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14.05.2022

14:46

Universitäten

Jung, gebildet, pleite – Reizthema Studienkredite könnte US-Wahlen entscheiden

Von: Sarah Sendner

Wird Joe Biden die junge Generation von ihren Studienschulden befreien? Der US-Präsident weiß: Dies ist die Schlüsselfrage der Midterm-Wahlen im November.

Die aktuelle Generation von Studierenden politisiert sich und prangert soziale Missstände an. Dazu zählen auch die hohe Kosten einer Universitätsausbildung. imago images/ZUMA Wire

Studentendemo in New York

Die aktuelle Generation von Studierenden politisiert sich und prangert soziale Missstände an. Dazu zählen auch die hohe Kosten einer Universitätsausbildung.

New York Als Melissa Byrne die Universität von Pennsylvania 2004 verließ, hatte sie kaum noch einen Überblick über ihre Studienkredite. Die Verbindlichkeiten summierten sich auf rund 85.000 Dollar von privaten und staatlichen Kreditgebern. Die Zahlungen liefen über verschiedene Portale zu unterschiedlichen Zinssätzen. Auf die Höhe ihrer Schulden angesprochen log sie damals: „Scham ist ein Riesenthema, wenn es um Schulden geht.“ Hinzu kam die finanzielle Belastung. „Die Zahlung für einen Kredit war fällig, und ich konnte es mir nicht leisten, mein Auto zu betanken“, erinnert sich Byrne.

Heute setzt sich Byrne als Aktivistin für den Erlass von Studienkrediten – „Loan Forgiveness“ – in den USA ein. Im Weißen Haus steht die Problematik weit oben auf der Agenda. Denn es geht um viel Geld und letztlich auch um die Kaufkraft von Millionen Amerikanern.

Studienkredite summieren sich mit mehr als 1,6 Billionen Dollar auf einen größeren privaten Schuldenberg als etwa Autokredite oder Kreditkartenschulden. Mehr als 43 Millionen US-Amerikaner hatten zum Jahresbeginn 2022 Verbindlichkeiten gegenüber dem US-Bildungsministerium, das festverzinsliche staatliche Studienlöhne nach Bedürftigkeitskriterien an Studierende und deren Eltern vergibt.

Seit fast zwei Jahren schiebt die US-Regierung das Problem nun vor sich her. Zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 wurden Schuldner davon befreit, ihre Kredite zu bedienen oder Zahlungen zu leisten. Seitdem wurde das Moratorium sechsmal verlängert – zweimal von Donald Trump, viermal von Joe Biden. Laut dem Ableger der US-Notenbank Fed in New York haben die Kreditnehmer bisher rund 195 Milliarden Dollar an Zahlungen gespart.

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    Die Biden-Administration hat die Maßnahme also vom Vorgänger Trump geerbt. Die aktuelle Verlängerung läuft zum 31. August aus. Eine Entscheidung, was danach passieren soll, drängt. Der Präsident könnte einen lang ersehnten Erlass mancher oder aller Schulden ankündigen – oder die Entscheidung weiter herauszögern und die Frist für den Zahlungsstopp erneut verlängern.

    Biden: „I get it“

    Biden setzte die finanziellen Nöte amerikanischer Absolventen früh als Wahlkampfthema. Er kenne die Problematik, auch persönlich, sagte er einem Studenten in New Hampshire während des Wahlkampfs 2020. Auch er habe gerade erst insgesamt 280.000 Dollar an Ausbildungsschulden seiner Kinder beglichen: „I get it“, sagte er. Er versprach den Kreditnehmern, mindestens 10.000 Dollar erlassen zu wollen.

    Bei den Midterm-Wahlen im November steht für die Demokraten die Kontrolle über den Kongress auf dem Spiel. AP

    Joe Biden beim Besuch einer Universität in Greensboro

    Bei den Midterm-Wahlen im November steht für die Demokraten die Kontrolle über den Kongress auf dem Spiel.

    Nun wächst die Erwartungshaltung, dass der US-Präsident Taten folgen lässt. Das könnte für die Demokraten überlebenswichtig werden. Bei den Midterm-Wahlen im November steht die Kontrolle über den Kongress auf dem Spiel – und die junge Wählerschaft könnte erneut an Einfluss gewinnen. Bereits bei den letzten Kongresswahlen 2018 stieg die Wahlbeteiligung der 18- bis 29-Jährigen von 20 Prozent auf rund 36 Prozent drastisch an – der stärkste Anstieg in allen Wählergruppen.

    Doch wie würde ein solcher Schritt aussehen? Der Kongress könnte einen Gesetzentwurf vorbringen. US-Präsident Biden sei bereit, ein Gesetz über einen Schuldenschnitt von 10.000 Dollar pro Kreditnehmer jederzeit zu unterschreiben, betonte Pressesprecherin Jen Psaki bei einem Briefing im Weißen Haus Ende April. Das progressive Lager der Demokraten fordert jedoch einen weitaus umfangreicheren Schuldenschnitt von mindestens 50.000 Dollar pro Kreditnehmer.

    Ein Erlass von 10.000 Dollar würde immerhin die Kredite von rund 15 Millionen Amerikanern komplett tilgen – rund 65 Prozent der mehr als 40 Millionen Schuldner hätten dann immer noch Verbindlichkeiten gegenüber dem Staat. Würden 50.000 Dollar erlassen werden, würde das bis zu 76 Prozent der Schuldner entlasten.

    Die Spaltung im demokratischen Lager macht eine Einigung aber unwahrscheinlich. Stattdessen könnte Biden die Sache durch einen Exekutiverlass, also ein verbindliches Präsidenten-Dekret, beilegen. Ob und in welchem Umfang er die Autorität für einen solchen Schritt habe, werde aktuell geprüft, erklärte Psaki.

    Gehaltsobergrenze von 125.000 Dollar

    Biden betont, stets sicherstellen zu wollen, dass durch einen Schuldenschnitt keine Superreichen oder höheren Einkommensklassen entlastet werden. Im Gespräch sei daher eine Gehaltsobergrenze in Höhe von 125.000 Dollar im Jahr, berichtet der Finanzdienst Bloomberg.

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    Auch Wirtschaftswissenschaftler Adam Looney vom Thinktank Brookings warnt, ein Schuldenerlass könnte sich regressiv auswirken. Würden Studienkredite erlassen, würde Geld insbesondere an Bessergestellte umverteilt, nämlich College-Absolventen. Doch das Argument hält nur zum Teil, wie Erkenntnisse des Thinktanks Roosevelt Institute nahelegen. So seien besonders Menschen in unteren Einkommensklassen diejenigen, die Studienkredite überhaupt erst aufnehmen müssten. Eine Bevorteilung Bessergestellter sei daher nicht zu befürchten, argumentieren die Forscher um den Wirtschaftssoziologen Charlie Eaton.

    Das republikanische Lager lehnt indes jegliche Entlastung in Gänze ab. Der Staat dürfe dem Steuerzahler nicht die persönlichen Finanzentscheidungen Einzelner aufbürden. Der republikanische Senator Mitt Romney ätzte zu dem Vorstoß auf Twitter: „Verzweifelte Umfragewerte erfordern verzweifelte Maßnahmen: Die Demokraten wollen Billionen an Studienkreditschulden erlassen. Warum nicht auch Schulden auf Autokredite erlassen? Oder Kreditkartenschulden? Oder Hypotheken?“

    Aktivistin Byrne bleibt bei ihrer Forderung, alle ausstehenden staatlichen Studienkredite komplett zu erlassen. „Reiche Menschen müssen keine Kompromisse machen, wenn es um ihre Würde geht“, sagt sie. Für die kommenden Generationen sollten die Kosten für den höheren Bildungsweg übernommen werden – ein zentrales Thema der Kampagne des linken Senators Bernie Sanders.

    Einigkeit herrscht also darüber, dass bald etwas passieren muss. Laut einer Umfrage der Harvard Kennedy School fordern 85 Prozent der Befragten zwischen 18 und 29 Jahren, dass beim Thema Ausbildungsschulden bald eine Entscheidung gefällt werden muss. Allerdings sprechen sich nur 38 Prozent für einen kompletten Erlass der Kredite aus.

    Schuldenberg wächst weiter

    Eine Entscheidung drängt auch, weil sich das Problem in den kommenden Jahren noch zu vergrößern droht. So haben sich die Studiengebühren seit den frühen 90er-Jahren mehr als verdoppelt, zeigen Zahlen des College Boards. Studierende zahlten für staatliche Universitäten vor 30 Jahren rund 4160 Dollar pro Jahr, heute sind es inflationsbereinigt rund 10.740 Dollar. Private Universitäten schlagen dabei mit durchschnittlichen Gebühren von 38.070 Dollar pro Jahr noch mehr zu Buche – vor 30 Jahren waren es noch 19.360 Dollar.

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    Das liegt auch an den Finanzierungsmodellen der Universitäten. Während sich der Staat und die lokalen Regierungen früher mit etwa drei Vierteln an der Finanzierung der Bildungseinrichtungen beteiligten, werden die Universitäten heute rund zur Hälfte von den Studiengebühren finanziert.

    Der höhere Bildungsweg belastet private Haushalte somit zunehmend. Während Kreditnehmer vor 30 Jahren im Schnitt noch rund 5000 Dollar Schulden hatten, sind es heute rund 37.000 Dollar.

    Auch können Kredite dabei quasi ohne Obergrenze von den Studierenden und ihren Eltern aufgenommen werden. Diana Furchtgott-Roth von der George-Washington-Universität argumentierte gegenüber dem US-Börsensender CNBC, dass dies dazu führe, dass Universitäten immer höhere Gebühren verlangen können. Der Staat solle sich daher aus der Finanzierung von höheren Bildungswegen komplett zurückziehen.

    Die Rückzahlung ist ein langer Weg für viele Absolventen: Im Schnitt zahlen sie 17 Jahre lang ihre Kredite ab. Eine Trendumkehr ist laut Bildungsexperte Mark Kantrowitz nicht in Sicht. Die Entwicklungen könnten dazu führen, dass der Schuldenberg in den kommenden zwei Jahrzehnten die Marke von drei Billionen Dollar überschreiten könnte, rechnete er gegenüber CNBC vor.

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