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07.09.2019

16:59

Windkraft in Norwegen

Herr Vågenes Kampf gegen die Windmühlen

Von: Michael Verfürden

Deutsche Energieversorger und Investoren produzieren in Norwegen Ökostrom, um in ihrer Heimat keine Windräder bauen zu müssen. Nun regt sich Widerstand.

Sveinulf Vågene berät Norweger, die sich gegen die Windkraftpläne der Politik und Investoren wehren wollen. Handelsblatt

Windpark Egersund

Sveinulf Vågene berät Norweger, die sich gegen die Windkraftpläne der Politik und Investoren wehren wollen.

Bjerkreim Als Sveinulf Vågene den Fuß des Faurefjells erreicht, sieht er rot. Oder besser gesagt: rot-weiß. Ein Absperrbalken blockiert die Durchfahrt in Richtung der Hochfläche. Der Norweger flucht und schlägt mit den Händen auf das Lenkrad. Dann legt er den Rückwärtsgang ein, lenkt seinen alten Kompaktvan in die nächste Parkbucht und stellt den Motor ab. Der 67-Jährige atmet tief durch, dann greift er nach den Wanderschuhen auf dem Rücksitz.

Es ist nicht so, dass Vågene keine Lust hätte zu laufen. Der Weg durch das Gebirge in Norwegens südwestlicher Provinz Rogaland ist sogar sein liebster Wanderweg. Er führt durch weitläufige Grünflächen, über graue Berge, zwischen denen Seen schimmern wie blaue Farbtupfer.

Doch Vågene kann die Idylle nicht genießen – und der Absperrbalken ist schuld daran. Der Norweger hat in den vergangenen Wochen vieler solcher Balken gesehen. Sie tauchen überall dort auf, wo Windparks entstehen sollen: „Es ist immer das gleiche Spiel: Zuerst sperren sie die Zufahrt. Dann kommen die Bagger und die Sprengmeister mit ihrem Dynamit. Und zum Schluss die Lkws mit den Turbinen.“

Der Balken ist ein Vorbote einer Veränderung, gegen die Vågene kämpft: die Windenergie. Die norwegische Regierung will sie ausbauen – von derzeit etwa fünf Terawattstunden auf mehr als zehn Terawattstunden bis 2020. 2030 sollen es sogar 25 Terawattstunden sein. Das zieht auch ausländische Geldgeber an, darunter deutsche Finanzinvestoren und Energieversorger. Doch im sonst so grünen Norwegen finden das nicht alle gut. Der Kampf gegen die Anlagen ist vor den Kommunalwahlen am 9. September eines der wichtigsten Themen. Überall im Land wächst der Widerstand. Und Vågene ist einer der Köpfe dahinter.

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    Als der 67-Jährige nach seinen Wanderschuhen greift, entschuldigt er sich für die Unordnung im Auto. Auf der Rückbank liegen Klamotten, eine Kühltruhe und ein Haufen Dokumente. „Zurzeit wohne ich quasi in meinem Van“, sagt Vågene. Fast jeden Tag sei er in einer anderen Gemeinde, um Vorträge über Windräder zu halten. Er berät diejenigen, die sich gegen die Pläne der Politiker und Investoren wehren wollen. Geld nimmt er dafür nicht.

    Vågene schnürt seine Schuhe, dann steckt er sich ein Headset ans Ohr. Er erwartet noch einen wichtigen Anruf. Ein Regisseur will einen Film über die Gefahren von Windkraft drehen. Vågene soll darin den Experten geben.

    Norwegischer Wind für München

    Der 67-Jährige ist pensionierter Geophysiker, hat 30 Jahre lang für die Ölindustrie seismische Messungen ausgewertet. Dass es Leute skeptisch macht, wenn ausgerechnet er heute als eine Art Lobbyist für Windkraftgegner auftritt, kann Vågene verstehen. Doch er versichert, dass die Ölkonzerne nichts mit seinem Engagement zu tun haben.

    Die Sache mit der Windkraft fing mit einem Artikel über den Lärm der Turbinen an, den ihm sein Nachbar geschickt hatte. „Je mehr ich gelesen habe, desto klarer wurde mir, wie die Windparks unsere Natur zerstören“, sagt Vågene. Heute ist er Vorstandsmitglied des Vereins „La Naturen Leve“, auf Deutsch „Lasst die Natur leben“. Die Mitglieder setzen sich im ganzen Land gegen den Bau von Windparks ein – und haben sich auch in München einen Namen gemacht.

    Die bayerische Landeshauptstadt will sich als erste Millionenstadt der Welt ausschließlich mit erneuerbaren Energien versorgen. Bis 2025 sollen die Stadtwerke München (SWM) so viel Ökostrom produzieren, dass es für alle Wohnungen, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen reicht.

    In einem Prospekt werben die Stadtwerke für ihr Ausbauprogramm mit dem Bild eines Windrads vor blauem Himmel. Darüber steht der Spruch: „Saubere Energie, weniger CO2 – die SWM gestalten Münchens Klimazukunft.“ Nur: Kaum ein Windrad, aus denen der grüne Strom kommen soll, wird in Bayern stehen.

    Stattdessen bauen die Stadtwerke sie beispielsweise auf Frøya vor der Küste Norwegens. Etwa 4 500 Menschen leben auf der kleinen Insel. Nun sollen 14 Windräder dazukommen, jedes von ihnen 180 Meter hoch. Die Anlagen sollen so viel regenerative Energie erzeugen, wie etwa 409 000 Münchener Haushalte verbrauchen. Die Stadtwerke sind mit 70 Prozent an dem Joint Venture mit dem norwegischen Unternehmen TrønderEnergi beteiligt. Investitionsvolumen: 250 Millionen Euro.

    Grafik

    Wind gäbe es zwar auch in Bayern genug. Doch dort scheitern Genehmigungen für Windparks an der im Freistaat geltenden Abstandsregelung oder den Protesten der Anwohner. Deshalb stecken die Stadtwerke schon seit Jahren viel Geld in Windparks in anderen europäischen Ländern. Der grüne Strom kommt dann zwar nicht unbedingt aus der Steckdose in München, sondern landet im europäischen Stromnetz. Aber was zählt, argumentieren die Bayern, ist die Bilanz.

    Die Menschen auf Frøya sehen das jedoch anders. Aus ihrer Sicht sollen sie für das gute Gewissen der Münchener bezahlen. In Lokalzeitungen und sozialen Netzwerken ist von „deutscher Besatzung“ und einem „neuen Kolonialismus“ die Rede. Aktivisten blockierten wochenlang die Baustelle. Dann untersagte die Gemeinde, die 2016 schon eine Genehmigung für die Pläne erteilt hatte, überraschend mit einem Baustopp die Arbeiten.

    Erst als sich Norwegens Energieminister Kjell-Børge Freiberg einschaltete, wendet sich das Blatt. Inzwischen ist klar, dass die Stadtwerke München ihren Windpark bauen dürfen. Trotzdem ist der Fall Frøya für die Windkraftgegner ein Erfolg.

    Vågene, weißes Haar und Sonnenbrille, hat sein kariertes Hemd in die Wanderhose gesteckt. Auf seinem Rücken wackelt ein Trekkingrucksack. Während er Äste beiseiteschiebt und über Steine klettert, erklärt er, warum der Streit auf der kleinen Insel so wichtig ist – trotz der Niederlage für die Bewohner: „Frøya war ein Wendepunkt, der den Rest des Landes aufgeweckt hat. Die Norweger haben angefangen, sich mit den Folgen der Windkraft auseinanderzusetzen. Und sie haben erkannt, dass sie etwas bewegen können.“

    Die Stadtwerke München bauen auf der norwegischen Insel Frøya einen Windpark – vor Ort gibt es Widerstand. Jan-Egil Eilertsen

    Gegenwind aus dem Norden

    Die Stadtwerke München bauen auf der norwegischen Insel Frøya einen Windpark – vor Ort gibt es Widerstand.

    Die Windkraftgegner machen sich Sorgen um die Natur des Landes, um Tiere und den Tourismus. Ihr wichtigstes Argument ist aber ein anderes: Norwegen brauche keine Windräder. Schon heute bezieht das Land 98 Prozent seiner Energie aus grünen Quellen, davon 93 Prozent aus Wasserkraft und nur knapp vier Prozent aus Windkraft. Der Staat könnte auch schlicht die bereits vorhandenen Wasserwerke modernisieren, sagt Vågene.

    Doch die Regierung hat große Pläne: 2025 sollen keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr zugelassen werden. Ein Jahr später will das Land schmutzige Kreuzfahrtschiffe aus den Fjorden verbannen, bis 2040 alle Inlandsflüge elektrisieren. Dafür wird viel Strom notwendig sein. Und deshalb, so die Argumentation des Staats, braucht es sehr wohl Windräder.

    Die norwegische Energiebehörde NVE hat Ende Mai einen „Nationalen Rahmen für Windenergie“ vorgelegt, in dem 13 Gebiete ausgewiesen werden, die sich nach Ansicht der Beamten besonders gut eignen, um neue Onshorewindparks zu bauen. Zusammen umfassen sie eine Fläche von mehr als 16 700 Quadratkilometern, überwiegend im ‧Süden des Landes. Auf diesem Territorium liegen 98 Gemeinden, die nun bis Oktober Zeit haben, sich zu dem Plan zu äußern. Eine von ihnen ist Bjerkreim, wo auch der Windpark Faurefjell entstehen soll.

    Bjerkreims Bürgermeister Torbjørn Ognedal sieht in Windparks eine Chance für klamme Gemeinden. Handelsblatt

    Lukrative Einnahmequelle

    Bjerkreims Bürgermeister Torbjørn Ognedal sieht in Windparks eine Chance für klamme Gemeinden.

    Wer wissen will, wie das Pro-Windkraft-Lager argumentiert, kann in Bjerkreims Verwaltungszentrum Vikeså nachfragen. Der kleine Ort liegt von grünen Wiesen umgeben an der Europastraße E39. Sie führt vorbei an mehreren Windparks, die zusammen das sogenannte Bjerkreim-Portfolio bilden. Torbjørn Ognedal ist stolz auf diese Parks. Der Bürgermeister sitzt in seinem Büro im ersten Stock des Gemeindehauses. Auf einer Vitrine hinter ihm stehen mehrere Modellwindräder. An der Wand lehnt ein Schild, das die Region, zu der Bjerkreim gehört, als Windkraft-Hauptstadt preist.

    Die drei Parks, die das Bjerkreim-Portfolio bilden, gehören der Hamburger Investmentgesellschaft Luxcara. Die hat wiederum einen langfristigen Abnahmevertrag mit Facebook geschlossen: Die US-Amerikaner kaufen den gesamten Strom, um ihre Datencenter in Dänemark und Schweden mit grüner Energie zu versorgen und „generell den Ausbau von sauberen und erneuerbaren Ressourcen zu fördern“, wie das Unternehmen mitteilt.

    Diese Parks, sagt Ognedal, seien eine Chance. Weil sie jedes Jahr Millionen an Steuern in die Gemeindekassen spülen, mit dem er ein Altenheim bezahlen kann, das es sonst nicht geben würde. Weil sie Jobs in das dünn besiedelte Bjerkreim bringen. Und weil sie dem übergeordneten Interesse der Allgemeinheit dienen: „Wir wollen dazu beitragen, dass grüne Energie produziert wird. Und irgendwo müssen diese Parks schließlich stehen. Bei uns sind die Bedingungen nun mal besonders gut.“

    Weil die Bedingungen so gut sind, soll nun ein weiterer Park auf dem Faurefjell entstehen. Doch diesmal läuft alles anders. Diesmal gibt es Widerstand. Mehr als 1000 Mitglieder sind in der Facebook-Gruppe „Keine Windkraft auf dem Faurefjell in Bjerkreim“ organisiert – und ihr Zorn richtet sich auch gegen Ognedal.

    „Es kommt in letzter Zeit öfters vor, dass wütende Windkraftgegner bei mir anrufen. Ich versuche dann immer zu beschwichtigen“, sagt der Bürgermeister. Aber das gelinge ihm selten. Das Paradox der erneuerbaren Energien lasse sich nun mal nicht auflösen: „Wir müssen Teile der Natur benutzen, um sie zu schützen.“

    Windkraftgegner Vågene steht jetzt auf dem höchsten Punkt des Faurefjells und trägt sich in das Gipfelbuch ein. Das macht er jedes Mal, wenn er dort oben ist. Den Namen des Bürgermeisters, scherzt er, habe er darin aber noch nie gelesen.

    Als er das Gipfelbuch wieder eingepackt hat, stellt er sich an den Rand des Gipfels und deutet in die Ferne. „Stell dir vor, was diesem Ort droht: Bauarbeiter, die Gestein glattsprengen, um die Windräder aufrichten zu können. Betonfundamente auf abgeflachten Berggipfeln, so groß wie die Hälfte eines Fußballfelds. Und kilometerlange Straßen, damit die Bauarbeiter die Materialien dort hochbekommen.“ Es sei ja nicht so, als würden die Firmen diese Schäden später wieder rückgängig machen. „Stell dir das nur vor“, sagt Vågene wieder und schüttelt den Kopf. Dann packt er seine Sachen ein und macht sich an den Abstieg.

    Satellitenaufnahmen eines Windparks 20 Kilometer südlich von Vikeså

    Das norwegische Forschungsinstitut Cicero hat Anfang des Jahres eine Umfrage veröffentlicht, laut der zwei Drittel der Norweger den Ausbau der Onshorewindkraft im Land befürworten. Doch das war vor dem Streit um die kleine Insel Frøya. Und nationales Interesse bedeutet nicht automatisch auch Interesse auf lokaler Ebene. „Würden sie diese Umfrage jetzt noch einmal durchführen, läge der Wert sicher deutlich unter 50 Prozent“, sagt Vågene, als er wieder in seinen Van steigt.

    Die Briefe, die derzeit bei der norwegischen Umweltbehörde eingehen, deuten darauf hin, dass er recht haben könnte. Seit sie Ende Mai den „Nationalen Rahmen für Windenergie“ vorgelegt hat, haben 28 Gemeinden auf den Vorschlag geantwortet. Mit zwei Ausnahmen fordern sie alle, dass sie von den Plänen ausgeschlossen werden. Norwegens Ministerpräsidentin Erna Solberg hat als Reaktion auf den Widerstand zu einem Gipfeltreffen eingeladen, wohl auch in der Hoffnung, dass die Anhörung, die noch bis zum 1. Oktober läuft, ein versöhnliches Ende nimmt.

    Vågene wird bis dahin noch viel Zeit in seinem Auto verbringen. In Bjerkreim konnte er jüngst einen Etappensieg feiern: Die Gemeinde hat beschlossen, ein neues Gutachten über die möglichen Folgen zu erstellen. Der Bau des Windparks auf dem Faurefjell ist bis auf Weiteres verschoben.

    Hinweis: Diese Reise war Teil des Reporterwettbewerbs „Talents2Norway“, zu dem unser Autor eingeladen wurde. Norwegens staatliche Wirtschaftsförderung „Innovation Norway“ hat die Reise unterstützt.

    Kommentare (2)

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    11.09.2019, 09:51 Uhr

    Herr Verfürdens Kampf gegen die Grammatik...

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