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09.11.2022

19:39

Ukraine-Krieg

Russland zieht Truppen aus Cherson ab und erwähnt Überschwemmungs-Gefahr – Staudamm-Angriff befürchtet

Von: Mareike Müller, Martin Murphy

PremiumSeit Wochen kämpfen ukrainische und russische Truppen um die Region im Süden der Ukraine. Nun ziehen sich die Russen aus einem strategisch wichtigen Teil zurück.

Die Russen mussten im Kampf um die Region herbe Niederlagen hinnehmen. dpa

Zerstörtes russisches Militärfahrzeug

Die Russen mussten im Kampf um die Region herbe Niederlagen hinnehmen.

Riga, Berlin Unter dem Druck ukrainischer Gegenoffensiven ziehen sich Russlands Truppen aus einem strategisch wichtigen Teil des annektierten südlichen Gebiets Cherson zurück. Das teilte Verteidigungsminister Sergej Schoigu am Mittwoch mit und deutete damit eine der bislang schwersten Niederlagen der russischen Streitkräfte in dem Angriffskrieg an. Der Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte in der Ukraine, General Sergej Surowikin, begründete den Schritt damit, dass Cherson nicht mehr mit Nachschub zu versorgen sei.

„Wir werden die Leben unserer Soldaten und die Kampfkraft unserer Einheiten sichern“, sagte Surowikin in einer im Fernsehen übertragenen Rede. Beabsichtigt sei nun, dass die Streitkräfte sich auf das Halten des Ostufers des Dnipros konzentrieren sollten.

Es bestehe die Gefahr, dass das Gebiet am Westufer überschwemmt werde und die russischen Truppen dort eingekesselt würden. Schon seit Wochen befürchtet die Ukraine allerdings ihrerseits einen russischen Angriff auf den Kachowka-Staudamm nahe Cherson. Eine mögliche Sprengung könne mehr als 80 Städte überfluten, außerdem erhält das Atomkraftwerk Saporischschja sein Kühlwasser aus diesem Staudamm.

Präsident Wolodimir Selenski warnte bereits im Oktober davor, dass Russland mit einer Sprengung mutwillig eine Katastrophe auslösen könne: „Uns liegen Informationen vor, dass russische Terroristen den Staudamm und Teile des Wasserkraftwerks vermint haben. Das ist eine der größten Energieeinrichtungen des Landes.“ Militärischen Kreisen in Deutschland zufolge will sich Russland nun darauf konzentrieren, die Kontrolle über den Staudamm zu halten, der auf der rechten Seite des Flussufers liegt.

Bislang hätten russischen Angaben zufolge rund 115.000 Menschen die Region verlassen. Es sei unmöglich, die Stadt Cherson noch zu versorgen. In der Region konnten ukrainische Truppen in den vergangenen Wochen kontinuierlich vorrücken. Surowikin hatte bereits im Oktober „schwierige Entscheidungen“ in Cherson angekündigt, was von Beobachtern als Indiz für einen geplanten Abzug gedeutet wurde.

Die russischen Behörden hatten die Einwohner von Cherson ermutigt, die Stadt zu verlassen. dpa

Flüchtlinge aus Cherson

Die russischen Behörden hatten die Einwohner von Cherson ermutigt, die Stadt zu verlassen.

Eine der Hauptbrücken, die aus Cherson über einen Seitenarm des Flusses Dnipro führt, wurde zuvor offenbar gesprengt, wie im Internet veröffentlichte Bilder am Mittwoch zeigten. Die Nachrichtenagentur Reuters konnte den Ort der Aufnahmen verifizieren, nicht aber unabhängig feststellen, warum die Brücke einstürzte. Auf ukrainischer Seite gab es Spekulationen, dass russische Truppen das Bauwerk gesprengt haben, um ihren Abzug aus der Stadt Cherson vorzubereiten.

Serhii Khlan, ein Abgeordneter des Regionalrats von Cherson, berichtete sogar von fünf zerstörten Brücken. „Die Eindringlinge sprengen jetzt absolut alle Brücken, die sich rechtsseitig des Flusses in der Region Cherson befinden.“ So würden sie ihren Rückzug vorbereiten, um das Vorrücken der ukrainischen Armee zu verlangsamen, schätzt Khlan.

Vize-Chef der Region hatte Rückzug angedeutet

Zugleich berichteten russische Nachrichtenagenturen vom Tod des von der Moskauer Regierung in Cherson als Vize-Chef der Region eingesetzten Kirill Stremousow. Todesursache sei ein Autounfall gewesen, hieß es in den Berichten. Weitere Angaben über die Umstände wurden nicht gemacht.

Stremousow, eine der profiliertesten Personen der Besatzer in der Region, hatte zuletzt mehrfach angedeutet, dass Russland seine Truppen aus dem Gebiet um das Westufer des Dnipro abziehen könnte. Die Region Cherson ist eine von vier Regionen in der Ukraine, die mittlerweile von der Regierung in Moskau annektiert und zum russischen Staatsgebiet erklärt wurde.

Ukraine-Krieg

Russland verkündet Rückzug aus Region Cherson

Ukraine-Krieg: Russland verkündet Rückzug aus Region Cherson

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In deutschen Sicherheitskreisen wurde der Rückzug mit der Schwäche des russischen Militärs begründet. Das Westufer sei einfach nicht mehr zu halten gewesen, daher habe Russland reagieren müssen, sagte ein Experte. Anders als bei der Offensive im Osten der Ukraine habe Moskau seine Truppen nicht wieder überrollen lassen wollen.

Die ukrainischen Streitkräfte hatten bei der Rückeroberung der Gebiete um Charkiw Material wie Panzer und Munition erbeutet, die die Russen zurücklassen mussten. „Dies will Russland dieses Mal wohl vermeiden“, sagte der Experte.

Über das Ausmaß der Kämpfe um Cherson ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt, da die Ukraine eine strikte Nachrichtensperre verhängt hatte. Auf sozialen Medien kursieren zwar entsprechende Bilder und Videos, die aber lassen sich nicht unabhängig verifizieren. Kiew selbst hatte behauptet, dass Russland jeden Tag Hunderte Soldaten verliert. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen dürfte diese Information korrekt sein.

Russische Armee hadert mit Engpässen

Neben den Kämpfen um Cherson haben die Russen ihre Truppen in der Region Donezk in die Offensive geschickt. Dabei sollen diese große Verluste an Mensch und Material erlitten haben.

Die Mängel bei den russischen Truppen sind für den Brigadegeneral Reiner Schwalb nicht überraschend. In den Jahren 2011 bis 2018 war er Militärattaché an der Botschaft in Moskau und hat mehrfach Standorte und Übungen der Armee besichtigt.

Bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung in der vergangenen Woche hatte er die russische Armee als schwach eingestuft. Daran ändere auch die Einbeziehung von Reservisten nichts, da diese nicht ausreichend ausgebildet und ausgerüstet würden.

Den russischen Truppen fehlt es an Ausstattung und ausgebildeten Soldaten. AP

Ukrainischer Soldat begutachtet zurückgelassene russische Munition

Den russischen Truppen fehlt es an Ausstattung und ausgebildeten Soldaten.

Auffällig ist aus Sicht der Experten, dass sich die politische Führung Russlands zurückhalte. Es sehe so aus, dass Präsident Wladimir Putin erst die Reaktion in der Öffentlichkeit abwarten wolle. Die dürfte negativ sein, da der Krieg an sich schon unpopulär in dem Land ist. Denkbar sei, dass es auf der militärischen Führungsebene Veränderungen geben könnte, um den Unmut einzufangen, sagte ein Experte.

Ukraine reagiert verhalten auf die Ankündigung

Die ukrainische Führung reagierte mit Zurückhaltung auf die Ankündigung Russlands, seine Truppen aus der Stadt Cherson im Süden des Landes abzuziehen. Es sei zu früh, von einem Abzug zu sprechen, sagt Präsidentenberater Mychailo Podoljak der Nachrichtenagentur Reuters.

Es verblieben einige russische Truppen in der Stadt, zudem würden zusätzliche Kräfte in die Region beordert. Die Ankündigungen aus Moskau und die Handlungen vor Ort seien mitunter höchst unterschiedlich. Solange nicht die ukrainische Flagge über Cherson wehe, könne von einem russischen Rückzug nicht gesprochen werden. Die ukrainischen Streitkräfte hielten sich an die Vorgabe, sich auf Aufklärung, Risikoabwägung und effektive Gegenangriffe zu konzentrieren.

Unterdessen ging der russische Beschuss von acht ukrainischen Regionen im Südosten des Landes offenbar weiter. Die Besatzer hätten Drohnen, Raketen, Flugzeuge und schwere Artillerie eingesetzt, teilte die Präsidialverwaltung in Kiew mit. Dabei seien binnen 24 Stunden mindestens neun Zivilisten getötet und 24 weitere verletzt worden.

Die Region ist von großer strategischer Bedeutung. dpa

Zwei ukrainische Soldaten patrouillieren in einer Stadt im Gebiet Cherson

Die Region ist von großer strategischer Bedeutung.

Militärexperten zufolge hat die Entscheidung über die Kontrolle der Gegend das Potenzial, den weiteren Kriegsverlauf maßgeblich zu beeinflussen. So erklärte etwa Toms Rostocks, Militärstratege der nationalen Verteidigungsakademie Lettlands, bereits im September: „Wenn es der Ukraine gelingt, dort eine weitere große erfolgreiche Operation zu starten, könnte sie möglicherweise nach Osten Richtung Melitopol und Mariupol vordringen.“

Russland hat das Nachbarland Ukraine am 24. Februar überfallen. Seitdem mussten die russischen Truppen bereits mehrfach größere militärische Niederlagen einstecken. Als eines der aus Kreml-Sicht größten Debakel gilt der Rückzug aus dem ostukrainischen Gebiet Charkiw Mitte September. Die Frage ist nun, auf welche Position sich Moskaus Truppen zurückziehen werden.

Mit Agenturmaterial.

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