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15.04.2017

09:26 Uhr

Wenn der IS vertrieben ist

Der Kampf der befreiten Städte

Der Islamische Staat wird langsam aus einzelnen Städten verdrängt. Bevor in den befreiten Regionen wieder Normalität einkehrt, braucht es allerdings seine Zeit. So auch in der an Mossul angrenzenden Stadt Hamdanija.

Nach den Straßenschlachten sind die Städte teilweise zerstört und die Versorgung fast vollständig eingestellt. AFP

Kein Strom, kein Wasser, keine Zukunft?

Nach den Straßenschlachten sind die Städte teilweise zerstört und die Versorgung fast vollständig eingestellt.

HamdanijaBahaa Franschaw steckt Fleischstückchen auf einen Spieß. Er verkauft sie an Passanten. Seine potenziellen Kunden: Zivilisten, die auf der Flucht vor den Kämpfen in Mossul Hamdanija passieren, militärische Verstärkungen auf dem Weg nach Mossul. Und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen, die der vom Krieg gezeichneten Stadt auf die Beine helfen wollen.

Hamdanija liegt zwischen Erbil und Mossul. Vor fünf Monaten wurde die zuvor von der Terrormiliz Islamischer Staat kontrollierte Stadt von irakischen Truppen befreit, die IS-Kämpfer zogen sich nach Mossul zurück, wo sie weiterkämpfen. Nun ist Hamdanija ein drastisches Beispiel für die immense Herausforderung, die der Wiederaufbau für die Behörden bedeutet - nicht nur hier, sondern auch in anderen Gebieten, aus der der IS vertrieben werden konnte.

Der 46-jährige Frenschaw gehört zu den wenigen, die nach Hamdanija zurückgekehrt sind, wo einst 70.000 Menschen - mehrheitlich Christen - wohnten. Er hofft, dass er die Farm wiederbeleben kann, die er verlassen musste, auch wenn er die Zukunft des Landes eher pessimistisch betrachtet. „Ich möchte, dass der Irak so wird, wie er war, aber es wird nicht geschehen.“

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Offizielle Angaben über die Zahl der Hamdanija-Rückkehrer gibt es nicht, aber Franschaw sagt, dass es ihn überraschen würde, wenn es mehr als 100 wären. Und das zusätzlich zu den Polizeirekruten, die in der Stadt ausgebildet werden und Soldaten, die hier Stellungen haben.

Viele Gebäude in Hamdanija sind zerstört, Luftschläge der Koalition, irakische Artillerie und IS-Kämpfer haben ganze Straßenzüge in Trümmerhalden verwandelt. Zwar hofft Franschaw auf eine Zukunft auf seiner Farm - erstmal hat er jedoch ein Kebab-Restaurant eröffnet. Das ist schwierig genug. In der Stadt fehlt es an allem. Es gibt kein Wasser, der Strom kommt von Generatoren. Franschaws Laden behilft sich mit Wassertanks, die improvisierten Leitungen funktionieren oft nicht. „Es ist schwer zurückzukommen. Denn hier ist nichts, wozu man zurückkehren kann.“

Saad Haschim, ein sunnitischer Muslim aus Bagdad, isst in Franschaws Restaurant zu Mittag. Alle vertriebenen Menschen, die er in Flüchtlingslager gebracht habe, hätten erklärt, dass sie in ihre Heimat zurückkehren würden, schildert er. Aber sie würden erst dann kommen, wenn es die Infrastruktur erlaube, die Strom- und Wasserversorgung wiederhergestellt sei. Ein örtlicher Kommandeur einer christlichen Miliz, Arkan Hasib Chidh, macht die Behörden für den Mangel an Fortschritten in der Stadt verantwortlich. „Die Regierung hat bisher nichts für uns getan“, sagt er.

Die internationale Anti-IS-Koalition

Welche Länder beteiligen sich?

Nachdem der IS sich im Sommer 2014 in Syrien ausbreitete, beschlossen zehn Länder auf einer Nato-Konferenz ein Bündnis gegen die Terrormiliz. Heute gehören mehr als 60 Staaten zu der Allianz, darunter neben den USA auch Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die Türkei. Saudi-Arabien und andere arabische Staaten wie Jordanien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar haben sich dem Bündnis ebenfalls angeschlossen.

Quelle: dpa

Wie geht die Allianz vor?

Derzeit bekämpft die Allianz den IS vor allem in Syrien und im Irak, wenngleich sich der IS auch in Libyen festgesetzt hat. Nach eigenen Angaben hat die Koalition mehr als 12.000 Luftangriffe auf IS-Stellungen geflogen. Die USA bilden im Irak Soldaten der Armee und kurdische Kämpfer aus, Deutschland liefert Waffen und Ausrüstung für kurdische Peschmerga und leistet mit sechs Tornado-Flugzeugen Aufklärungsarbeit.

Welche Erfolge gibt es?

Die Dschihadisten sind in Syrien und im Irak massiv unter Druck geraten. Seit Beginn vergangenen Jahres hat der IS mehr als ein Drittel seines „Kalifat“ genannten Herrschaftsgebietes eingebüßt. Vor allem die Kurden haben den Extremisten mit Hilfe internationaler Luftunterstützung im Norden beider Länder große Gebiete abgenommen. Der irakischen Armee gelang es, den IS aus wichtigen Städten wie Ramadi und Falludscha zu vertreiben. Außerdem haben die Luftschläge die Ölinfrastruktur unter IS-Kontrolle stark zerstört, weshalb die Extremisten laut Analysten unter Finanzproblemen leiden. Dennoch beherrscht der IS noch große Gebiete in Syrien und im Irak.

Welche Rolle spielt die Türkei?

Um die Rolle der Türkei gibt es Streit. Die Türkei stellt seit Sommer vergangenen Jahres ihren Luftwaffenstützpunkt Incirlik der Allianz für den Luftkampf gegen den IS bereit. Ankara hilft auch bei der Ausbildung und hat nach eigenen Angaben kurdische Peschmerga bei der Großoffensive auf Mossul mit Artillerie unterstützt. Die Regierung in Bagdad lehnt eine türkische Militärpräsenz im Irak allerdings ab. Die türkische Führung wiederum weigert sich, ihre Soldaten abzuziehen.

Wann ist Mossul befreit?

Das ist schwer zu sagen, zumal die eigentlichen Kämpfe um die Stadt noch nicht begonnen haben. Bei dem Koalitionstreffen in Paris geht es jedoch schon darum, die politischen Weichen für die Zeit nach dem IS in Mossul zu stellen. Das Gesellschaftsgefüge ist fragil in Iraks zweitgrößter Stadt. Während die meisten Iraker Schiiten sind, ist die Mehrheit der Bevölkerung in Mossul sunnitisch wie der IS. Zudem lebten viele Christen dort. Der sunnitische türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan forderte bereits, dass nach dem Ende der Kämpfe keine Schiiten mehr in der Stadt leben sollten.

Aber es gibt einige Zeichen von Normalität. Ein improvisiertes Krankenhaus wird in Kürze erste Patienten aufnehmen, und die Behörden wollen sich wieder um Rechtsfälle kümmern. Im Sommer soll eine Schule ihre Türen öffnen. Die Fortschritte kommen jedoch nur quälend langsam voran.

Franschaw gehört noch zu den Glücklichen, sein Haus blieb vom Schlimmsten verschont. Es wurde nur geplündert und die Einrichtung verwüstet. Doch eines kann er einfach nicht verstehen: Warum einige der Schäden nach der Vertreibung der IS-Kämpfer entstanden seien. Er zeigt auf die zerbrochenen Möbel in seinem Wohnzimmer: „Das hier wurde nicht vom IS angerichtet.“

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ap

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