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17.11.2019

11:00

Wahlkampf in Großbritannien

Das Endspiel des Mr. Brexit – Nigel Farage gilt als „Verräter“

Von: Kerstin Leitel

Nigel Farage war zunächst als härtester Gegner der Regierung angetreten – und wollte den Brexit mit aller Macht durchboxen. Nun ist er selbst so angeschlagen wie nie zuvor.

Der Vorsitzender der Brexit-Partei hat sich in eine Sackgasse manövriert. Doch ein Comeback ist nicht ausgeschlossen. dpa

Nigel Farage

Der Vorsitzender der Brexit-Partei hat sich in eine Sackgasse manövriert. Doch ein Comeback ist nicht ausgeschlossen.

London Im Boxring gibt sich Nigel Farage nach wie vor angriffslustig. Ausgerüstet mit weißen Box-Handschuhen mit dem Logo der Brexit-Partei, ist er in einem Londoner Box-Studio zu einem Sparring mit Super-Schwergewicht Dereck Chisora angetreten. Tapfer versetzt der Politiker seinem Gegenüber einen Haken, und pflichtbewusst gerät der ehemalige Weltmeister ins Schwanken.

Außerhalb des Boxrings ist es aber Farage, der wankt: Frühere Parteifreunde und -anhänger wenden sich gegen ihn. Politikexperten spekulieren, ob der Brite, der seit Jahrzehnten für den Brexit kämpft, letztlich genau diesen verhindern könnte.

Vor wenigen Wochen noch galt der 55-Jährige als derjenige, den Premierminister Boris Johnson bei der Wahl am 12. Dezember besiegen muss. Aber nun scheint das Lebenswerk des ehemaligen Investmentbankers in Gefahr. Schon als er 1993 die Partei Ukip gründete, war sein Ziel, Großbritannien aus der EU zu führen.

Von Ukip hat sich Nigel Farage mittlerweile abgewandt, er gründete Anfang des Jahres die Brexit-Partei – mit der gleichen Absicht. Dass Großbritannien drei Jahre nach dem Sieg der „Leave“-Wähler noch immer Teil der EU ist, hatte dem ehemaligen Banker lange Zulauf verschafft. In der Europawahl fuhr die Brexit-Partei einen überragenden Sieg ein. Aber jetzt scheint das Ziel für Farage so weit entfernt wie nie zuvor.

Seit Wochen sinken die Umfragewerte seiner Partei, vor allem, seit Boris Johnson zum Premierminister ernannt wurde. Hatten im Sommer noch rund 20 Prozent der befragten Briten in Wahlumfragen erklärt, die Brexit-Partei wählen zu wollen, sind es 25 Tage vor den Wahlen weniger als 10 Prozent. Mit seinem Brexit-Kurs schafft es Premier Johnson scheinbar, die unzufriedenen „Leave“-Wähler zurück zu den Konservativen zu locken.

Farage macht zu viele Fehler

Dazu hatten mehrere Ereignisse der vergangenen Wochen den Niedergang von Farage und seiner Brexit-Partei begünstigt, sagt Politik-Experte Callum Tindall von der University of Nottingham: Als erstes die Entscheidung des Parteichefs, nicht selbst für einen der 650 Abgeordnetenposten anzutreten.

Sieben Mal schon hatte Farage versucht, einen Platz im Londoner Unterhaus zu erhalten – aber bislang vergeblich. Ein achtes Mal wollte Farage offenbar nicht das Risiko einer solchen Blamage eingehen, aber für die Stimmung in der Partei war das ein schlechtes Signal.

Außerdem verkündete der Parteichef zur großen Überraschung vieler Anhänger, dass die Brexit-Partei keinen Kandidaten in den 317 Wahlkreisen aufstellen werde, in denen die konservative Partei bei den letzten Wahlen eine Mehrheit bekommen hatte. Es ist eine drastische Kehrtwende. Schließlich hatte Nigel Farage ursprünglich angekündigt, in „fast allen“ der 650 Wahlkreise Großbritanniens einen Kandidaten ins Rennen zu schicken.

Dieser Komplex beschäftigt nun sogar die Polizei. Premierminister Boris Johnson und andere Tories sollen versucht haben, weitere Politiker der Brexit-Partei zu überreden, ihre Kandidaturen für die Wahl zurückziehen. Dafür sollen ihnen andere Jobs angeboten worden seien. Die Beamten ermitteln nun wegen des Verdachts auf Wahlbetrug und Amtsmissbrauch.

Der Labour-Abgeordnete Charlie Falconer hatte als Mitglied im Oberhaus die Polizei in einem Brief vom Freitag aufgefordert, entsprechenden Berichten nachzugehen. Falconers Ansicht nach warfen diese Versuche „ernsthafte Fragen über die Integrität“ der Wahl am 12. Dezember auf und könnten gegen das Wahlrecht verstoßen.

Doch die rund 300 Anhänger der Brexit-Partei, die ihren Traum von einem Platz im Parlament vorzeitig platzen sehen, geben Farage die Schuld für die Kehrtwende. In der Partei machte sich Unmut breit, die Mitglieder fühlen sich verraten. Man sei fallengelassen worden „wie eine heiße Kartoffel“, wütete Robert Wheal, der eigentlich für die Brexit-Partei auf einen der nun gestrichenen Posten kandidieren wollte. Farage sei „als Politiker erledigt“. Andere brandmarkten den Parteichef als „Verräter“. Schließlich habe dieser damit seine Unterstützung für die Regierungspartei und ihre Brexit-Politik signalisiert.

Andere dagegen appellierten an ihn, auch die verbleibenden Kandidaten im Rest des Landes zurückzuziehen. Der Unternehmer und einstige Weggefährte Arron Banks forderte ihn öffentlich auf, nur in den 40 Wahlkreisen anzutreten, in denen die konservative Partei keine Chance hätte. Ein solcher Schritt würde die konservative Partei auf ihrem Ziel zu einer Parlamentsmehrheit deutlich nach vorne bringen.

Denn entscheidend für den Ausgang der Wahl gelten die Bezirke in der so genannten „Roten Mauer“: Ein Landstrich in Mittelengland, in dem viele Wähler traditionell die Labour-Partei unterstützen, die aber im Referendum 2016 für den Austritt aus der EU gestimmt hatten.

Auf sie fokussiert sich Premier Johnson in seinem Wahlkampf, denn in vielen Bezirken hängt der Wahlausgang von verhältnismäßig wenigen Stimmen ab. Die Brexit-Partei tritt beim Thema Brexit in Konkurrenz zur konservativen Partei an und das könnte die entscheidenden Stimmen kosten, so dass die Parlamentssitze an die Labour-Partei gehen. Einige Brexit-Anhänger gaben deswegen freiwillig ihre Nominierung auf, um damit zu verhindern, dass sich Leave-Wähler zwischen der konservativen Partei und der Brexit-Partei aufteilen.

Diese Region ganz der konservativen Partei zu überlassen, so weit will Farage dann doch nicht gehen: Derartige Forderungen seien unverschämt, sagt er, die konservative Partei sei undankbar. Er lehnt es ab, die restlichen Kandidaten abzuziehen.

Doch für Politik-Experte Matthew Goodwin von der Universität Kent geht Farage damit das Risiko ein, dass er sein Lebensprojekt Brexit zerstört. „Ich glaube nicht, dass die Brexit-Partei auch nur ein Abgeordnetenmandat gewinnt“, sagte er der Zeitung „Telegraph“.

„Mr. Brexit“ müsse sich deswegen die Frage stellen, ob er tatsächlich derjenige sein wolle, „der fünf bis sieben Prozent in den Wahlen gewinnt, damit Boris Johnson und den Konservativen den Wahlsieg kostet und als Konsequenz daraus den Brexit zum Scheitern bringt“.

Das ist sicher eine drastische Prognose – aber dass Farage mittlerweile stark geschwächt ist, bezweifelt kaum ein Brite. Nach Meinung von Politik-Experte Tindall sollte man Farage aber noch nicht vollständig abschreiben: Der Politiker wäre in seinem Element, wenn er bei den TV-Debatten gegen seine Kontrahenten antreten kann.

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