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07.11.2022

14:53

US-Midterms

Latinos werden Demokraten untreu – Warum die wichtige Wählergruppe sich immer öfter abwendet

Von: Leonie Tabea Natzel

Die Inflation treibt spanischsprachige Amerikaner zu den Republikanern. Das könnte die Zwischenwahlen entscheiden. Doch die Biden-Partei hat noch Optionen, um den Trend zu stoppen.

Viele Themen der Republikaner sprechen die hispanische Community an. AP

Wahlkampf in einer von Latinos geprägten Wohngegend

Viele Themen der Republikaner sprechen die hispanische Community an.

New York Johan ist jung, Latino – und wird dennoch im November für die Republikaner stimmen. „Die Kriminalität ist aktuell so hoch, dann das Obdachlosenproblem und die Immigranten“, resümiert er. Die demokratische Führung leistet seiner Meinung nach keine gute Arbeit.

Wie viele andere Latinos in den USA hat Johan, der als Pförtner in einem der vielen Apartmentgebäude in Manhattan arbeitet, eine Einwanderungsgeschichte: Seine Eltern sind mit ihm aus der Dominikanischen Republik in die USA gezogen, er selbst war damals kaum ein Teenager.

Immer wieder werden Latinos wie er Ziel republikanischer Stimmungsmache gegen Zuwanderer, der ehemalige Präsident Donald Trump wollte Menschen aus Lateinamerika sogar mit einer Mauer davon abhalten, ins Land einzureisen. Wie kommt es, dass eine wachsende Zahl von ihnen trotzdem Vertreter der Republikanischen Partei wählt?

Traditionell positionieren sich Latinos, also Menschen, die selbst aus Lateinamerika kommen oder deren Vorfahren aus der Region stammen, demokratisch. Während die Demokraten 2018 bei den Latinos noch etwa 40 Prozentpunkte vor den Republikanern lagen, ist diese Differenz einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Post-Ipsos zufolge auf 27 Prozentpunkte geschrumpft. Jetzt könnten die Latino-Wähler die entscheidende Wählergruppe bei den Midterms werden.

Die Zwischenwahlen am 8. November gelten als Stimmungsabfrage für die nächste Präsidentschaftswahl und könnten den Kongress neu sortieren. Eine Mehrheit für die Republikaner in den beiden Kammern ist realistisch.

Fünf Millionen mehr Latino-Wähler

Aktuell sind die Demokraten im Repräsentantenhaus nur leicht in der Überzahl. Dort werden alle Sitze neu gewählt, im Senat ist es ein Drittel. Derzeit verfügen die Republikaner im Senat über 50 Stimmen, die Demokraten über 48 und die Unabhängigen über zwei. Zusammen mit den Unabhängigen, die mit den Demokraten stimmen, und der Stimme der Vizepräsidentin hat die Partei von US-Präsident Joe Biden eine hauchdünne Mehrheit.

Midterms – US-Zwischenwahlen – Worum geht es?

Warum sind die Midterms wichtig?

Die Zwischenwahlen am 8. November können die Machtverhältnisse in Washington verändern. Bisher halten die Demokraten im Senat nur eine hauchdünne Mehrheit und haben auch im Abgeordnetenhaus gerade einmal elf Stimmen mehr als die Republikaner.

Die Zwischenwahlen sind eine Art Zwischenzeugnis für die regierende Partei: Sind die Menschen unzufrieden, können die Wähler der Regierung ihre Arbeit erschweren. In der Vergangenheit hat bei den Zwischenwahlen oft die Oppositionspartei mindestens eine Kammer zurückerobert.

Wer wird gewählt?

Repräsentantenhaus

Bei den Zwischenwahlen am 8. November wählen die US-Amerikaner sämtliche 435 Abgeordnete im Repräsentantenhaus neu. Die Amtszeit der Abgeordneten ist grundsätzlich auf zwei Jahre beschränkt. Bisher haben die Demokraten dort 222 Sitze, die Republikaner 213. Zusammen mit dem Senat bildet das Repräsentantenhaus den Kongress.

Senat

Im Senat wählen die Amerikaner bei den Midterms nur ein Drittel der 100 Sitze neu – insgesamt 35. Von den nun zur Wahl stehenden Sitzen sind 14 bisher von Demokraten und 21 von Republikanern besetzt. Derzeit verfügen die Republikaner im Senat über 50 Stimmen, die Demokraten über 48 und die Unabhängigen über zwei. Zusammen mit den Unabhängigen und der Stimme der Vizepräsidentin haben die Demokraten dennoch die Mehrheit.


Gouverneursposten in den Bundesstaaten

In 36 der insgesamt 50 Bundesstaaten wird am 8. November auch der Gouverneursposten neu gewählt, also die Staats- und Regierungschefinnen und -chefs der einzelnen Bundesstaaten. Von den Staaten mit Gouverneurswahlen sind bisher 20 von Republikanern geführt und 16 von Demokraten.

Welche Staaten sind besonders umkämpft?

Zu den am heißesten umkämpften Staaten, die die Machtverhältnisse in Washington verschieben könnten, gehören Arizona, Florida, Georgia, Kansas, Nevada, New Hampshire, North Carolina, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin.

Latinos sind die zweitgrößte Wählergruppe in den USA – und die am schnellsten wachsende. Fast 35 Millionen Latinos sind wahlberechtigt und stellen somit rund 14 Prozent aller Wahlberechtigten. Bei den letzten Midterm-Wahlen 2018 hatte es noch rund fünf Millionen weniger Latinos gegeben, die an den Wahlen teilnehmen durften.

Und sie sind nicht gut gestimmt: Rund 77 Prozent von ihnen sind mit der aktuellen politischen Lage in den USA unzufrieden, etwas mehr als die Hälfte von ihnen mit der Arbeit von Präsident Biden. Die Bevölkerungsgruppe fühlt sich von dessen Partei vernachlässigt. Etwa ein Drittel von ihnen glaubt nicht, dass sich die Demokraten wirklich um Latinos sorgen.

Jesse Aman ist politische Beraterin und Alumni des Congressional Hispanic Caucus, einer überparteilichen Organisation, die Latinos im Kongress repräsentiert. Sie sieht verschiedene Gründe dafür, dass die Demokraten bei Latinos an Zustimmung verlieren.

Die Republikaner werben vor den Midterm-Wahlen gezielt um Latinos und Latinas. AP

Der republikanische Gouverneur Greg Abbott bei einer Wahlveranstaltung im Süden von Texas

Die Republikaner werben vor den Midterm-Wahlen gezielt um Latinos und Latinas.

Zum einen fallen unter die Bezeichnung Latino viele verschiedene Kulturen, Religionen und familiäre Hintergründe. Für jede Gruppierung stünden andere Prioritäten und Sorgen im Vordergrund. „Latinos wählen Republikaner, weil sie durchaus Themen betreffen, die für die Demokraten nicht mehr wichtig sind“, sagt Aman. So kämen viele der fünf Millionen neuen Wähler aus der Bevölkerungsgruppe aus dem republikanisch geprägten Mittleren Westen, seien mit der dortigen Kultur aufgewachsen und wählten entsprechend.

Den Wandel gerade bei den jüngeren Wählern erlebt auch der New Yorker Johan. „Alles, was meine Eltern aus ihrem Heimatland kannten, waren die Demokraten“, erzählt er. „Aber die jüngere Generation, die jetzt hier lebt, erlebt das System in den USA.“ Sie würden nicht automatisch die Demokraten für die beste Wahl halten, sondern neu überlegen.

Latinos wählen nach Themenpräferenz

Einer Umfrage des Pew Research Center zufolge erkennen weniger als die Hälfte der Latinos einen großen Unterschied zwischen den beiden Parteien. Sie wählen nur nach Themenpräferenz und nicht aufgrund einer ganzen politischen Ausrichtung. Vor allem wichtig für Latinos ist die Wirtschaft, das Gesundheitswesen, Kriminalität und Bildung.

Oft haben Latinos mehrere Jobs, um überleben zu können. „Es gibt viele Latinos, die kaum das Benzin bezahlen können, um zur Arbeit zu fahren“, sagt Aman. „Und die müssen sich noch entscheiden, ob sie lieber ein Dach über dem Kopf oder Essen auf dem Tisch haben wollen.“

Auch für Johan sind die Themen am wichtigsten, die ihn in seinem alltäglichen Leben betreffen, wie etwa die Energiekrise: „Ja, der Krieg beeinflusst die hohen Benzinpreise“, gesteht er ein. „Aber als die Republikaner an der Macht waren, haben wir etwa 2,50 Dollar pro Gallone bezahlt“. Mittlerweile ist es in New York entsprechend dem US-Durchschnitt etwa ein Drittel mehr.

Das Thema Einwanderung, bei dem die Demokraten wesentlich liberaler sind als die Republikaner, ist für die meisten Latinos wenig relevant, erklärt Beraterin Aman. „Die Leute sind automatisch überzeugt, dass Immigration die oberste Priorität für Latinos ist“, sagt sie. Dabei sei dies eines der Themen, bei dem nicht alle Latinos den gleichen Standpunkt vertreten und teilweise den harten Kurs der Republikaner gegen Zuwanderung unterstützen.

So erscheint es kaum noch widersprüchlich, dass Ex-Präsident Trump bei der gescheiterten Wahl 2020 sogar mehr Latino-Wählerstimmen erhielt als zuvor – trotz oder wegen des Mauerbaus an der Grenze zu Mexiko.

Zwischen 2016 und 2020 konnte der ehemalige Präsident seine Zustimmung unter den Latinos deutlich steigern. Reuters

T-Shirt eines Trump-Unterstützers

Zwischen 2016 und 2020 konnte der ehemalige Präsident seine Zustimmung unter den Latinos deutlich steigern.

Viele Latinos stört zudem der oft mit Demokraten in Verbindung gebrachte Trend, geschlechterneutrale Bezeichnungen zu benutzen. Dazu gehört das Kunstwort „Latinx“. Es steht für Menschen aus lateinamerikanischen Ländern und soll Latino oder Latina und auch „Hispanic“ ersetzen. Zu den Hispanics gehören nur Personen, die aus spanischsprachigen Ländern stammen.

Mehr zu den Wahlen in den USA:

In einer Umfrage des demokratischen Meinungsforschungsinstituts Bendixen & Amandi International identifizieren sich nur zwei Prozent der aus Lateinamerika stammenden Befragten als „Latinx“, 71 Prozent ziehen das Wort „Hispanic“ vor und 40 Prozent gaben an, dass sie sich von Latinx“ gestört oder sogar beleidigt fühlen.

Zu Unverständnis führt die Bezeichnung auch bei Jose Castillo, einem Republikaner aus Florida. „Hispanic heißt einfach nur spanischsprechend und ist damit schon geschlechtsneutral. Warum sollen wir jetzt Latinx benutzen?“, fragt er.

Florida ist einer der Bundesstaaten, in denen die Demokraten derzeit massiv Stimmen der Latinos verlieren, wie die Politologin Susan MacManus von der University of South Florida beobachtet. Dies liege unter anderem daran, dass der republikanische Gouverneur Ron DeSantis die Freizeitparks, in denen viele Puerto-Ricaner arbeiten, in der Pandemie früh wieder geöffnet hat.

Die Demokraten könnten mit entsprechenden Ressourcen versuchen, die jüngeren Latinos von sich zu überzeugen, AP

Puerto-Ricaner bei einer politischen Veranstaltung

Die Demokraten könnten mit entsprechenden Ressourcen versuchen, die jüngeren Latinos von sich zu überzeugen,

Dass Latinos zu den Republikanern wandern, zeigte sich schon vor den diesjährigen Wahlen, wie Zahlen des Pew Research Centers belegen. Während bei der Präsidentschaftswahl 2016 noch 66 Prozent der Latinos für die demokratische Kandidatin Hillary Clinton stimmten, waren es vier Jahre später nur noch 59 Prozent für Biden. Der Anteil der Wählerstimmen der Latinos für Trump nahm hingegen zwischen 2016 und 2020 um zehn Prozentpunkte zu und stieg auf 38 Prozent.

Polit-Beraterin Aman sieht aber noch Hoffnung für die Demokratische Partei. „Die Demokraten müssen mehr Geld, Ressourcen und Anstrengung investieren, und dann könnten sie auch die jungen Leute überzeugen“, sagt sie.

Ein Pluspunkt könnte die Erlassung der Studentendarlehen sein, die Biden auf den Weg gebracht hat. Minderheiten profitieren davon besonders. „Viele, die das betreffen würde, sind jung. Vielleicht zeigen sich die Ergebnisse der Maßnahme dann doch bei den Wahlen im November.“

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