und Diplomatie zu beantworten. Schriftlich wiederholte Indien seine Forderung nach einem Ende der Gewalt in der Ukraine – was sich aber nicht direkt an Russland richtete.

    Indien sieht sich im Ukrainekrieg als neutrale Instanz. IMAGO/AAP

    Indiens Premierminister Narendra Modi

    Indien sieht sich im Ukrainekrieg als neutrale Instanz.

    Sich eine gute Gesprächsbasis mit dem Kreml zu erhalten ist aus Sicht der indischen Regierung wichtiger, als vom Westen als treuer Partner wahrgenommen zu werden. Damit will Premier Modi verhindern, dass sich Russland zu eng an Indiens Rivalen China bindet. Gleichzeitig ist Russland nach wie vor der wichtigste Rüstungslieferant für Indiens Armee – und die Regierung in Neu-Delhi dringt darauf, dass die russische Lieferung des Raketenabwehrsystems S-400 trotz Ukrainekrieg wie geplant abgeschlossen wird.

    Modi kauft russisches Öl zum Vorzugspreis

    Nun sieht Modi zusätzlich die Chance auf lukrative Energieverträge: Während der Westen nach Wegen sucht, Importe aus Russland zu reduzieren, weitete Indien seine Käufe aus. Seit dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine erwarb das Land 13 Millionen Barrel Öl aus Russland – fast so viel wie im gesamten Vorjahr.

    Getrieben werden die Geschäfte offenbar von erheblichen Preisnachlässen, die Russland den indischen Ölkonzernen derzeit gewährt. Um die Geschäfte, die derzeit nicht mit Sanktionen belegt sind, auch für die Zukunft abzusichern, arbeiten beide Länder derzeit an einem neuen Zahlungsmechanismus. Dieser soll Transaktionen ohne Umweg über den US-Dollar direkt in indischen Rupien und russischen Rubel ermöglichen.

    US-Handelsministerin Gina Raimondo nannte die Pläne „zutiefst enttäuschend“ und sagte in Richtung der indischen Regierung, es sei an der Zeit, „auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen“ und „nicht den Krieg von Präsident Putin zu finanzieren“. Auch die Bundesregierung zeigte sich irritiert: Man wolle keine Situation sehen, in der Sanktionen umgangen würden und ein befreundetes Land versuche, „einen wirtschaftlichen Vorteil aus dem Krieg zu ziehen“, sagte Jens Plötner, der außen- und sicherheitspolitische Berater von Kanzler Olaf Scholz, diese Woche bei einem Besuch in Delhi.

    In Indien wirft man dem Westen vor, mit zweierlei Maß zu messen. „Wenn Sie sich die Hauptabnehmer von Öl und Gas aus Russland ansehen, werden Sie feststellen, dass die meisten von ihnen in Europa sitzen“, sagte Außenminister Jaishankar am Donnerstag bei einer Diskussionsveranstaltung mit seiner britischen Amtskollegin Truss.

    Im Gegensatz zu den Europäern beziehe Indien weniger als ein Prozent seines Energiebedarfs aus Russland. Auch den Vorwurf, aus der Krise Profit zu schlagen, will Jaishankar nicht auf sich sitzen lassen: „Wenn die Ölpreise steigen, ist es ganz natürlich, sich auf dem Markt nach guten Angeboten umzusehen“, sagte er.

    Bei Lawrow kamen diese Äußerungen offensichtlich gut an: „Wir werden bereit sein, Indien alle Waren zu liefern, die es von uns kaufen möchte“, sagte er bei einer Pressekonferenz in Delhi.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×