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06.02.2022

15:58

Außenhandel

Ist die Globalisierung am Ende? Fünf Fakten beweisen das Gegenteil

Von: Julian Olk

Trotz aller Skepsis durch Coronakrise und Lieferengpässe: Die internationale Arbeitsteilung wird fortbestehen. Aber die Globalisierung verändert sich grundlegend.

Ein Abgesang auf Außenhandel und internationale Arbeitsteilung ist deplatziert, aber es entsteht eine neue Form der Globalisierung. getty.images

Hamburger Hafen

Ein Abgesang auf Außenhandel und internationale Arbeitsteilung ist deplatziert, aber es entsteht eine neue Form der Globalisierung.

Berlin Seit Monaten leiden Unternehmen an fehlendem Material, ob Mikrochips, Rohstoffe oder Brennstoffe. Die Engpässe haben Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) auf den Plan gerufen.

Mit Milliardensubventionen will der Minister Fabriken zur Produktion von Halbleitern nach Deutschland holen, um unter anderem die Abhängigkeit von Asien zu verringern. Darüber wird Habeck am Montag auch mit seinem französischen Amtskollegen Bruno Le Maire in Paris sprechen. Frankreich drängt seit langem darauf, die europäische Souveränität auch wirtschaftlich zu stärken.

Manch einer sieht das schon als Blaupause für einen generellen Wandel der Wirtschaft hin zu mehr nationaler Autonomie und weniger internationalem Handel. Schon vor der Pandemie hatte sich die Globalisierung verlangsamt. Als durch Corona auch noch Lieferketten blockiert wurden, hat das insbesondere deutsche Unternehmen schwer getroffen.

Ist die Turboglobalisierung endgültig am Ende?

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    Fünf Analysen aktueller Handelsströme und von Zukunftsszenarien für Deutschland lassen einen klaren Schluss zu: Die Globalisierung ist nicht an ihrem Ende angelangt. Sie wandelt sich aber grundlegend.

    1. Deutschland handelt so viel mit dem Ausland wie nie zuvor

    Trotz Lieferengpässen brummt der deutsche Außenhandel. Waren im Wert von mehr als 125 Milliarden Euro exportierte Deutschland allein im November, der Import lag bei 114 Milliarden Euro – beides Rekordwerte. Gleichzeitig geht die Wirtschaftsleistung seit dem späten Herbst sogar zurück.

    „Wir hatten im Welthandel ein perfektes V“, sagt Gabriel Felbermayr, Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo). Nach dem Abschwung sei die Phase der Stagnation im Welthandel, mit der viele gerechnet hätten, nicht gekommen.

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    Getrieben wird die Entwicklung von der weltweit überdurchschnittlichen Nachfrage. Weil die Menschen während der Lockdowns ihr Geld nicht für Dienstleistungen, etwa im Kino oder beim Friseur ausgeben konnten, investieren sie es stattdessen in Waren. Allerdings ist die Produktion durch die Lieferengpässe noch immer eingeschränkt. Deutschlands Außenhandel könnte also noch viel stärker anziehen.

    Trotz Omikron ist bislang nicht abzusehen, dass es doch noch zu einem Einbruch kommen könnte. Die Auslandsnachfrage war im Dezember zuletzt zwar etwas zurückgegangen. Sie liegt aber noch deutlich über dem Vorkrisenniveau.

    2. Deutlich schnellere Erholung als nach der Finanzkrise

    Die Weltfinanzkrise von 2008 hat die Globalisierung bereits nachhaltig verändert. Während das globale Handelsvolumen vom Anfang der 2000er-Jahre bis zur Finanzkrise jährlich rund 1,5-mal so schnell wuchs wie die Weltwirtschaft, nahmen Handel und Wirtschaftsleistung bis 2019 nur noch gleich schnell zu.

    Manchem Globalisierungsgegner erscheint die Pandemie wie der optimale Abschied von der Internationalisierung. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der deutsche Außenhandel hat sich viel schneller von den Problemen als damals erholt.

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    Etwas mehr als eineinhalb Jahren nach Ausbruch des Coronavirus in Deutschland haben die Exporte das Vorkrisenniveau schon wieder erreicht. Nach der Finanzkrise hatte das mehr als vier Jahre gedauert.

    3. Deutschland kann sich ein Ende der Arbeitsteilung nicht leisten

    Der Modekonzern C&A denkt um: Eine neue Fabrik hat das Unternehmen nicht in Asien, sondern in Mönchengladbach errichtet. Bis zu 800.000 Jeans pro Jahr will C&A dort herstellen. Kann das eine Blaupause für die gesamte deutsche Wirtschaft sein?

    Das Ifo-Institut hat errechnet, was passieren würde, wenn jegliche Produktionen nach Deutschland zurückgeholt würden – „Reshoring“ nennt sich das. Die deutsche Wirtschaftsleistung würde laut dem Modell um fast zehn Prozent zurückgehen.

    „Gäbe es einen globalen Trend hin zu stärker national ausgerichteten Lieferketten, stünde für die deutsche Wirtschaft sehr viel auf dem Spiel“, sagt Lisandra Flach, Leiterin Außenwirtschaft am Ifo. Auch die Wirtschaftsleistung der deutschen Handelspartner würden schrumpfen.

    Neben dem „Reshoring“ wird das „Nearshoring“ diskutiert, bei dem die Produktion in der EU, in Nordafrika und in der Türkei angesiedelt würde. Doch auch dieses Vorgehen würde die deutsche Wirtschaftskraft um 4,2 Prozent schmälern.

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    Immerhin in 21 von 65 Sektoren der deutschen Wirtschaft hätte einen Zurückholen der Produktion positive Effekte – diese machen allerdings nur einen Bruchteil der deutschen Wirtschaftsleistung aus.

    Auch in der Politik gibt es den Trend, Produktionsstätten für Schlüsselbranchen wieder in Deutschland aufzubauen. Wirtschaftsminister Habeck fördert etwa den Aufbau einer Chipindustrie oder will sich von Energieimporten und damit von Russland unabhängiger machen. Felbermayr warnt aber davor, diese Spezialfälle mit „irgendwelchen Autarkieträumen“ grundsätzlicher Natur zu vermischen.

    Hinzu kommt, dass durch die ökologische Transformation der Wirtschaft die Abhängigkeit von Importen noch steigen wird, etwa in Form von Lithium für E-Auto-Batterien. „Die ganze Dekarbonisierung wird dazu führen, dass wir Rohstoffe in ganz anderem Ausmaß brauchen“, sagt OECD-Ökonomin Nicola Brandt.

    4. Unternehmen stellen ihre Lieferketten breiter auf

    Wenn es bei der internationalen Arbeitsteilung bleibt, was soll gegen Lieferengpässe getan werden? Diese Frage beschäftigt auch den Mittelständler Elektronik Reichelt im niedersächsischen Sande. „Komplexe Komponenten wie Mikroprozessoren können nicht ohne Weiteres innerhalb kurzer Zeit in Deutschland produziert werden“, sagt Produktchef Christian Reinwald.

    Das Unternehmen muss sich Alternativen suchen: Diversifizierung und Puffer. „Anstatt sich nur auf einen Lieferanten zu verlassen, sollte man Ersatzlieferanten finden, um das Risiko zu senken“, erklärt Reinwald.

    Bislang sind die Lieferbeziehungen deutscher Firmen nicht besonders divers. Importe, die nicht anderen EU-Ländern, der Schweiz oder Großbritannien entstammen, kommen zu einem Drittel aus China und einem Sechstel aus den USA.

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    Doch die Lieferengpässe bewegen zum Umdenken: Mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen wollen ihre Lieferketten anpassen, zeigt eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Wert legen dabei 78 Prozent auf die Zuverlässigkeit. Das Preis-Leistungs-Verhältnis spielt nur noch für zwei Drittel eine Rolle.

    Darüber hinaus dürfte die Lagerhaltung der Unternehmen steigen. „Eine komplette Abkehr von der Just-in-time-Produktion wird es nicht geben“, vermutet Ökonom Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft. „Aber einen Krisenpuffer werden die meisten aufbauen.“

    5. Deutschland muss wegen China neue Exportmärkte erschließen

    Nachdem China 2001 der Welthandelsorganisation WTO beigetreten war, stieg der Warenaustausch enorm. Heute ist das Land von der Werkbank der Welt zu einer der mächtigsten Volkswirtschaften angewachsen – und will sich unabhängig machen.

    Lagen die Wachstumsraten deutscher Exporte in die Volksrepublik in den 2000er-Jahren in der Regel zwischen zehn und 30 Prozent, betrug das Wachstum 2019 gegenüber dem Vorjahr bloß 3,2 Prozent. „Die deutsche Wirtschaft muss neue Wachstumsmärkte für ihre Exporte erschließen“, sagt Matthes.

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    Die Zahlen zeigen klar: Ein Abgesang auf Außenhandel und internationale Arbeitsteilung ist deplatziert. Dennoch denken die Unternehmen um. Die Überarbeitung des Systems Globalisierung läuft.

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