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18.06.2022

09:28

Verkehr

Gewalt in der U-Bahn: US-Bürger meiden den öffentlichen Nahverkehr

Von: Axel Postinett

Auch nach dem Ende der Pandemie sind die Innenstädte der US-Metropolen verwaist. Die immer neuen Gewaltverbrechen in Zügen und U-Bahnen sind dafür der Hauptgrund.

Die New Yorker U-Bahn ist unersetzlich, wenn es darum geht, sich in dieser Stadt effektiv zu bewegen. Bloomberg

Wartende in einer U-Bahn-Station in New York

Die New Yorker U-Bahn ist unersetzlich, wenn es darum geht, sich in dieser Stadt effektiv zu bewegen.

Los Angeles Ein warmer Frühlingsabend in Los Angeles. Von der Haltestelle North Hollywood der „Red Line“ mit ihren Pendlerparkplätzen ist man mit dem Zug in 20 Minuten in der Innenstadt mit ihren imposanten Bürotürmen. Viel schneller als mit dem Auto. Im abfahrbereiten Zug Richtung Union Station kauert in jeder zweiten oder dritten Sitzreihe eine zerlumpte Gestalt. Unrasiert, wirre Haare, Schuhe optional. Es stinkt.

Als sich die Türen schließen, werden Crack-Pfeifen ausgepackt und Joints angezündet. Im angrenzenden Waggon fließt unter einer Viererreihe, vollgepackt mit Koffern und Plastiktaschen, ein kleines Rinnsal. Angekommen an der Endstation Union Station warten ein Dutzend Polizisten in Schutzwesten mit Lederhandschuhen, Schlagstöcken, Tasern und Schusswaffen am Bahnsteig. Sie leeren den Zug freundlich, aber unmissverständlich, begleiten die Fahrgäste bis zum Ausgang.

Der öffentliche Nahverkehr in den USA, lange von der Politik vernachlässigt, ist ein Abenteuer − und seine Gefahren derzeit in aller Munde. Keine zwei Monate ist es her, dass ein Fahrgast in der New Yorker U-Bahn Nebelgranaten gezündet und wahllos um sich geschossen hat. Zehn Menschen werden getroffen.

Ein Verdächtiger, der die Täterschaft bestreitet, ist in U-Haft. Unter anderem soll er in Onlinevideos kommentiert haben, wie einfach es sei, im U-Bahn-System Straftaten zu begehen. In dieser Woche wieder Nebelgranaten und Schüsse in einem Zug aus Brooklyn.

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    In den öffentlichen Verkehrsmitteln fühlen sich viele nicht sicher. Bloomberg

    Polizisten steigen in eine U-Bahn in New York ein

    In den öffentlichen Verkehrsmitteln fühlen sich viele nicht sicher.

    Ende Mai erschießt ein Mann den Wall-Street-Banker Daniel Enriquez morgens auf dem Weg zur Arbeit in Manhattan in der U-Bahn. Und im Juni ruft New Yorks Bürgermeister Eric Adams persönlich 911 an, weil seine Schwester ihn am Telefon um Hilfe bat. Sie hatte auf der Fähre nach Manhattan neben einer Gruppe in Hoodies gestanden. Dabei habe einer einem anderen zugeraunt „jetzt noch nicht schießen“. Der Bürgermeister schickte die Polizei.

    Arbeitende wollen aus Angst vor Gewalt in der U-Bahn nicht in die Büros zurück

    Eigentlich wären die Bedingungen derzeit ideal für eine Wiederbelebung des öffentlichen Personennahverkehrs nach der Pandemie: Die Benzinpreise liegen auf Rekordniveau, Autoersatzteile sind teurer geworden, auf kalifornischen Highways sind immer mehr Teilstrecken kostenpflichtig. Die Inflation frisst die Einkommen. Die Preise für Uber oder Lyft haben sich seit 2019 verdoppelt oder verdreifacht.

    Und doch werden im Schnitt nur gut 60 Prozent der Fahrgastzahlen von 2019 erreicht. Wer kann, meidet Busse und Bahnen − und zwingt seinen Arbeitgeber weiter zu Homeoffice. Ohne sichere öffentliche Transportsysteme würden sich die riesigen Bürotürme in den Innenstädten der USA nie mehr füllen können, warnt Adams.

    Eric Adams hatte Unternehmenschefs öffentlich aufgefordert, ihre Mitarbeiter wieder in die Büros von Manhattan zurückzurufen. IMAGO/Future Image

    New Yorks Bürgermeister Eric Adams

    Eric Adams hatte Unternehmenschefs öffentlich aufgefordert, ihre Mitarbeiter wieder in die Büros von Manhattan zurückzurufen.

    Nur Tage vor dem spektakulären U-Bahn-Mord an dem Goldman-Sachs-Banker hatte der Bürgermeister deshalb noch die Unternehmenschefs öffentlich aufgefordert, ihre Mitarbeiter wieder in die Büros von Manhattan zurückzurufen und mit gutem Beispiel voranzugehen. „Wir kriegen ihn in die U-Bahn“, sagte Adams in einem Interview mit der Financial Times über Jamie Dimon, den Chef von JP Morgan. Aber bis heute hat ihn niemand dort gesehen.

    Die „Partnership for New York“, ein Verbund von privaten Arbeitgebern, hat rund zehntausend Arbeitende in New York und Umgebung befragt. Die zunehmende Unsicherheit vor allem in den Massentransportsystemen wird als größter einzelner Grund genannt, nicht wieder in die Innenstädte zurückzukehren, um zu arbeiten oder einzukaufen.

    74 Prozent der Befragten gaben an, mit der Sicherheit gehe es konstant bergab. Bürgermeister Adams war selbst einmal ein einfacher Polizist im U-Bahn-Dienst. „Als ich das gemacht habe, wurden die Regeln auch durchgesetzt. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Wir werden das jetzt aber wieder einführen“, verspricht er.

    Verkehrsbetrieb betreibt eigene Obdachlosenunterkünfte

    Zurück nach Los Angeles. Die 1939 eröffnete und aufwändig restaurierte Union Station in L.A. ist einer der schönsten Bahnhöfe der USA und war früher 24 Stunden zugänglich. Heute wird er nachts geschlossen, sämtliche Sitzgelegenheiten sind den ganzen Tag abgesperrt, bewacht und nur für Wartende mit gültigem Fahrschein zu benutzen. Das gleiche gilt für die Grün- und Außenanlagen. Frühmorgens, wenn die Türen öffnen, wird ein Ansturm von Straßenbewohnern geduldet, die für zwei Stunden praktisch alle Waschgelegenheiten und Toiletten besetzen.

    Auch hier machten in diesem Jahr Verbrechen im Nahverkehr Schlagzeilen: Im Januar erwischte es die 70-jährige Sandra Shells, die ihr Leben lang die öffentlichen Verkehrsmittel genutzt hat. Ohne Vorwarnung geht ein Obdachloser auf die alte Frau los, die am Bahnhof Union Station auf ihren Bus wartet. Union Station ist einer der zentralen Knotenpunkte des öffentlichen Nahverkehrs. Der Mann schlug sie, stieß sie zu Boden, wobei sie schwere Kopfverletzungen erlitt, an denen sie starb.

    Fahrschein- und Zugangskontrollen finden seit Jahren praktisch nur noch auf dem Papier statt. AP

    Eingang einer U-Bahn-Station in New York

    Fahrschein- und Zugangskontrollen finden seit Jahren praktisch nur noch auf dem Papier statt.

    Im März rammte ein Obdachloser ohne erkennbaren Grund einen wartenden Fahrgast am Knotenpunkt 7th Street Metro mit Wucht von hinten auf die Gleise. Das Opfer musste mit Kopfverletzungen und gebrochenen Rippen behandelt werden. Ein Not-Stopp des Schienenverkehrs verhinderte Schlimmeres. Für 2021 verzeichneten die Daten des Betreibers L.A. Metro bereits einen Anstieg gewalttätiger Zwischenfälle um 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr, so die L.A. Times. Schwere Körperverletzung, Mord und selbst Vergewaltigung stiegen dabei im zweiten Jahr in Folge.

    Die meisten Probleme bereitet Studien zufolge die Ausbreitung von harten Drogen wie Crack und Fentanyl, die die Abhängigen oft unberechenbar machen, wenn sie ohne „Stoff“ auf unfreiwilligem Entzug sind.

    In ihrer Verzweiflung begann die Metro im März 2021 selbst Obdachlosenheime zu betreiben, um die Obdachlosen aus den Zügen zu bekommen. Doch im Januar 2022 verkündete Metro-Managerin Nicole Englund ernüchternde Ergebnisse: Es sei „keine erwähnenswerte Reduzierung der Obdachlosen im System feststellbar“.

    Der Kosten explodieren derweil. Ein 2018 gestartetes Programm zur Vermittlung von Schlafplätzen hatte ein Anfangsbudget von 1,2 Millionen Dollar und verschlingt mittlerweile 27 Millionen. Gelder, die eigentlich die Stadt aufbringen müsste, nicht der Verkehrsbetrieb.

    Die Fahrgäste kommen nicht zurück

    Im Silicon Valley ist das regionale BART-Nahverkehrssystem von der Insolvenz bedroht. In Pandemiezeiten ging das Fahrgastaufkommen um bis zu 80 Prozent zurück und hat sich seitdem nur teilweise erholt. Bereits zuvor war die Situation katastrophal.

    Zwischen 2014 bis 2019 stieg die Zahl der gewalttätigen Über- und Angriffe in Stationen und Zügen nach BART-Angaben um 115 Prozent. Jetzt kommen die Fahrgäste einfach nicht mehr zurück − egal, ob manche Firmen im Silicon Valley ihre Mitarbeiter mit Gratiskonzerten, kostenlosem Mittagessen, Snacks oder Wellnessangeboten zurück an die Schreibtische zu locken versuchen.

    Zwar sind Los Angeles, San Francisco, Oakland oder New York besonders stark von Gewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln betroffen, aber es sind nicht die einzigen Problemstädte. AP

    Polizisten am Bahnsteig einer New Yorker U-Bahn-Station

    Zwar sind Los Angeles, San Francisco, Oakland oder New York besonders stark von Gewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln betroffen, aber es sind nicht die einzigen Problemstädte.

    Fahrschein- und Zugangskontrollen finden seit Jahren praktisch nur noch auf dem Papier statt. Unter den Augen der Stationsmanagerinnen springen gleich gruppenweise Menschen über die nur hüfthohen „Barrieren“, wenn ein Zug ankommt. Es zahlt kaum noch jemand. „Es ist uns strikt verboten, Fahrgäste auf Fahrscheine anzusprechen“, sagt die Managerin der Fruitvale-Station in Oakland. „Das ist viel zu gefährlich.“ Die Polizei komme zweimal am Tag für eine Stunde und kontrolliere. Aber die Beamten kämen immer zur gleichen Zeit, und die Zeiten hätten sich „längst rumgesprochen.“

    Zwar sind Los Angeles, San Francisco, Oakland oder New York besonders stark betroffen, aber es sind nicht die einzigen Problemstädte. Denver in Colorado plant für seinen größten Busbahnhof einen radikalen Umbau. Es wird erstmals einen abgeschlossenen Bereich geben, der nur mit Ticket betreten werden kann. Die Polizeipräsenz wird massiv ausgebaut. Seit Jahresbeginn wurden über 700 Personen im Bahnhof verhaftet.

    Mögliche Alternative: Bezahlbare Fahrkarten für alle

    Seattle, Heimat von Amazon, setzt auf ein „softes“ Vorgehen gegen Schwarzfahrer. Der Plan sieht vor, dass mehr Warnungen ausgesprochen werden, bevor es überhaupt zu Konsequenzen kommt. Das Strafmaß für Mehrfachtäter soll langsamer steigen. Vielen bleibe keine andere Wahl, als ohne Ticket zu ihren schlecht bezahlten Mindestlohn-Arbeitsplätzen zu fahren, heißt es.

    Eine neue, nochmals reduzierte Preisstufe für Geringstverdiener wird eingeführt. Unbezahlte Strafmandate sollen nicht mehr an professionelle Schuldeneintreiber abgetreten werden. Ziel ist es, zu verhindern, dass unbezahlte Fahrscheine ganze Familien in existenzielle Krisen stürzen können.

    Ein Busfahrer in Los Angeles sieht praktisch keinen anderen Ausweg mehr als bezahlte Fahrkarten komplett abzuschaffen. Er fährt seit Jahren einen der kleinen, blau-weißen DASH-Pendelbusse von Chinatown bis Downtown. Seit Corona sei die Fahrt kostenlos. „Und ich hoffe, das bleibt auch so“, fügt er an. „Ich bin schließlich nur Fahrer und kein Elitekämpfer“, schimpft der Mann, der seinen Namen nicht nennen will, verärgert. „Hier kommen Menschen rein, die drehen restlos durch, wenn du sie bittest, 25 Cent für die Fahrt zu zahlen. Da spielen sich Gewaltorgien im Bus ab. Für 25 Cent!“

    Ob die Stadt die Fahrpreise irgendwann wieder anhebt oder nicht, das sei ihm jedenfalls komplett egal. „Ich werde hier niemanden mehr nach seinem Fahrschein fragen. Niemanden. Niemals.“

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