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11.08.2022

13:28

Mit den Drohnen reisten iranische Piloten nach Russland. imago images/Pacific Press Agency

Drohne Shahed 129

Mit den Drohnen reisten iranische Piloten nach Russland.

Waffensysteme

Iranisch-russischer Drohnendeal: So kann die Ukraine die Himars-Killer aus Teheran stoppen

Von: Christopher Stolz
Quelle:Tagesspiegel

Russland soll bereits iranische Drohnen in der Ukraine einsetzen. Ein Überblick, wie Kiews Armee die Flugwaffen vom Himmel holen kann.

Berlin Die Antoniwka-Brücke im südukrainischen Cherson ist das beste Beispiel für die derzeitigen Probleme Russlands in der Ukraine. Seit Tagen hat die russische Armee damit zu kämpfen, den wichtigsten Nachschubweg in das besetzte Gebiet zu reparieren.

Grund dafür sind ukrainische Schläge mit den Mehrfachraketenwerfern Himars. Am Montag traf die Ukraine die Brücke zum zweiten Mal. Für Militärgerät ist sie deshalb unpassierbar. Stattdessen muss Russland Fähren einsetzen.

Mit den bisher 16 von den USA gelieferten Himars stellt die ukrainische Armee Russland vor bislang kaum lösbare Probleme – und hat das Heft des Handelns zumindest vorübergehend wieder zurück in der Hand.

Der Kreml hat die Himars zum Ziel Nummer eins erklärt und behauptet regelmäßig, eines der Systeme zerstört zu haben – Berichte, die sich bisher nicht als wahr bestätigt haben. Das könnte sich bald ändern, denn Russland will die US-Systeme allem Anschein nach künftig mit iranischen Kampfdrohnen jagen.

Dem ukrainischen Präsidentenberater Oleksiy Arestovych zufolge soll der Iran Russland schon 46 Drohnen zur Verfügung gestellt haben. Die Aussagen Arestovychs lassen sich nicht unabhängig belegen. Angesichts der Entwicklungen in den vergangenen Wochen sind sie aber wahrscheinlich.

Wie sieht der Deal zwischen Russland und dem Iran aus?

Bereits Anfang der vergangenen Woche hatte es unbestätigte Meldungen gegeben, wonach der Iran Drohnen nach Russland geschickt habe, berichtet der US-Thinktank „Institute for the Study of War“ (ISW).

Zudem hieß es, dass mit den Drohnen auch iranische Piloten und Techniker nach Russland gereist seien, um darin trainiert zu werden, russische Kampfflugzeuge vom Typ Su-35 zu fliegen und zu reparieren. Das würde bedeuten, dass der Iran russische Flugzeuge im Gegenzug für die Drohnen erhalten könnte.


Der Iran hat Drohnen nach Russland geschickt. IRGC dpa

Die iranische Drohne Shahed 191

Der Iran hat Drohnen nach Russland geschickt.

US-Offizielle berichteten bereits vor zwei Wochen, dass eine russische Regierungsdelegation mindestens zweimal einen iranischen Flughafen für eine Vorführung angriffsfähiger Drohnen besucht habe. Laut CNN stellte der Iran neben der Schahed 129 auch die technisch verwandte Drohne Schahed 191 vor.

Als weitere Gegenleistung könnte ein Fernerkundungssatellit dienen. Russland habe den Satelliten „Chayyam“ am Montag für den Iran ins Weltall geschossen, berichtet die russische Nachrichtenagentur Interfax am Dienstag. Er ist bereits der dritte iranische im All. Nach Angaben der „Washington Post“ kann der Satellit hochauflösende Aufnahmen von der Erde machen und erhöht damit die militärischen Möglichkeiten Teherans im Persischen Golf deutlich.

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In den nächsten Monaten werde aber zunächst Russland selbst die Sonde im Krieg gegen die Ukraine nutzen, schrieb die „Washington Post“. Erst zu einem späteren Zeitpunkt solle die Kontrolle dann an den Iran übergeben werden. Das würde Russland ermöglichen, die genauen Standorte der ukrainischen Truppen – und damit auch der Himars zu erfassen.

Die iranische Weltraumbehörde dementiert die Berichte, dass Russland Zugriff auf die Überwachungsaufnahmen des Satelliten habe. Der Satellit würde „ab dem ersten Tag des Betriebs“ vom Iran kontrolliert, und „kein anderes Land wird Zugang zu den Informationen haben“, heißt es in einem Statement.

Was können die iranischen Drohnen?

Die Drohnen Schahed 191 und Schahed 129 sind beide in der Lage, präzisionsgelenkte Raketen zu tragen. Das geht aus offiziellen Daten hervor. Die Schahed 129 ist das Vorgängermodell der Schahed 149 Gaza – auch zur Lieferung dieser Drohne an Russland hatte es Gerüchte geben. Die Schahed 149 Gaza ähnelt vom Typ der bekannten und erfolgreich von der Ukraine eingesetzten türkischen Bayraktar-Drohne. Militärexperten schätzen allerdings, dass der Iran nur über wenige der Schahed 149 verfügt und sie deshalb nicht abgeben will.

Die Vorbilder der Schahed 129, die an Russland gehen soll, sind die US-amerikanische MQ-1 Predator und die israelische Hermes 450, die den Iranern vor einigen Jahren in die Hände gefallen sind. Iranische Medien bezeichnen die Schahed 129 als „eine der besten Drohnen, die der Iran je produziert hat“.

Die Ukraine setzt die türkische Drohne gegen die russische Armee im Krieg ein. Anadolu Agency/Getty Images

Die türkische Bayraktar-Drohne

Die Ukraine setzt die türkische Drohne gegen die russische Armee im Krieg ein.

Die Schahed 129 soll mit mindestens vier Seezielflugkörpern bestückt werden können. Der Iran soll in den vergangenen Jahren Exemplare dieser Drohne an die Hamas, die Hisbollah, die Huthi-Rebellen im Jemen und nach Syrien verkauft haben.

Der Iran habe die Schahed 129 seit der Veröffentlichung vor zehn Jahren mehrmals sowohl im Inland als auch Ausland genutzt, berichtet der Thinktank American Enterprise Institute. Am bekanntesten ist die Drohne für ihren Einsatz im Syrienkrieg seit 2014. Dort wurden seit 2017 auch mehrere Drohnenangriffe auf US-amerikanische Streitkräfte verzeichnet.

Neben der Schahed 129 ist die Schahed 191 die Drohne, die der Iran in den vergangenen Jahren am häufigsten in bewaffneten Konflikten eingesetzt hat. Die Schahed 191 hat eine maximale Flugzeit von viereinhalb Stunden und kann zwei Flugkörper transportieren. Da sie leichter ist, hat die Schahed 191 mit 300 Kilometern pro Stunde dafür aber eine doppelt so hohe Maximalgeschwindigkeit wie die Schahed 129.

Wie kann die Ukraine die Drohnen stoppen?

Schon die russischen Aufklärungsdrohnen der Orlan-Gruppe sind für die Ukraine schwer abzuschießen. Die Orlan-Drohnen waren ein Hauptgrund, warum Russland im Donbass seine Kesseltaktik mit massivem Artilleriebeschuss vergleichsweise erfolgreich einsetzen konnte.

Ein ukrainischer Pilot sagte kürzlich auf einer Veranstaltung der Stiftung German Marshall Fund in Washington, dass die Drohnenabwehr eine „schwierige Aufgabe für Kampfflugzeuge“ sei. Dort wo die Luftabwehr nicht so gut funktioniere, sei es allerdings nötig, die Drohnen „zu finden und auszuschalten“. In dem Fall sei es auch „keine Verschwendung, eine Archer auf die zu schießen“, sagte der Pilot. Eine Archer ist eine Luft-zu-Luft-Rakete für Kurzstrecken.

Dass der Abschuss der Drohnen mit Kampfflugzeugen funktioniert, haben schon die US-Amerikaner im Syrienkrieg gezeigt. Dort schossen sie im Juni 2017 eine Schahed 129 mit einem Jagdflugzeug ab. Gegen iranische Kampfdrohnen wäre der massenhafte Einsatz von Archers allerdings eine wenig effiziente Vorgehensweise.

Ein Beispiel, wie die Schahed-Drohnen unter Kontrolle gebracht werden könnten, bieten ausgerechnet die Russen. Russland schaffte es zuletzt, nach den überraschenden Misserfolgen rund um die Hauptstadt Kiew in den ersten Wochen des Krieges, die von der Ukraine eingesetzten türkischen Bayraktar-Drohnen auszuschalten.

Mit Systemen der elektronischen Kriegsführung störte Russland die luftgestützten Radarsysteme der Ukrainer und blockierte die Kommunikation zwischen Drohnen und Bodenpersonal. Die Aufklärungssysteme können also das Navigationssignal der Drohnen unterdrücken und diese so manövrierunfähig machen oder sogar zum Absturz bringen.

Das vorrangig genutzte System Krassucha-4 hat eine Reichweite von bis zu 250 Kilometern – und damit deutlich mehr als ukrainische Systeme. Das andere System, Borisoglebsk-2, ist extra für die Blockade der Lenkung von Drohnen konzipiert.

Russland kann mit dem System ukrainische Drohnen abstürzen lassen. Imago itar Tass Donat Sorokin

Das russische System Krassucha-4

Russland kann mit dem System ukrainische Drohnen abstürzen lassen.

„Es besteht großer Bedarf, unsere elektronische Kriegsführung weiterzuentwickeln“, sagte der ukrainische Verteidigungsminister Oleksij Resnikow bereits kurz vor Beginn des Kriegs im Februar. „Wir verstehen, dass wir unsere Systeme zur Unterdrückung, zum Schutz und zur Aufklärung so weit wie möglich entwickeln müssen.“

Dabei setzen auch die Ukrainer ihr Anti-Drohnen-System Bukovel-AD R4 bereits erfolgreich ein – und das seit Jahren im andauernden Krieg im Donbass. Es soll neben zahlreichen Abschüssen auch schon russische Orlan-Drohnen zur Landung gezwungen haben. Es hat eine Reichweite von bis zu 100 Kilometern.

Die Ukraine zählt zudem das System R-330KV1M zu ihrem Arsenal, das die Kommunikation über Radiowellen blockieren kann. Mit den vom Westen gelieferten Luftabwehrsystemen, darunter das deutsche Iris, können die Ukrainer theoretisch ebenfalls Kampfdrohnen abschießen. Auch mit dem deutschen Luftabwehrpanzer Gepard lassen sich Drohnen abschießen. Drei Exemplare sind inzwischen in der Ukraine angekommen.

Wie AP berichtet, ist den Ukrainern dabei auch das von Elon Musk zur Verfügung gestellte Satellitennetzwerk Starlink nützlich. Nun bleibt abzuwarten, ob die Möglichkeiten groß genug sind, um die iranischen Drohnen zu stoppen.

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