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03.11.2022

15:11

Vor Staatsbesuch

Zur falschen Zeit im Supermarkt – zwei Wochen Quarantäne: Was bekommt Olaf Scholz vom Leben in China mit?

Von: Sabine Gusbeth

PremiumNull-Covid-Politik und zunehmende politische Kontrolle frustriert Deutsche in China. Doch Kanzler Scholz wird bei seiner Reise von der Außenwelt abgeschottet.

Angesichts steigender Coronazahlen in China wächst die Sorge vor neuen Abriegelungen. REUTERS

Lockdown in Pekinger Wohnanlage

Angesichts steigender Coronazahlen in China wächst die Sorge vor neuen Abriegelungen.

Peking Wenn Bundeskanzler Olaf Scholz am Freitagvormittag zu seinem eintägigen Staatsbesuch in Peking eintrifft, ist die Stimmung in China so schlecht wie lange nicht. Die Entmachtung der Reformer auf dem Parteikongress und das unbeirrte Festhalten an der Null-Covid-Politik bedrücken die Menschen in der deutschen Diaspora. Inzwischen verlassen selbst langjährige Expats das Land, Firmen stellen ihre Investitionen vor Ort infrage.

Aufgrund der strengen Coronabeschränkungen sind für Scholz die Möglichkeiten eines direkten Austauschs mit Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft nur sehr eingeschränkt. Denn der Bundeskanzler und seine Delegation dürfen sich in Peking nur in einer streng von der Außenwelt abgeschotteten „Blase“ bewegen. Jeder, der von außen mit der Besuchergruppe in direkten Kontakt kommt, muss anschließend für sieben Tage in Quarantäne, eingesperrt in einem Hotelzimmer. 

Von den Deutschen vor Ort sind deshalb nur wenige bereit, in die „Besucherblase“ zu gehen. Einer davon ist Jens Hildebrandt, Chef der Deutschen Handelskammer in China (AHK). Er wird sich bereits am Vorabend der Scholz-Visite im Diaoyutai-Staatsgästehaus in Isolation begeben. Hildebrandt will die Delegation persönlich über die Lage in China und die Stimmung der Firmen vor Ort informieren. Da es auch viele heikle Themen gebe, sei es besser, dies in direkten, auch informelleren Gesprächen zu platzieren. 

Insbesondere nach der Machtdemonstration von Parteichef Xi Jinping auf dem Parteitag Mitte Oktober müsse man damit rechnen, dass künftig „Ideologie und Sicherheitsüberlegungen den Pragmatismus der Vergangenheit überschatten“, sagt Hildebrandt dem Handelsblatt. Enttäuscht wurden Hoffnungen auf eine Abkehr von der strikten Null-Covid-Politik. Diese „liegt wie Blei“ auf dem Wachstumspotenzial der Wirtschaft in China. 

Von einer „großen Enttäuschung“ in der Bevölkerung spricht auch Johann Fuhrmann, Chinachef der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Neben einer fehlenden Exit-Strategie im Hinblick auf die Null-Covid-Politik hätten viele auf dem Parteikongress auch positive Signale für die schwächelnde chinesische Wirtschaft vermisst. Insbesondere rund 30 Millionen arbeitslosen Jugendlichen in den Städten fehle zunehmend die Perspektive. Fuhrmann wurde gerade selbst zum wiederholten Male Opfer der Coronabeschränkungen und kann derzeit nicht aus Qingdao an seinen Wohnort in Peking zurückkehren. Wie lange er festhängen wird, weiß er nicht. 

Die Sorge vor neuen Lockdowns wächst

Im ganzen Land wächst angesichts der steigenden Corona-Zahlen die Sorge vor neuen Lockdowns. Am Mittwoch wurden landesweit 3133 Neuinfektionen registriert. Doch in dem Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern genügt ein einzelner Fall, um ganze Wohnviertel abzuriegeln. In Shanghai könne man regelrecht „spüren, wie die Menschen nervös werden“, berichtet Francis Liekens, Vertreter der Europäischen Handelskammer in der Finanzmetropole.

Wie viel Olaf Scholz von den Sorgen und Nöten seiner Landsleute tatsächlich mitbekommt, ist unklar. AP

Olaf Scholz

Wie viel Olaf Scholz von den Sorgen und Nöten seiner Landsleute tatsächlich mitbekommt, ist unklar.

Die Erinnerung an die zweimonatige Ausgangssperre im Frühjahr belastet die 25 Millionen Einwohner weiterhin. Die Erfahrung, in den eigenen vier Wänden gefangen zu sein, hat viele zutiefst erschüttert und selbst langjährige deutsche Wahl-Shanghaier zur Ausreise bewegt. 

Die Zahl der Ausländer in der Volksrepublik hat sich nach Schätzungen der Europäischen Handelskammer in China seit dem Ausbruch der Pandemie mehr als halbiert. Auch Chinas Mittelschicht diskutiert in zahllosen privaten Chatgruppen, welches Land die besten Möglichkeiten für Exil-Chinesen bietet. „Run xue“ („Wissenschaft des Wegrennens“) wird das mit Galgenhumor genannt.

BASF-Vorstandsmitglied Markus Kamieth erlebt bei seinem jüngsten Besuch in der Volksrepublik auch „ein weniger optimistisches China“. Der Manager, der beim Chemiekonzern für das Asiengeschäft zuständig ist, hat bereits sechs Mal die Zwangsquarantäne bei der Einreise auf sich genommen. Er spüre, dass die verheerende Abriegelung Shanghais und das ständige Risiko, in einen neuen Covid-Lockdown zu geraten, auch „das Vertrauen vieler Chinesen erheblich beeinträchtigt“ habe. 

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Inzwischen überlege er sich lieber zweimal, ob er ein Gebäude betrete, sagt auch Liekens. Es sei ein wenig „wie Roulette spielen“. Denn praktisch überall muss man sich am Eingang mit seiner Gesundheits-App registrieren. Wird einer der Besucher später positiv getestet, werden sogenannte Kontaktpersonen von Gesundheitsmitarbeitern in weißen Ganzkörperanzügen abgeholt. Sie müssen sich dann bis zu 14 Tage in einem Quarantänehotelzimmer isolieren. Viele haben Freunde oder Arbeitskollegen, die erneut in Isolation mussten, weil sie zur falschen Zeit in einem Supermarkt, Restaurant oder im Disney-Land waren. 

In den Unternehmen wächst derweil die Sorge über Mitarbeiterengpässe. Eine internationale Schule in Shanghai forderte die Angestellten jüngst auf, nicht mehr in Restaurants zu essen. Selbst ausländische Unternehmen müssen bei den zuständigen Behörden um Erlaubnis bitten, wenn Geschäftspartner oder Journalisten zu Besuch kommen. Die Regeln dafür können sich von Tag zu Tag ändern. 

Stimmen für ein differenziertes Chinabild fehlen

In der Kunst- und Kulturszene wächst der Frust über die zunehmende Zensur und kurzfristige Veranstaltungsverbote, die mit der Pandemielage begründet werden. Auch an den Universitäten, die ebenfalls stark unter den Coronabeschränkungen leiden, habe man auf eine Lockerung der Einreisebeschränkungen gehofft, um wieder internationale Studenten anzuziehen, weiß Fuhrmann.

Es gebe inzwischen eine Generation von Sinologen in Deutschland, die noch nie nach China reisen konnten. Der unterbrochene Austausch führe dazu, dass „Stimmen für ein differenziertes Chinabild zunehmend fehlen“, sagte Fuhrmann.

Wie viel Olaf Scholz von den Sorgen und Nöten seiner Landsleute tatsächlich mitbekommt, ist unklar. Zwar sind zwei virtuelle runde Tische mit Vertretern aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft vorgesehen.

Doch es ist fraglich, wie offen sich die auf diese Weise zugeschalteten Teilnehmer äußern können und wollen. Denn in China muss damit gerechnet werden, dass digitale Kommunikation abgehört wird. Angesichts der wachsenden Restriktionen sind ohnehin immer weniger Menschen bereit, sich offen kritisch zu äußern.

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