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29.07.2020

11:41

US-Wahlkampf

Die erste Vizepräsidentin der USA? Wer mit Joe Biden ins Rennen gehen könnte

Von: Annett Meiritz

Kaliforniens Senatorin Kamala Harris hat gute Chancen, zu Bidens Team zu stoßen. Noch sind auch andere Namen im Rennen. Die Entscheidung fällt bald.

Der Spitzenkandidat der Demokraten muss sich für eine Mitstreiterin entscheiden. Damit könnten die USA erstmals eine Vizepräsidentin bekommen. Reuters

Joe Biden mit Elizabeth Warren (Mitte) und Kamala Harris (rechts)

Der Spitzenkandidat der Demokraten muss sich für eine Mitstreiterin entscheiden. Damit könnten die USA erstmals eine Vizepräsidentin bekommen.

Washington Für Joe Biden läuft der Wahlkampf bislang gut. Im Meinungsbild der Umfragen liegt der designierte demokratische Kandidat stabil vor Donald Trump. Zu Recht sind US-Medien mit allzu sicheren Prognosen jedoch vorsichtig, denn bis zu den Wahlen am 3. November sind es noch einige Monate. Bald tritt der US-Wahlkampf in die heiße Phase ein: Republikaner und die Demokraten halten in der zweiten Augusthälfte ihre Parteitage ab, auf denen ihre Kandidaten offiziell bestimmt werden.

Normalerweise ist das ein Spektakel, in diesem Jahr wird wegen der Corona-Pandemie alles eine Nummer kleiner ausfallen. Zuvor will Biden bekannt geben, wer im Fall eines Wahlsiegs mit ihm gemeinsam als Vizepräsidentin ins Weiße Haus ziehen soll. Dass er eine Politikerin aussuchen wird, darauf hat er sich bereits festgelegt.

Die Personalie ist aus mehreren Gründen relevant. Wird es jemand aus dem progressiven Lager, der den Zentristen Biden ergänzt und linke Strömungen der Basis motiviert? Oder wird es jemand, der politisch ähnlich tickt wie er? Außerdem ist Biden mit 77 Jahren der älteste US-Präsidentschaftskandidat aller Zeiten. Er schließt die Möglichkeit nicht aus, im Fall eines Wahlsiegs nur eine Amtszeit absolvieren zu wollen. Dann hätte seine Stellvertreterin hervorragende Chancen auf die Präsidentschaft. Und sollte Biden, aus welchen Gründen auch immer, vor Ablauf einer Amtszeit ausscheiden müssen, rückt sie ebenfalls an seine Stelle.

Seit dem Polizisten-Mord an dem Afroamerikaner George Floyd, der landesweite Unruhen auslöste, wuchs der Druck auf Biden, eine Afroamerikanerin zu wählen. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass er auch vorher dieser Idee zugewandt war, schließlich war Biden acht Jahre lang Vizepräsident von Barack Obama. Biden genießt hohe Popularität unter schwarzen Wählern und Wählerinnen.

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    Die kalifornische Senatorin und Indo-Afroamerikanerin Kamala Harris gilt als Favoritin. Aber auch die Senatorin Elizabeth Warren, die ehemalige nationale Sicherheitsberaterin Susan Rice, die Irakkriegsveteranin Tammy Duckworth oder die Kongressabgeordnete Karen Bass sind noch im Rennen – neben ein paar weiteren Namen.

    Die Kandidatinnen im Überblick

    Kamala Harris

    Die 55-Jährige vertritt den bevölkerungsreichsten Bundesstaat der USA: Kalifornien. AP

    Kamala Harris

    Die 55-Jährige vertritt den bevölkerungsreichsten Bundesstaat der USA: Kalifornien.

    Die kalifornische Senatorin hat viele Vorteile auf ihrer Seite: Sie ist sehr erfahren, vertritt den bevölkerungsreichsten Bundesstaat der USA und ist eine der bekanntesten afroamerikanischen Politikerinnen. Ähnlich wie Biden gehört sie zum moderaten Flügel der Partei. Vor ihrer Zeit im Senat war die 55-Jährige Generalstaatsanwältin von Kalifornien. Als Tochter von Einwanderern aus Jamaika und Indien wäre allein ihre Nominierung historisch.

    Persönlich schätzen sich Biden und Harris, doch viele US-Bürger erinnern sich an eine Szene aus den Vorwahlen zur Präsidentschaftskandidatur, in denen Harris gegen Biden antrat. Harris beschuldigte Biden, sich in den Siebzigerjahren gegen ein Programm ausgesprochen zu haben, das schwarze Kinder in Schulen integrieren sollte. „Eines der kleinen Mädchen war ich“, sagte sie. Solche Auseinandersetzungen gehören zur Politik, auch Barack Obama und Hillary Clinton griffen sich in Debatten scharf an und arbeiteten später zusammen.

    Aber der Vorfall warf Fragen auf, ob Harris Biden gegenüber loyal genug wäre – und umgekehrt. Mit Sorge betrachten einige Strategen, dass Harris‘ Vorwahlkampf ziemlich schlecht lief und sie frühzeitig ausscheiden musste. So oder so: Sie ist eine Favoritin, aber hat den Job noch nicht in der Tasche.


    Elizabeth Warren

    Die Senatorin aus Massachusetts lehrte früher an der Elite-Uni Harvard. AFP

    Elizabeth Warren

    Die Senatorin aus Massachusetts lehrte früher an der Elite-Uni Harvard.

    Die 71-jährige Senatorin aus Massachusetts legte einen beeindruckenden Vorwahlkampf hin und rückte sehr nah an Biden und Bernie Sanders heran. „Ich habe einen Plan“ ist Warrens Motto. Die frühere Harvard-Professorin gilt als Expertin für alles, was soziale Ungerechtigkeit beseitigen soll. Anders als Biden gehört sie zum progressiven Flügel, spricht sich etwa für die Zerschlagung großer Tech-Unternehmen aus.

    Biden und Warren kennen und schätzen sich schon lange, auch wenn sie politisch nicht immer übereinstimmen. Warren würde Biden eine starke Glaubwürdigkeit im progressiven Lager verleihen – doch gleichzeitig würden Teile der US-Wirtschaft und die Wall Street Bidens Präsidentschaft plötzlich sehr kritisch sehen. Außerdem ist es fraglich, ob Biden auf eine Politikerin setzen würde, die ebenso wie er weiß und über 70 ist. 


    Tammy Duckworth

    Die Kriegsveteranin aus Illinois gilt als Expertin für Verteidigungspolitik. AFP

    Tammy Duckworth

    Die Kriegsveteranin aus Illinois gilt als Expertin für Verteidigungspolitik.

    Die demokratische Senatorin aus Illinois hat eine beeindruckende Karriere: Tammy Duckworth ist in ihrer Partei eine führende Stimme für nationale Sicherheit und Verteidigungspolitik. Sie verlor im Irakkrieg 2004 beide Beine, als ihr Hubschrauber von einer Panzergranate getroffen wurde. Seitdem trägt sie Prothesen und ist teilweise auf den Rollstuhl angewiesen. Duckworth ist außerdem die erste Senatorin, die während der Ausübung ihres Amts Mutter wurde – im überwiegend männlichen US-Senat ist das noch immer etwas Besonderes.

    Die 52-Jährige, die in Bangkok geboren wurde, normalisiert damit im politischen Alltag ungewöhnliche Umstände. Sie ist eine der schärfsten Kritikerinnen von Trump. „Ich habe mein ganzes Erwachsenenleben für das Wohlergehen unserer Truppen gekämpft und werde mich nicht von einem Wehrdienstverweigerer im Oval Office belehren lassen“, sagte sie einmal. Ihre Chancen für eine VP-Partnerschaft mit Biden stehen nicht schlecht. 


    Susan Rice

    Die Demokratin gilt als profunde Kennerin der amerikanischen Außenpolitik, doch Kritiker bemängeln ihre fehlendes innenpolitisches Profil. AP

    Susan Rice

    Die Demokratin gilt als profunde Kennerin der amerikanischen Außenpolitik, doch Kritiker bemängeln ihre fehlendes innenpolitisches Profil.

    Die nationale Sicherheitsberaterin und UN-Botschafterin unter Obama ist ebenfalls eine vielversprechende Kandidatin. Die 55-Jährige ist, wie Biden auch, eng mit den außenpolitischen Wegmarken der Obama-Regierung verknüpft, darunter das Iranabkommen oder das Pariser Klimaabkommen. Beide Abkommen wurden unter Trump von den USA aufgekündigt. Biden und Rice kennen sich seit den Neunzigerjahren. Ihre internationale Erfahrung ist ein großes Plus – allerdings zählt im US-Wahlkampf häufig ein innenpolitisches Profil. 


    Karen Bass

    Die Kalifornierin führt die Versammlung der Afroamerikaner im US-Kongress an. Noch wissen viele Amerikaner mit ihrem Namen wenig anzufangen – doch das kann sich ändern. Bloomberg

    Karen Bass

    Die Kalifornierin führt die Versammlung der Afroamerikaner im US-Kongress an. Noch wissen viele Amerikaner mit ihrem Namen wenig anzufangen – doch das kann sich ändern.

    Als Kongressabgeordnete hatten viele US-Medien Karen Bass lange nicht auf dem Schirm, doch in den vergangenen Wochen fällt ihr Name häufiger. Die 66-Jährige führt die Versammlung der Afroamerikaner im US-Kongress, den Black Caucus, an. Ihre Spezialthemen sind brennend aktuell: Sie fordert eine Reform, um die überproportionale Polizeigewalt gegen Schwarze zu beenden, ein Moratorium für Studienschulden und einen nationalen Pflege-Pakt. Persönlich sollen sich Bass und Biden kaum kennen, und überregional bekannt ist sie bislang kaum. Beides kann sich schnell ändern. 


    Die Liste der möglichen Kandidatinnen geht noch weiter. Die 63-jährige Kongressabgeordnete Val Demings kann eine Karriere als Polizeichefin in Orlando vorweisen, und sie war treibende Kraft im Amtsenthebungsverfahren gegen Trump. Die 50-jährige Keisha Lance Bottoms ist Bürgermeisterin von Atlanta, der Hauptstadt von Georgia. Der Bundesstaat wird zunehmend zur umkämpften Region im US-Wahlkampf, da zwei republikanische Senatssitze wackeln. Die 48-jährige Gretchen Whitmer ist Gouverneurin von Michigan und gilt als Biden-Vertraute, sie würde ihm Stimmen in einem wichtigen Swing-Staat sichern.

    Die 58-jährige Tammy Baldwin, Senatorin aus dem ebenso wichtigen Bundesstaat Wisconsin, ist eine versierte Handelspolitikerin, die Chinas Rolle im Welthandel ähnlich kritisch sieht wie Biden. Sie ist außerdem die erste US-Politikerin, die als lesbische Kandidatin einen Senatssitz holte. Die 46-jährige Stacey Abrams kennt man von charismatischen Auftritten im Gouverneurs-Wahlkampf in Georgia, doch sie bekleidete bislang kein führendes Amt. Die einstige Hoffnungsträgerin Amy Klobuchar, Senatorin von Minnesota, hat sich aus dem VP-Rennen zurückgezogen. In ihrem Heimatstaat wurde der Afroamerikaner Floyd ermordet, sie ist mit Vorwürfen konfrontiert, Polizeireformen verschlafen zu haben.

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