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01.04.2022

04:02

Umfrage

Brexit-Bilanz: „Großer Scherbenhaufen für den deutsch-britischen Handel“

Von: Torsten Riecke

Höhere Kosten, weniger Umsätze. Viele britische und deutsche Unternehmen verzeichnen nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU deutliche Einbußen. Das zeigt der „German British Business Outlook“.

Brexit dpa

Lastwagen stehen vor dem Hafen von Dover im Stau (Archiv-Bild)

Stillstand statt Aufbruch: deutsch-britischer Handel nach dem Brexit.

London „Wir bringen den Brexit hinter uns.“ Mit diesem Schlachtruf gewann der britische Premierminister Boris Johnson 2019 mit einem politischen Erdrutsch die Wahlen in Großbritannien.

Dass davon drei Jahre später immer noch keine Rede sein kann, zeigen die Ergebnisse des „German British Business Outlook“, einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und der British Chamber of Commerce in Germany (BCCG) unter 60 deutschen und britischen Unternehmen.

Demnach melden 38 Prozent der befragten deutschen Firmen für 2021 sinkende Umsätze. Ebenfalls mehr als ein Drittel plant in den nächsten fünf Jahren weitere Verlagerungen aus Großbritannien. „Der jetzt in unserer Umfrage gegen den allgemeinen Trend ersichtliche absolute Tiefstand im deutsch-britischen Außenhandel ist der traurige Beleg, dass unsere Befürchtungen keine Schwarzseherei waren“, sagte BCCG-Präsident Michael Schmidt.

KPMG-Bereichsvorstand Andreas Glunz spricht von einem „großen Scherbenhaufen für den deutsch-britischen Handel“. Das Handelsvolumen werde absehbar noch weiter sinken.

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    „Es war immer unvermeidlich, dass eine Änderung der Handelsbeziehungen mit der EU Auswirkungen auf die Handelsströme haben würde“, räumte diese Woche der britische Schatzkanzler Rishi Sunak ein.

    „Deutschland ist in der EU mit großem Abstand das Land, welches den höchsten Preis für den Brexit gezahlt hat“, bilanzierte KPMG-Manager Glunz. Es sei zugleich das Land, das mit am stärksten von den wirtschaftlichen Folgen des Kriegs Russlands in der Ukraine getroffen werde.

    Glunz forderte eine „Neuverhandlung des Handelsabkommens zwischen Großbritannien und der EU“, um der neuen sicherheitspolitischen Lage gerecht zu werden. „Deutschland hat ein elementares Interesse daran, die Wirtschaftsbeziehungen mit Großbritannien aus wirtschaftlichen und auch aus sicherheitspolitischen Gründen wieder auf eine solide Basis zu stellen“, betont der KPMG-Experte.


    Grafik

    Der Trend bewegt sich jedoch in die entgegengesetzte Richtung: Fast die Hälfte der befragten Unternehmen verzeichnet im deutsch-britischen Handel deutlich gestiegene Kosten für Verwaltung und Logistik. Auch höhere Zölle sowie gestiegene Finanzierungs- und IT-Kosten machen den Firmen zu schaffen.

    Wohl auch deshalb haben mehr als zwei Drittel der deutschen Unternehmen in den kommenden drei Jahren keine konkreten Investitionsabsichten in Großbritannien. Und nur vier Prozent wollen mit britischen Partnern Zukunftsmärkte erobern. „Von einem Aufbruch nach dem Vollzug des Brexits kann nicht die Rede sein“, sagte Glunz.

    Britische Experten bestätigen die traurige Brexit-Bilanz für die Wirtschaft. Großbritannien habe einen Großteil der Erholung des Welthandels nach dem Abflauen der Pandemie verpasst, schreibt das parteiunabhängige Office for Budget Responsibility (OBR), eine Art Rechnungshof. Aufgrund der nachlassenden Handelsintensität geht das OBR davon aus, dass das Volumen von Ex- und Importen nach dem Brexit um 15 Prozent unter dem Niveau vor dem Austritt der Briten aus der EU liegen wird.


    Grafik

    Das hat auch Folgen für die Leistungsfähigkeit der britischen Wirtschaft: So rechnen die OBR-Ökonomen damit, dass die ohnehin chronisch niedrige Produktivität der britischen Wirtschaft durch den Brexit langfristig um vier Prozent sinken könnte.

    Das Wirtschaftswachstum könnte in einer ähnlichen Größenordnung betroffen sein. Damit würde der Brexit-Effekt den Einbruch durch die Coronapandemie noch übertreffen.

    Die Regierung versucht, mit neuen Freihandelsabkommen den Rückschlag auszugleichen. Bislang sind jedoch nur Vereinbarungen mit Australien, Neuseeland und Singapur unter Dach und Fach. Nach Einschätzung des OBR kann keines dieser Abkommen die Einbußen im Handel mit der EU in nennenswerter Weise auffangen.

    Regierungschef Johnson zeigt sich von dem Tiefschlag für die britische Wirtschaft unbeirrt und will pünktlich zu den Kommunalwahlen am 5. Mai seine Kampagne für eine Wiederwahl im Jahr 2024 starten. Gut möglich, dass der Slogan dann immer noch „Get Brexit done“ heißen wird.

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