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16.06.2022

12:54

Unbekanntere Innovationszentren im Fokus

In Europas Norden brummt die Start-up-Szene

Von: Helmut Steuer

PremiumMit dem Niedergang von Nokia standen Hunderte IT-Spezialisten in Espoo ohne Job da. Dann entwickelte sich die Stadt zu einem der wichtigsten Innovationsstandorte Europas.

Die Stadt mit knapp 300.000 Einwohnern ist einer der wichtigsten Orte für Start-ups in Europa. IMAGO/Lehtikuva

Start-ups in Espoo

Die Stadt mit knapp 300.000 Einwohnern ist einer der wichtigsten Orte für Start-ups in Europa.

Stockholm „Welcome to the city of happiness”. Jaana Tuomi muss zur Begrüßung selbst ein wenig schmunzeln. Doch als Chefin von Enter Espoo, der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der zweitgrößten finnischen Stadt, ist es ihre Pflicht, von den Vorzügen ihrer Heimat zu schwärmen. Sie hat aber auch viele gute Gründe dafür.

Espoo liegt nur rund 20 Kilometer nordwestlich von der Hauptstadt Helsinki entfernt und hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der attraktivsten und erfolgreichsten Innovationsstandorte in Europa entwickelt.

Und das kam so: Nach dem Niedergang des einstigen Handy-Weltmarktführers Nokia waren plötzlich Hunderte von IT-Spezialisten arbeitslos. Nokia half den Mitarbeitern bei der Suche nach einem neuen Job und unterstützte über das sogenannte Bridge-Programm Gründer finanziell.

Noch wichtiger: Da Nokia für Finnland eine enorm große Bedeutung hatte – der Konzern stand zu seinen besten Zeiten für nahezu jedes zweite Handy auf der Welt und erwirtschaftete rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts – entschied sich die Regierung in Helsinki zu einem umfassenden Infrastrukturprogramm. Zunächst wurden die Technische Universität, die Handelshochschule und die Hochschule für Design und Kunst zur Aalto-Universität in Espoo zusammengelegt. Die neu geschaffene Uni sollte zur Brutstätte von Innovationen und neuer Start-up-Unternehmen werden.

Eine Stadt mit 300.000 Einwohnern in den europäischen Top Ten bei Patenten und Kapital

Der Plan ist aufgegangen. „Wenn wir auf die Zahl der angemeldeten Patente von Start-ups aus Espoo schauen, sind wir die Nummer sechs in Europa“, betont Tuomi. Und auch beim investierten Kapital muss sich die 300.000-Einwohner-Stadt nicht hinter London, Paris oder Berlin verstecken. „Immerhin sind wir mit dem achten Platz in Europa in den Top Ten“, sagt die Enter-Espoo-Chefin.

2020 wurden 508 Millionen Euro allein in Start-ups aus Espoo investiert. Neuere Zahlen sind noch nicht verfügbar, insofern kann Tuomi noch nicht sagen, ob Corona und vor allem Russlands Angriff auf die Ukraine einen größeren Einfluss auf die Investitionsbereitschaft hat.

Nokia wurde 2011 als Marktführer für Mobiltelefone von Samsung abgelöst. Reuters

Nokia Headquarters in Espoo

Nokia wurde 2011 als Marktführer für Mobiltelefone von Samsung abgelöst.

Auf dem Campus im Stadtteil Otaniemi ist der neue Geist nicht zu übersehen: Studenten mit hochroten Köpfen schwirren umher, diskutieren, verhandeln, einige schwitzen über Berechnungen auf ihrem Laptop. „Jedes Jahr werden hier rund 80 Start-ups gegründet“, berichtet Sini Pirinen, eine der Initiatoren der Start-up-Sauna, stolz.

Entstanden ist die Start-up-Sauna durch die Initiative von Studenten aller drei fusionierten Hochschulen. Sie wollten einen Ort schaffen, an dem sich Kommilitonen oder wie sie hier genannt werden, die Aaltoes, treffen können, die ein eigenes Unternehmen gründen wollen. In einem alten Lagerhaus fanden sie die geeigneten Räume, die Uni half bei der Suche.

Mittlerweile träfen sich hier jedes Jahr 20 Gruppen, die während eines fünfwöchigen Aufenthalts in der Start-up-Sauna ihre Ideen mithilfe bereits erfolgreicher Unternehmer weiterentwickeln und verfeinern, erklärt Pirinen. Auch ausländische Studenten sind sehr willkommen, sie erhalten sogar ein sogenanntes Start-up-Visum, wenn sie ihr eigenes Unternehmen in Finnland gründen.

Europa-Rekord: Mehr als 1000 Hightech-Unternehmen im Raum Helsinki/Espoo

Bei Business Finland, der staatlichen finnischen Wirtschaftsförderung, können Unternehmensgründer eine Starthilfe von bis zu 50.000 Euro beantragen. Etwa 400 Unternehmen erhalten pro Jahr diese Unterstützung. Das Geld sei äußerst gut investiert, da die meisten jungen Unternehmen bereits nach kurzer Zeit mehr Steuern als die Starthilfe zahlen, freut sich eine Business-Finland-Sprecherin.
Die großzügige Unterstützung von Firmengründern hat Früchte getragen. Im Raum Helsinki/Espoo haben sich mehr als 1000 Hightech-Unternehmen niedergelassen, mehr als irgendwo anders in Europa, wie Janne Laine von der Aalto Universität betont. „Unser Start-up-Zentrum zählt zu den erfolgreichsten der Welt“, erklärt der für Innovationen zuständige Direktor der Aalto-Uni.

Auch Einhörner hat Espoo hervorgebracht. „Neben Rovio sind das der Games-Entwickler Supercell und MySQL, eines der meistverbreiteten Datenbankverwaltungssysteme der Welt“, sagt Enter-Espoo-Chefin Tuomi. Sie hofft, dass auch der Quantencomputerentwickler IQM und der Minisatellitenhersteller Iceye bald dazugehören werden.

Das VTT ist ein staatliches Forschungsinstitut für Technologie und Innovation. imago images/Lehtikuva

Ursula von der Leyen und Sanna Marin, Finnlands Premierministerin, beim VTT

Das VTT ist ein staatliches Forschungsinstitut für Technologie und Innovation.

Eine zentrale Rolle bei der Hilfestellung für Start-ups spielt auch VTT, ein staatliches Forschungsinstitut, das unter der Aufsicht des Wirtschaftsministeriums steht und Wissenschaft und Wirtschaft zusammenbringen soll. „Interdisziplinarität wird bei uns sehr großgeschrieben“, sagt Tuomi. Ein weiterer wichtiger Baustein ist Tesi, die staatliche Investmentgesellschaft. „Wir investieren immer zusammen mit privaten Venture-Capital-Gesellschaften“, erklärt Jan Sasse, Chef der bereits 1995 gegründeten Gesellschaft. Dabei bleibt Tesi zumeist im Hintergrund. „Wir agieren nie als Hauptinvestor“, sagt Sasse.

Start-up-Treffen Slush

Und so verwundert es auch nicht, dass in Espoo die Idee von „Slush“ geboren wurde. Slush – auf Deutsch Matsch – ist eines der weltweit größten Start-up-Events, das seit 2008 stets Ende November in der finnischen Hauptstadt stattfindet. Der Name ist mit Bedacht gewählt. „Es ist kalt, es ist dunkel, Matsch liegt auf der Straße.“ So wenig einladend beschreibt Peter Vesterbacka einen typischen Novembertag in der finnischen Hauptstadt.

Slush wurde von Vesterbacka, einem der Gründer des finnischen Angry-Bird-Unternehmens Rovio, mit initiiert. Rovio ist eines der Unicorns, also der Unternehmen, die mindestens eine Milliarde Dollar wert sind, das seinen Sitz in Espoo hat. Und Vesterbacka, obwohl seit einiger Zeit bei Rovio ausgestiegen, hat über sein riesiges Netzwerk das Interesse von immer mehr Start-up-Unternehmen und Investoren an Slush geweckt. Auf der letzten Slush vor der Coronapandemie präsentierten sich 3500 Start-ups aus aller Welt, rund 2000 Investoren suchten nach dem nächsten Angry Bird, Klarna oder Spotify.
Finnland hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der heißesten Start-up-Länder in Europa, vielleicht sogar in der Welt entwickelt. Kamen zur ersten Slush 2008 gerade einmal einige Hundert Tech-Nerds drängten sich bei der letzten vor der Coronapandemie rund 25.000 Besucher durch die Messehallen. In diesem Jahr soll das Start-up-Event wieder stattfinden, und die Initiatoren rechnen mit weit mehr Besuchern.
Mit einem Geflecht aus staatlicher Unterstützung, einer, neuen Technologien gegenüber offenen Gesellschaft und einer Bündelung und Vernetzung der akademischen mit der wirtschaftlichen Welt ist es Finnland gelungen, zu einem der erfolgreichsten Start-up-Standorte in Europa zu werden.

Damit das so bleibt, wurde dealroom.fi ins Leben gerufen. Die Plattform bringt Start-ups und Investoren zusammen. Bislang haben sich mehr als 3800 Start-up-Unternehmen und 164 zum Teil weltweit agierende Investmentfirmen auf dealroom.fi registriert. Dass das größtenteils mit Künstlicher Intelligenz geschieht, versteht sich fast schon von selbst.

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