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08.08.2019

17:06

Weltklimarat

Verzicht auf Fleisch soll Klima retten

Von: Klaus Stratmann

Der Weltklimarat kritisiert den Fleischverbrauch. Veränderter Konsum und nachhaltige Landwirtschaft seien ein wichtiger Teil beim Klimaschutz.

Klimawandel

Weltklimarat fordert Einschränkung des Fleischkonsums

Klimawandel: Weltklimarat fordert Einschränkung des Fleischkonsums

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Berlin Eine eindeutige Empfehlung für vegetarische Kost vermeiden die Autoren zwar. Gleichwohl werben sie aber für eine ausgewogene Ernährung, die verstärkt auf Gemüse und Getreide setzt. Die Massentierhaltung, so ihr Befund, trage dazu bei, den Klimawandel zu beschleunigen. Damit gibt der Sonderbericht des Weltklimarates IPCC zur Landnutzung der Debatte um den Fleischkonsum neuen Auftrieb.

Grünen-Politiker hatten sich in den vergangenen Tagen dafür ausgesprochen, die Mehrwertsteuer auf Fleisch von sieben auf 19 Prozent zu erhöhen. Ihr Argument: Die Massentierhaltung schade dem Tierwohl und belaste das Klima, Fleisch müsse daher steuerlich stärker belastet werden. Einige SPD-Politiker hatten sich der Forderung angeschlossen.

Grünen-Chef Robert Habeck fing die Debatte wieder ein: Eine „isolierte Betrachtung von Einzelsteuersätzen“ sei nicht sinnvoll, sagte Habeck. Wer etwas ändern wolle, müsse das gesamte Mehrwertsteuersystem „auf ökologische Lenkungswirkung, Kohärenz und soziale Auswirkungen“ umbauen.

Der IPCC-Bericht liefert den Kritikern von Massentierhaltung und hohem Fleischkonsum nun neue Argumente. In dem Bericht heißt es, die gesamte Kette der Erzeugung und des Konsums von Nahrungsmitteln müsse überdacht werden. „Die Landflächen stehen unter einem wachsenden, von Menschen erzeugten Druck“, sagte der Vorsitzende des Weltklimarats IPCC, Hoesung Lee. Zugleich liege im Umgang mit dem Land auch ein Teil der Lösung.

Die Autoren des am Donnerstag in Genf veröffentlichten Berichts, 107 Forscher aus 52 Ländern, gehen unter anderem davon aus, dass die Zahl, Dauer und Intensität von Hitzewellen sowie Dürren nicht zuletzt rund um das Mittelmeer zunehmen werden. In vielen Regionen werden zudem häufiger extreme Regenfälle vorkommen.

Versorgung mit Lebensmitteln in Gefahr

Zugleich sieht der IPCC Gefahren für die sichere Versorgung mit Lebensmitteln. „Die Stabilität des Nahrungsmittel-Angebots wird voraussichtlich sinken, da das Ausmaß und die Häufigkeit von Extremwetter-Ereignissen, die die Lebensmittelproduktion beeinträchtigen, steigen wird“, heißt es in dem Bericht.

„Wir müssen die Weide- und Landwirtschaft insgesamt klimafreundlicher gestalten“, sagte Almut Arneth vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die zu den Autorinnen gehört. Um dies zu erreichen, seien verschiedenen Schritte von der Produktion bis zum Verbraucher notwendig, etwa eine angepasste Lebensmittelproduktion, die Reduktion von Nahrungsmittelverlusten und die Förderung eines nachhaltigeren Konsumverhaltens.

Der Bericht nennt nachhaltige Anbaumethoden und gezieltere Düngung als geeignete Methoden, um die Erderwärmung zu bekämpfen. Wenn die Menschen ihre Ernährung ändern, weniger rotes Fleisch essen und mehr pflanzliche Nahrung wie Obst, Gemüse und Getreide zu sich nehmen würden, könnten die Emissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts deutlich reduziert werden, schreiben die Autoren der Studie.

Ein Drittel mehr Kalorien für jeden Menschen

Die Erkenntnisse des Berichts sind alarmierend. Eine Übersicht: Die bereitgestellte Menge an Pflanzenölen und Fleisch für die Menschen hat sich seit 1961 pro Kopf mehr als verdoppelt. Es werden zudem für jeden Menschen im Durchschnitt rund ein Drittel mehr Kalorien hergestellt.

Zugleich gehen derzeit 25 bis 30 Prozent aller Nahrungsmittel verloren oder werden verschwendet. Veränderungen des Konsumverhaltens haben dazu geführt, dass heute rund zwei Milliarden Erwachsene übergewichtig oder fettleibig sind. Schätzungsweise 821 Millionen Menschen sind immer noch unterernährt.

Von 1961 bis 2013 ist der Anteil der Trockengebiete, die von Dürren betroffen sind, dem Bericht zufolge im Schnitt um etwas mehr als ein Prozent pro Jahr gestiegen. Seit dem vorindustriellen Zeitalter bis zum Zeitraum 2006 bis 2015 ist die mittlere Lufttemperatur auf den Landoberflächen im Schnitt um 1,53 Grad Celsius gestiegen, schreiben die Autoren. Zählt man Ozeane und Land zusammen, dann stieg sie in diesem Zeitraum im Schnitt um 0,87 Grad.

Der Klimawandel wirke sich jetzt schon auf die Nahrungsmittelsicherheit aus – etwa durch Erwärmung, Änderung der Niederschlagsmuster und eine höhere Frequenz einiger Extremwetter, schreiben die Autoren. Landwirtschaft, Forstwirtschaft und andere Landnutzung waren laut IPCC-Bericht von 2007 bis 2016 für 23 Prozent der gesamten vom Menschen verursachten Netto-Ausstöße von Treibhausgasen verantwortlich.

Der Bericht steht im Zeichen des Pariser Klimaabkommens. Die internationale Staatengemeinschaft hatte sich in dem Abkommen 2015 darauf verpflichtet, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad, wenn möglich sogar auf 1,5 Grad, im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, zu begrenzen.

Fachleute befürworten Aufforstungsprogramme

Dazu müssten die Staaten den Ausstoß ihrer Treibhausgase stark reduzieren. Da die Reduktionspotenziale in einigen Bereichen, wie etwa in der Industrie, begrenzt sind, propagieren viele Fachleute großflächige Aufforstungsprogramme. Zusätzliche Wälder könnten Treibhausgasemissionen binden, so die Überlegung. Der damit einhergehende Flächenverbrauch könnte allerdings zu Nutzungskonflikten mit der Agrarwirtschaft führen.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) forderte Konsequenzen aus dem IPCC-Sonderbericht für Deutschlands Landwirtschaft. Es brauche mehr Ökolandbau, sagte die Ministerin. Ein Anteil von 20 Prozent sei schon lange das Ziel. Um dies zu erreichen, müsse die Agrarförderung der EU andere Anreize setzen. 2018 lag der Anteil bei 9,1 Prozent.

Klimaschutzverbände forderten, aus dem Bericht rasch Konsequenzen zu ziehen. „Die Klimakrise verstärkt Probleme für unsere Landnutzung und Ernährungssicherheit massiv, während unsere Art und Weise der Landnutzung wiederum die Klimakrise anheizt“, hieß es etwa beim WWF. Dieser Teufelskreis könne nur durch eine drastische Senkung der Treibhausgasemissionen und durch nachhaltigeres Wirtschaft durchbrochen werden.

Kommentare (5)

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Herr Werner Mocke

08.08.2019, 13:04 Uhr

Die Bevölkerungsexplosion ist der der gefährlichste Faktor. Hier muß man ansetzten und zwar schnell.

Liselotte Pulver

08.08.2019, 17:02 Uhr

Soll ich als naechstes mein Sexual- und Schlafverhalten umstellen? Der Mensch wird zunehmend zu einer Marionette der NGOs und deren Politik.

Herr Thomas Knecht

08.08.2019, 17:16 Uhr

Also wenn ich den Artikel richtig interpretiere, dann werden zwei wesentliche Gründe für den zu starken Verbrauch genannt: Bevölkerungswachstum und Konsumverhalten.

Die Forderung aus dem Bericht ist aber einzig und alleine die Änderung des Konsumverhaltens, da wird auch gleich detailliert erklärt, wie.

Und was ist mit dem Bevölkerungswachstum? Könnte alleine darüber nicht viel mehr zu einer Entspannung beigetragen werden?

Und was nutzt es, wenn sich die entwickelten Volkswirtschaften in ihrem Konsumverhalten drastisch umstellen, gleichzeitig aber sich entwickelnde Volkswirtschaften sich eben jenem Konsumverhalten der entwickelten Volkswirtschaften immer schneller und mit viel mehr Menschen annähern?

Irgendwie ist das ganze schlechte Gewissen machen schon ein wenig absurd...

Gleiches gilt für den mit gigantischen Summen erkauften Kohleausstieg in Deutschland (während gleichzeitig Indien, China und andere Länder die Kohleverstromung massiv ausbauen). Oder Windräder, die hierzulande demnächst abgebaut werden, weil deren Förderung ausläuft (sie sind nicht am Ende ihrer technischen Laufzeit!), dafür werden mit gigantischem Ressourcenverbrauch und mit neuer Förderung dann neue woanders aufgestellt. Oder der Zerstörung weiterer Naturflächen durch Lithium-, Kobald- und sonstigen Abbau zum Umstellen der Fahrzeugflotte auf den so viel gepriesenen Elektroantrieb, jedes neue Auto schon von vornherein mit einer riesigen Umweltbelastung anstatt die vorhandene Fahrzeugflotte weiter zu nutzen oder effizienter zu machen...ich könnte endlos weiterschreiben...

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