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01.08.2022

04:00

Analyse

Deutschland Letzter unter den Großen in Europa: Diese fünf Risiken bedrohen die Konjunktur

Von: Luisa Bomke, Jens Münchrath, Julian Olk

Ökonomen sehen die Lage der deutschen Wirtschaft zunehmend kritisch. Nach Stagnation im zweiten Quartal drohe ein heftiger Rückschlag im Winterhalbjahr.

Es gibt mehrere Gründe, weshalb Experten vor einer Rezession in Deutschland warnen. dpa

Die Rezession droht

Es gibt mehrere Gründe, weshalb Experten vor einer Rezession in Deutschland warnen.

Die zunehmenden Verwerfungen durch den Ukrainekrieg und ein drohender Lieferstopp für Erdgas schüren in Deutschland die Furcht vor einer Rezession. Die Spitzenvertreter des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) haben sich angesichts der prekären Lage in einem Brandbrief an ihre Mitglieder gewendet.

Präsident Peter Adrian und Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben schreiben: „Seit dem 24. Februar dieses Jahres fliegen uns geradezu die Fetzen um die Ohren.“ Der Brief liegt dem Handelsblatt vor. Die aktuelle Krise habe kein absehbares Ende, heißt es weiter: „Unser eigener Wohlstand und der unserer nachfolgenden Generationen steht auf dem Spiel.“

Schon im zweiten Quartal stagnierte die deutsche Wirtschaft nahezu. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um 0,04 Prozent.

Alle Frühindikatoren deuten darauf hin, dass die Lage sich verschlechtert. „So richtig hart wird es jetzt erst“, warnt Lars Feld, Präsident des Walter-Eucken-Instituts. Die aktuelle Situation könne schlimmer als die Finanzkrise im Jahr 2008 oder die Auswirkungen der Coronapandemie 2020 werden.

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    „Wir gehen davon aus, dass Deutschland im Winterhalbjahr in eine technische Rezession fällt“, sagt Oliver Rakau von Oxford Economics. Das bedeutet der Rückgang der Wirtschaftsleistung in zwei aufeinander folgenden Quartalen.

    Und Ifo-Chef Clemens Fuest schließt nicht aus, dass Deutschland wieder der „kranke Mann“ Europas werden könnte: „Die Mischung von Gasverknappung, demografischem Wandel, Rückständen bei der Digitalisierung und Friktionen im Außenhandel trifft Deutschland mehr als andere Staaten in Europa.

    Deutschland nur noch im hinteren Drittel

    Deutschland, viele Jahre das ökonomische Kraftwerk Europas, befindet sich inzwischen im untersten Drittel Europas, was die aktuellen Wachstumsdaten angeht. Unter den vier größten Volkswirtschaften im Euro-Raum belegt Deutschland sogar den letzten Platz.

    Frankreich steigerte seine Wirtschaftsleistung zwischen April und Juni um 0,5 Prozent, Italien um 1,0 Prozent und Spitzenreiter Spanien um 1,1 Prozent. Die Wirtschaftsleistung im Währungsraum insgesamt verzeichnete ein Plus von 0,7 Prozent.

    Allerdings gibt es zumindest einen kleinen Lichtblick: So hat das Statistische Bundesamt das deutsche Wachstum für das erste Quartal nach oben korrigiert. War die Behörde bislang von einem Plus von 0,2 Prozent ausgegangen, wurde es nun auf 0,8 Prozent revidiert. „Im Sommer sind die Revisionen stets besonders stark, weil das Bundesamt dann viele erst spät hereingekommene Statistiken einarbeitet“, erklärt Oliver Holtemöller, Vizepräsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

    Vor ein paar Wochen und erst recht vor dem russischen Angriff in der Ukraine waren in Deutschland noch deutlich höhere Wachstumsraten erwartet worden. Das IWH hatte im Dezember für das zweite Quartal, in dem nun Stagnation herrscht, noch ein Plus von 2,1 Prozent vorhergesagt. Und die Lage dürfte sich weiter verschlechtern.

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    „Insbesondere die Geschäftserwartungen der Unternehmen sind seit Beginn des Kriegs regelrecht eingebrochen und deuten auf eine Rezession hin“, sagt Nils Janssen, Konjunkturforscher am Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW). Tatsächlich ist die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft so schlecht wie seit rund zwei Jahren nicht mehr. Der Ifo-Geschäftsklimaindex lag im Juli auf einem Zweijahrestief.

    Die schlechten Aussichten für die nächsten Monate haben fünf Gründe:

    1. Die Energiekrise weitet sich aus

    Deutschland macht sich zwar immer unabhängiger von russischen Gasimporten. Russland hat die Lieferungen bereits mehrfach gedrosselt und liefert aktuell bloß 20 Prozent der vereinbarten Menge. Laut Berechnungen der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute würde das zwar für Deutschland reichen, um über den Winter zu kommen.

    Der Zwist schadet aber schon jetzt der Wirtschaft. Vor allem sorgen die immer neuen Drohgebärden aus Russland für weitere Preissprünge. Die Importpreise waren allein im Juni um 29,9 Prozent höher als ein Jahr zuvor.

    Ein Sechstel der deutschen Unternehmen wollen ihre Produktion aus diesem Grund einschränken oder haben das schon getan, zeigt eine DIHK-Umfrage. Alternativ wechseln viele Unternehmen auf andere Energieträger. Dadurch steigen auch die Preise von Öl und Strom.

    Und weiterhin ist nicht ausgeschlossen, dass Russland seine Lieferungen dauerhaft stoppt. Dann würde Deutschland unvermeidlich in eine Rezession rutschen.

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    Ein kompletter Ausfall der russischen Gasimporte würde das deutsche Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr um 1,5 Prozent senken, im folgenden Jahr um 2,7 Prozent und im Jahr 2024 um 0,4 Prozent, schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF). Nur mit starker Unterstützung anderer EU-Länder wären Rationierungen dann noch vermeidbar.

    Diese Solidarität ist aber nicht gesichert. Der Vorsitzende des Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium, Klaus Schmidt, nennt diesen Umstand „das größte Risiko einer Gaskrise“.

    2. Die Inflation bremst den Konsum

    Die hohen Energiepreise werden zunehmend auf andere Güter übergewälzt. Die Inflationsrate ging im Juli mit 7,5 Prozent zwar leicht zurück, bewegt sich aber immer noch auf einem hohen Niveau. Das belastet die privaten Verbraucher zunehmend.

    Dabei hätten diese zur Wachstumsstütze werden sollen. Schätzungen der Institute und der Bundesregierung zufolge sitzen die privaten Haushalte auf rund 200 Milliarden Euro zusätzlichen Ersparnissen, die sie während der Coronapandemie angesammelt haben, weil sie das Geld nicht in Restaurants oder für Kultur ausgeben konnten. Mit dem Ende der Coronamaßnahmen hätten sie diese massenweise ausgeben sollen, so die Aussicht vor Kriegsausbruch.

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    In Erwartung stark steigender Energierechnungen und steigender Kosten für Lebensmittel des täglichen Bedarfs geben die Bürger das Geld aber trotzdem nicht aus. „Die Inflation bremst die größte Aufschwungshoffnung: den Konsum“, sagt IfW-Ökonom Janssen. Das HDE-Konsumbarometer, erstellt vom Handelsblatt Research Institute, ist auf ein Allzeittief gefallen.

    3. Der Abwärtstrend der großen Wirtschaftsmächte breitet sich aus

    Kaum eine Volkswirtschaft reagiert so sensibel auf die weltwirtschaftliche Lage wie die deutsche. Noch immer erwirtschaftet Deutschland weit über 40 Prozent seines Wohlstands über Exporte. Im vergangenen Jahr betrug der Anteil der Ausfuhren an der Wirtschaftsleistung nach Daten von Eurostat 47 Prozent.

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    Doch die Weltwirtschaft befindet sich in einem zunehmend kritischen Zustand. Die USA haben soeben mit einem zweiten Minusquartal eine technische Rezession vermeldet.

    Das Lockdown-geplagte China ist inzwischen nur noch ein Schatten seiner selbst, was das Wachstum angeht. Und fast ein Fünftel der deutschen Exporte gehen in die beiden größten Volkswirtschaften der Welt. 

    „Deutschland würde eine nachhaltige Schwäche unserer beiden wichtigsten Handelspartner sofort spüren“, warnt Ifo-Chef Clemens Fuest. Tatsächlich ist die Lage in den USA und China kritisch. Die durch die chinesische Staatsführung verordnete Null-Covid-Strategie verschlimmert nicht nur die weltweiten Lieferkettenprobleme, sondern schwächt auch die Wirtschaftskraft der Volksrepublik nachhaltig.

    Der IWF hat seine Wachstumsprognose für China dieses Jahr auf 3,3 Prozent gesenkt. Das seien die schlechtesten Aussichten bei Deutschlands wichtigstem Handelspartner seit mehr als vier Jahrzehnten, schreiben die Ökonomen aus Washington. Und in den USA sieht der IWF „systemische Risiken“ – vor allem wegen der hohen Inflationsraten. Zuletzt waren es mehr als neun Prozent. 

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    Insgesamt sieht der IWF die Perspektiven der Weltwirtschaft „düster und unsicher“: Der Experten des Währungsfonds rechnen fürs laufende Jahr nur noch mit einem weltweiten Wachstum von 3,2 Prozent. Das sind noch einmal 0,4 Prozentpunkte weniger als bei der Prognose im April angenommen. Diese Schwäche trifft vor allem die Volkswirtschaft, die den Export zu ihrem Geschäftsmodell gemacht hat: Deutschland. 

    4. Die Zinswende könnte zu einer Rückkehr der Euro-Krise führen

    Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Zinswende im Vergleich zur US-Notenbank Fed spät angegangen, aber die geldpolitische Straffung wird auch in Europa an Dynamik gewinnen – zu hoch ist der inflationäre Druck. Im Juli lag die Inflationsrate in der Euro-Zone bei 8,9 Prozent.

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    Lars Feld, Präsident des Walter-Eucken-Instituts, warnt mit Blick auf die deutschen Zahlen: „Einiges spricht dafür, dass sogar zweistellige Inflationsraten möglich werden.“ Auf ihrer Julisitzung hatte die EZB die erste Zinserhöhung seit zehn Jahren beschlossen – und zwar um 0,5 Prozentpunkte. Weitere Zinsschritte werden folgen.

    Schon jetzt aber sind die langfristigen Kapitalmarktzinsen in Europa kräftig gestiegen – vor allem für hochverschuldete Länder wie Italien, das mit einer Quote von 150 Prozent fast ein Viertel der Euro-Zonen-Verschuldung auf sich vereint. Seit Jahresbeginn sind die Renditen zehnjähriger italienischer Staatsanleihen von einem Prozent auf mehr als drei Prozent gestiegen. Zeitweise lagen sie sogar bei über vier Prozent. Die Ankündigung der EZB, ein spezielles Instrument zum gezielten Ankauf von Staatsanleihen zu entwerfen, hat die Märkte etwas beruhigt.

    Die Angst vor einer Rückkehr der Euro-Krise ist allerdings noch nicht gebannt – auch Länder wie Griechenland, Spanien und Frankreich sind hochverschuldet. Ein solches Szenario würde auch Europas größte Volkswirtschaft hart treffen – fast 60 Prozent der deutschen Ausfuhren gehen in den europäischen Binnenmarkt.

    Ohnehin belasten die steigenden Kapitalmarktzinsen auch den deutschen Bundeshaushalt. Im vergangenen Jahr zahlte der Bund dank Niedrigzinsen noch vier Milliarden Euro für seinen Schuldendienst.

    Durch die Zinsersparnisse konsolidierte sich der Haushalt über Jahre von allein, ohne jede Sparanstrengung. Doch diese Zeiten sind vorbei: Schon im nächsten Jahr wird Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) laut Etatentwurf 29,6 Milliarden Euro für Zinsen ausgeben müssen.

    5. Die Pandemie kommt zurück

    Fast alle aktuellen Konjunkturprognosen gehen von einer entscheidenden Annahme aus: Das Coronavirus kommt nicht mehr in voller Härte wieder, umfassende Einschränkungen wird es nicht mehr geben. Doch angesichts der hohen Infektionszahlen rücken aktuell wieder umfassendere Schutzvorgaben für das Alltagsleben in den Blick.

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    Aus den Ländern wächst der Druck gen Berlin, bald größere Eingriffsmöglichkeiten bei einer kritischen Pandemielage festzulegen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) unterstützte die Stoßrichtung. „Die Bundesländer müssen bei den Schutzmaßnahmen entfesselt werden“, schrieb er kürzlich bei Twitter.

    IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths sagt: „Ob es im Herbst zu signifikanten Verwerfungen kommt, hängt neben den Virusvarianten auch von der politischen Reaktion ab.“ Die Befürchtung, dass diese übertrieben sein wird und Deutschland wieder konjunkturell zurückwirft, sei nicht vom Tisch.

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