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31.03.2022

11:12

Arbeitslosigkeit

Der Arbeitsmarkt erholt sich – doch der Ukraine-Krieg schafft neue Unsicherheit

Von: Frank Specht

Die deutsche Wirtschaft spürt bereits erste Auswirkungen des Ukrainekriegs. Der Arbeitsmarkt profitiert allerdings noch von der Frühjahrsbelebung und setzt seinen Aufwärtstrend fort.

Arbeitsmarkt imago images/Ralph Peters

Kellnerin in Heidelberg

Die Arbeitslosenquote sank zum Frühjahr um 0,2 Punkte auf 5,1 Prozent.

Berlin Der Krieg in der Ukraine schlägt sich bisher noch nicht auf dem deutschen Arbeitsmarkt nieder. „Die Gefahren, die von einer weiteren Eskalation und beispielsweise Lieferstopps fossiler Rohstoffe ausgehen, belasten jedoch die weitere wirtschaftliche Entwicklung“, warnte Daniel Terzenbach, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA), bei der Präsentation der aktuellen Arbeitsmarktdaten.

Die Frühjahrsbelebung und die Coronalockerungen haben dazu geführt, dass sich der Arbeitsmarkt weiter erholt hat. Im März waren knapp 2,4 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet – 66.000 weniger als im Februar und 465.000 weniger als im März 2021. Die Arbeitslosenquote sank um 0,2 Punkte auf 5,1 Prozent.

Angesichts weiter anhaltender Lieferengpässe und gestiegener Energiepreise wachse allerdings der Beratungsbedarf bei der Kurzarbeit, sagte Terzenbach. Bis zum 27. März hätten Betriebe für 113.000 Menschen konjunkturelle Kurzarbeit beantragt. Für den Februar hatte die Bundesagentur über Anzeigen für rund 200.000 Menschen berichtet.

Arbeitslosigkeit in Deutschland: Arbeitsmarkt im Aufwärtstrend

Auf große Unsicherheit über die weitere Arbeitsmarktentwicklung deutet auch das Ifo-Beschäftigungsbarometer hin, das auf den Personalplanungen von rund 9000 Unternehmen beruht und exklusiv für das Handelsblatt berechnet wird. Es ist im März auf den tiefsten Stand seit Mai 2021 gefallen. Er rechne „in dieser kritischen und sehr unsicheren Lage“ zwar nicht mit einer Entlassungswelle, kommentierte Ifo-Chef Clemens Fuest die Daten. Aber bei den Einstellungen würden „viele Unternehmen sich zurückhalten“.

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    Dagegen legte das Arbeitsmarktbarometer des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das auf Einschätzungen der lokalen Arbeitsagenturen beruht, trotz des Ukrainekriegs auch im März weiter zu. In seiner Jahresprognose rechnet das Nürnberger Institut damit, dass die Zahl der Erwerbstätigen im Jahresdurchschnitt um 510.000 Personen zunehmen und die Zahl der Arbeitslosen um 350.000 unter dem Vorjahreswert liegen wird.

    Gas-Embargo könnte Arbeitsmarkt beeinträchtigen

    „Voraussetzung ist aber, dass der Krieg nicht weiter eskaliert und die heimische Wirtschaft nicht noch umfassender beeinträchtigt wird“, sagte Terzenbach. Das wäre beispielsweise bei einem Embargo auf russische Energielieferungen der Fall.

    Terzenbach äußerte sich auch zu den rund 300.000 Geflüchteten aus der Ukraine, die mittlerweile nach Deutschland gekommen sind. Darunter seien viele traumatisierte Menschen, die in allererster Linie „einfach Schutz suchen“.

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    Man müsse aber dafür sorgen, dass die Menschen bestmöglich betreut würden. Der BA-Vorstand sprach sich deshalb dafür aus, den Geflüchteten, die bisher Unterstützung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten, künftig Leistungen nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch (SGB II) zu gewähren. Dann könnten die Jobcenter die Betreuung aus einer Hand übernehmen – sowohl was die Leistungsgewährung als auch die Arbeitsmarktintegration angehe.

    Sollte eine schnelle Rückkehr in die Ukraine nicht möglich sein, müsse man dafür sorgen, dass die oft gut ausgebildeten Geflüchteten ihrer Qualifikation entsprechend eingesetzt würden, sagte der BA-Vorstand. Eine Tätigkeit als 24-Stunden-Pflegerin in deutschen Haushalten dürfe für die meist weiblichen Geflüchteten nicht die vorrangige Berufsperspektive sein. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte am Mittwoch mit Sozialpartner, Wohlfahrtsverbänden und Ländervertretern über die Integrationsperspektiven beraten.

    Die Bundesagentur will in den sozialen Medien und an den Ankunftsbahnhöfen über den deutschen Arbeitsmarkt informieren, weil man viel über Versuche höre, die Notlage der Flüchtlinge auszunutzen, sagte Terzenbach. So werde ihnen zum Teil suggeriert, dass für die Vermittlung eines Jobs oder einer Kinderbetreuung Vermittlungsprämien zu zahlen seien.

    Aufnahmefähig ist der deutsche Arbeitsmarkt auf jeden Fall. Allein bei der Bundesagentur seien 840.000 offene Stellen gemeldet, fast 230.000 mehr als vor einem Jahr, erläuterte Terzenbach. Allerdings gehe die Zahl neu gemeldeter Stellen aktuell angesichts der Unsicherheit durch den Ukrainekrieg zurück.

    Agentur für Arbeit rechnet mit vier Milliarden Euro Defizit

    Zwar berichteten die Arbeitsagenturen derzeit noch nicht von einer Kündigungs- oder Insolvenzwelle. Bei der Kurzarbeit müsse man sich aber wohl von früheren Prognosen verabschieden, sagte Terzenbach. Aktuell geht die BA von 590.000 Kurzarbeitern im Jahresdurchschnitt aus.

    Entsprechend ist auch der Haushalt der Nürnberger Behörde für das laufende Jahr inzwischen Makulatur. Bisher hatte die BA für 2022 mit einem Defizit in Höhe von 1,3 Milliarden Euro geplant. Aktuell rechne man eher mit einer Größenordnung von rund vier Milliarden Euro, sagte Terzenbach.

    Finanzminister Christian Lindner (FDP) hat im aktuellen Bundeshaushalt nur rund eine Milliarde Euro für die BA eingeplant – als Darlehen, das zurückgezahlt werden muss. Terzenbach hofft, dass die Ampelkoalition ihre Meinung hier noch ändert und seiner Behörde, wie schon in den Vorjahren, einen Zuschuss zahlt, damit die BA im kommenden Jahr schuldenfrei starten kann.

    Bsirske: Weiterer Rückgang der Arbeitslosigkeit fraglich

    Die Korrektur der Wachstumsannahmen werde auch am deutschen Arbeitsmarkt nicht spurlos vorübergehen, warnte der arbeitsmarkt- und sozialpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Frank Bsirske. „Es ist mehr als fraglich, ob mit einem Rückgang der Arbeitslosenzahlen in dem ursprünglich prognostizierten Maße zu rechnen ist.“

    Produktionsausfälle infolge gestörter Lieferketten könnten zu einem erneuten Anstieg von Kurzarbeit führen. Außerdem gelte es, Geflüchteten zu einer adäquaten Beschäftigung zu verhelfen und sie gegebenenfalls zu qualifizieren. „Diese und alle zusätzlichen Maßnahmen zur Integration in den Arbeitsmarkt müssen gegebenenfalls künftig ausgeweitet und ausreichend finanziert werden“, betonte Bsirske.

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