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29.04.2019

04:02

EU macht Druck auf Peter Altmaier wegen Batteriezellenfabrik dpa

Peter Altmaier

Seine Pläne für eine Batteriezellenfertigung in Deutschland kommen nur langsam voran.

Zellproduktion

EU macht Druck auf Altmaier wegen Batteriezellenfabrik

Von: Thomas Hanke, Klaus Stratmann, Till Hoppe

Die EU erhöht den Druck auf den Wirtschaftsminister, seine Ideen für eine eigene Batteriezellenfabrik vorzustellen. Europa brauche „so schnell wie möglich“ Vorschläge.

Paris, Brüssel, Berlin, DüsseldorfUrsprünglich wollte Peter Altmaier schon Ende vergangenen Jahres so weit sein. Im Dezember erklärte der Bundeswirtschaftsminister dann gemeinsam mit seinem französischen Kollegen Bruno Le Maire, man gehe davon aus, noch vor dem Ende des ersten Quartals 2019 grenzüberschreitende Konsortien für den Aufbau einer Batteriezellfertigung unter Beteiligung der Automobilindustrie präsentieren zu können.

Diese Konsortien sollten detaillierte Investmentpläne vorlegen, auf deren Basis man noch in der ersten Hälfte 2019 staatliche Förderung in Aussicht stellen könne. Auch diesen Zeitplan konnte Altmaier nicht halten. Der Minister befasst sich zwar seit Monaten intensiv mit dem Thema und bemüht sich derzeit darum, aus den sieben Konsortien, die sich um die in Aussicht gestellten Fördermittel von bis zu einer Milliarde Euro beworben haben, zwei oder drei schlagkräftige Gruppen zu formen.

Bislang aber ohne greifbares Ergebnis. Die fehlenden Fortschritte lassen Altmaiers Kollegen bereits nervös werden.

Der Vizepräsident der EU-Kommission, Maros Sefcovic, hat für Dienstag zu einem Treffen der Regierungen nach Brüssel eingeladen, die sich in der europäischen Batterieallianz für den Aufbau einer eigenen Wertschöpfungskette engagieren. Der Slowake will Pläne für eine neue Plattform präsentieren, die private Investoren und Unternehmen aus dem Bereich zusammenbringen soll.

Geschätztes Volumen: 70 Milliarden Euro. Sefcovic hätte dort auch gerne über konkrete Produktionsvorhaben diskutiert, aber daraus wird nichts. Auch auf die eigentlich geplante Teilnahme Altmaiers muss er verzichten. Sefcovic denkt daher vor allem an seinen deutschen Kollegen, wenn er mahnt: „Ich appelliere an die Minister, die Entscheidungen nicht weiter zu verzögern.“

Grafik

Er will, dass Brüssel noch über die Förderanträge aus Berlin oder Paris entscheiden kann, bevor voraussichtlich im November neue EU-Kommissare ihre Ämter übernehmen. „Wir sind bereit, sehr schnell zu reagieren, aber wir brauchen die Vorschläge so schnell wie möglich“, drängt Sefcovic.

Er arbeite in der Sache eng mit Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager zusammen, die für die Prüfung staatlicher Beihilfen zuständig ist. Altmaier will die Batteriezellfertigung als wichtiges Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse („Important Project of Common European Interest“, kurz IPCEI) anerkennen lassen – das erlaubt eine üppigere Anschubfinanzierung durch den Staat, als sonst unter den strengen EU-Beihilferegeln möglich ist.

Für die Projekte gelten einige Kriterien: So müssen etwa Unternehmen aus mehr als einem EU-Land beteiligt sein. Laut den Förderbedingungen des Bundeswirtschaftsministeriums soll der Standort des Vorhabens zudem in Deutschland sein und sich „durch einen erheblichen Anteil an Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten“ auszeichnen.

Altmaiers französischer Kollege Le Maire hält weitere 700 Millionen Euro für solche Vorhaben bereit. Die Ministeriumsbeamten in Berlin und Paris stimmen sich bereits eng untereinander und mit den Brüsseler Wettbewerbshütern ab, damit es schnell gehen kann, wenn die Konsortien schließlich stehen. Frankreichs Pläne seien bereits sehr ausgereift, heißt es in EU-Kreisen. Nun wartet man im Wesentlichen auf Deutschland.

Fördergelder für Zellproduktion: Zahlreiche Interessenten für Altmaiers Batterie-Milliarde

Fördergelder für Zellproduktion

Zahlreiche Interessenten für Altmaiers Batterie-Milliarde

Mit so viel Ansturm auf die Fördergelder zum Batteriezellfabrik-Bau hatte das Wirtschaftsministerium nicht gerechnet. Das führt zu Verzögerungen.

Altmaier wird wohl schon in dieser Woche mit Le Maire beraten, wie sie das deutsch-französische Projekt vorantreiben können. Zwischen Deutschland und Frankreich ist vereinbart, dass auf beiden Seiten des Rheins jeweils eine Batteriefabrik entstehen soll. In Paris heißt es, dass auch Polen mit an Bord sei, speziell für die Erforschung des Recyclings von Batterien.

Das Ziel ist, knappe Rohstoffe wiederzuverwenden und weniger Sondermüll zu verursachen. Die bessere Umweltverträglichkeit soll zum Markenzeichen der Batterien made in Europe werden. Dadurch soll sich die gerade erst entstehende heimische Industrie von den marktbeherrschenden Herstellern aus China, Südkorea und Japan unterscheiden können.

„Wenn wir eine Story der grünen Batterien wollen, müssen wir das auf jeder einzelnen Wertschöpfungsstufe einlösen“, sagt Sefcovic. Er will dafür noch in diesem Jahr verbindliche Standards festlegen, von der Förderung der Rohstoffe über die Produktion der Zellen bis hin zum Recycling. Dann sollten nur noch Elektroautos in Europa verkauft werden dürfen, deren Batterien diese Standards erfüllen, betont Sefcovice.

Steigende Nachfrage nach E-Mobilen

Er setzt darauf, dass die europäischen Autobauer etwa ab 2021 damit beginnen werden, die Batterien aus EU-Produktion einzubauen – wegen der höheren Kosten vor allem in Fahrzeuge der Premiumklasse. Ab dann gelten auch strengere gesetzliche Vorgaben für den Kohlendioxidausstoß, die Hersteller müssen daher mehr emissionsarme Fahrzeuge verkaufen.

Experten erwarten, dass die derzeit noch schleppende Nachfrage nach Elektroautos im kommenden Jahrzehnt stark wachsen wird – und damit der Bedarf nach Batterien (siehe Grafik). Allein Volkswagen beziffert seinen Bedarf für das Jahr 2025 auf 150 Milliarden Gigawattstunden, bis dahin will der Konzern seine Produktion batteriebetriebener Fahrzeuge auf drei Millionen hochfahren.

Eine Gigawattstunde entspricht der Leistung von einer Million Waschmaschinen. Asiatische Hersteller drängen bereits mit eigenen Standorten nach Europa, um den erwartet riesigen Bedarf befriedigen zu können – und wohl auch, um der entstehenden EU-Konkurrenz gleich das Wasser abzugraben.

So will das chinesische Unternehmen CATL in Erfurt ein Werk bauen, um BMW zu beliefern. Der südkoreanische Anbieter LG Chem investiert massiv in seine Fabrik in Polen. Umso höher ist der Zeitdruck, der auf Politik und Unternehmen in Europa lastet. Sefcovic, Altmaier und Le Maire wollen die Batterieproduktion zum Muster einer erfolgreichen Industriepolitik machen.

Elektromobilität: Großes Interesse an Fördergeldern für deutsche Batteriefabrik

Elektromobilität

Großes Interesse an Fördergeldern für deutsche Batteriefabrik

Die Offensive des Bundes wirkt: Bereits 30 Unternehmen haben Interesse an Fördergeldern für eine Batteriezellenfabrik bekundet – auch aus dem Ausland.

Kritiker aber warnen, die bereitgestellten Steuergelder könnten angesichts der überlegenen Konkurrenz aus Asien verloren gehen: „Die europäische Batterieallianz konzentriert sich weitgehend auf bestehende, nicht auf bahnbrechende Technik und läuft Gefahr, ihre Ziele nicht zu erreichen“, kritisierte der EU-Rechnungshof.

Ferdinand Dudenhöffer, Auto-Professor an der Universität Duisburg-Essen, warnt, die Politik überschätze die wirtschaftliche Bedeutung der Batteriezellenproduktion: „Die Risiken sind enorm, die Wertschöpfungsgewinne mehr als mager.“
Insgesamt 1,7 Milliarden Euro an Fördergeldern haben Altmaier und Le Maire ausgeschrieben. Beworben haben sich unter anderem der schwäbische Batteriezellenhersteller Varta sowie die Deutsche-Post-Tochter Streetscooter.

Wer zu guter Letzt den Zuschlag erhalten wird, steht noch nicht fest. In Industriekreisen rechnet man allerdings schon bald mit einer Festlegung, so lange übe man sich in Geduld. Sollte die Frist aber erneut verschoben werden, sei das „kontraproduktiv“, heißt es bei den Unternehmen. Schließlich sei alles finalisiert, und man wolle endlich loslegen.

Bereits konkret sind zwei Projekte. Zum einen sind da die Pläne des französischen Batteriespezialisten Saft, der die Flugzeuge von Airbus und Boeing ausrüstet. Die Tochter des Ölkonzerns Total hat eine europäische Allianz zur „Erforschung, Entwicklung und Industrialisierung neuer Generationen von Batterien“ geschmiedet, zu der Siemens und Manz aus Deutschland sowie der belgische Chemiekonzern Solvay zählen.

Industriepolitik: Siebtes Konsortium bewirbt sich um Fördermittel für Aufbau einer Batteriezellefertigung

Industriepolitik

Siebtes Konsortium bewirbt sich um Fördermittel für Aufbau einer Batteriezellefertigung

Die Bemühungen von Wirtschaftsminister Altmaier zahlen sich aus: Die Zahl der Konsortien, die sich um Fördermittel bewerben, belegt, dass ein Umdenken stattgefunden hat.

Auch der belgische Kathoden-Spezialist Umicore gehört dem Konsortium an. Als möglicher Abnehmer gilt bereits der Autobauer PSA Peugeot-Citroën, der sich aber noch nicht festlegen will. Auch deutsche Hersteller sollen interessiert sein. Das Programm ist fokussiert auf Batterien, die leistungsfähiger sein sollen als Lithium-Ionen-Akkus. Die Massenproduktion solle „mit skalierbaren Fertigungsblocks von einer Gigawattstunde beginnen“, sagte Saft-Chef Ghislain Lescuyer.

Massenfertigung ab 2021

Weit fortgeschritten sind auch die Planungen des schwedischen Start-ups Northvolt: Das 2016 von den früheren Tesla-Managern Peter Carlsson und Paolo Cerruti gegründete Unternehmen will im Norden des Landes bis 2021 eine Massenfertigung von Lithium-Ionen-Zellen aufbauen, mit einer Kapazität von 16 Gigawattstunden.

Das Northvolt-Management verhandelt derzeit mit möglichen Geldgebern über die Finanzierung des rund zwei Milliarden Euro teuren Vorhabens. Die Europäische Investitionsbank (EIB) könnte als Ankerinvestor rund 350 Millionen Euro bereitstellen, Mitte Mai soll der Verwaltungsrat entscheiden.

Gelingt das Hochfahren der Produktion, will Northvolt die Produktion bis 2023 auf 32 Gigawattstunden ausbauen – was in etwa der Produktion in der „Gigafactory“ von Tesla in den USA entspricht. Das Unternehmen hat schon etliche Industriepartner gewonnen, darunter Siemens und ABB. Als Kunden stehen VW und BMW bereit, wenn die Northvolt-Batterien deren strenge Sicherheitstests bestehen. Solche Abnahmezusagen sind für die Unternehmen unentbehrlich, um Investoren zu gewinnen.

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