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25.11.2022

08:22

Bruttoinlandsprodukt

Deutsche Wirtschaft wächst im Sommer stärker als erwartet – vor allem wegen eines Faktors

Ukraine-Krieg, Extrem-Inflation und gestörte Lieferketten belasten die deutsche Wirtschaft. Trotz aller Krisen lief sie im dritten Quartal unerwartet gut.

Verbraucher haben wieder mehr für Reisen ausgegeben. imago images/Priller&Maug

Urlauber auf Norderney

Verbraucher haben wieder mehr für Reisen ausgegeben.

Wiesbaden, Berlin Die deutsche Wirtschaft hat trotz Gegenwinds im Sommer ihr Tempo erhöht. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im dritten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 0,4 Prozent zu und damit stärker als zunächst angenommen, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. In einer ersten Schätzung war die Wiesbadener Behörde von einem preis-, saison- und kalenderbereinigten Anstieg der Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent ausgegangen.

Damit wuchs Europas größte Volkswirtschaft trotz anhaltender Corona-Pandemie, Lieferengpässen, steigender Preisen und des Kriegs in der Ukraine wie bereits in den ersten beiden Quartalen des Jahres (plus 0,8 Prozent und plus 0,1 Prozent).

Getragen wurde das Wachstum im Zeitraum Juli bis September vor allem von den privaten Konsumausgaben. Trotz hoher Inflation und der Energiekrise nutzten die Verbraucherinnen und Verbraucher auch im dritten Quartal die Aufhebung fast aller Corona-Beschränkungen, um zum Beispiel mehr zu reisen und auszugehen, wie die Wiesbadener Behörde erläuterte.

Unternehmen investierten deutlich mehr in Ausrüstungen wie Maschinen. Die Bauinvestitionen waren hingegen wie schon im zweiten Quartal preis-, saison- und kalenderbereinigt rückläufig. Hohe Baupreise und gestiegene Hypothekenzinsen dämpfen das Geschäft.

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    Viele Ökonomen rechnen mit einem frostigen Winterhalbjahr in Europas größter Volkswirtschaft. Sie gehen von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung aus, erwarten aber keinen Konjunkturabsturz wie im Corona-Krisenjahr 2020. Damals war des Bruttoinlandsprodukt im Gesamtjahr um mehr als vier Prozent geschrumpft.

    Inflation bereitet Sorge

    „Einbrüche wie in der Finanz- oder Coronakrise sind jedoch nur bei einer Gasmangellage wahrscheinlich, und an der dürften wir dank voller Speicher und vor allem erheblicher Sparanstrengungen von Unternehmen und Haushalten vorbeikommen“, sagte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib jüngst. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer verwies auch auf das Entlastungspaket der Bundesregierung. „Ich erwarte unverändert eine Rezession, mehr denn je aber keinen wirtschaftlichen Kollaps.“

    Definition: Was ist eine Rezession?

    Rezession im eigentlichen Sinn

    Im üblichen Konjunkturschema ist die Rezession der Abschwung nach einem wirtschaftlichen Boom. Das Schema zeigt jetzt aber eigentlich einen Aufschwung an, nachdem die meisten Folgen der Coronapandemie vorüber sein sollten. IfW-Vizepräsident Stefan Kooths hält Rezession daher aktuell nicht für den passenden Begriff: „Es bestehen weiterhin wichtige Auftriebskräfte, die für einen fortgesetzten Aufschwung sprechen.“

    Technische Rezession: Wirtschaftswachstum

    Eine populäre technische Definition der Rezession ist hingegen, dass eine Volkswirtschaft zwei aufeinanderfolgende Quartale mit schrumpfender Wirtschaftsleistung vorweist. Daran ist Deutschland aktuell noch knapp vorbeigeschlittert. Im vierten Quartal 2021 hatten die Auswirkungen der Pandemie für ein Minus von 0,3 Prozent gesorgt, im ersten Vierteljahr 2023 stand dann ein leichtes Plus von 0,2 Prozent.

    Technische Rezession: Wirtschaftsauslastung

    Die führenden Institute definieren eine Rezession etwas komplizierter: Sie stellen die Frage, wie hoch die Wirtschaftsleistung in Deutschland im Optimalfall wäre, wenn also alle Arbeiter und Maschinen genau wie vorgesehen genutzt würden. Das ist das sogenannte Produktionspotenzial. Ist die Wirtschaft wie aktuell in der Krise, produziert sie weniger, als sie laut Potenzial eigentlich könnte. Steigt diese Unterauslastung zwei Quartale in Folge an, sprechen die Institute von einer technischen Rezession.

    Eine solche hat schon ein Dreivierteljahr lang vorgelegen, vom dritten Quartal 2021 bis zum ersten Quartal 2022. Laut den Institutsprognosen nimmt die Unterauslastung seitdem aber wieder ab, ab 2023 soll sich Deutschland dann sogar in einer Überauslastung wiederfinden.

    Sorge bereitet insbesondere die hartnäckig hohe Inflation, die im Oktober auf 10,4 Prozent stieg. Hohe Teuerungsraten belasten Unternehmen und schmälern die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern.

    Die Menschen können sich für einen Euro weniger leisten. Das kann den Privatkonsum als wichtige Konjunkturstütze dämpfen. Zugleich dürfte die Abschwächung der Weltkonjunktur Volkswirten zufolge den Export unter Druck setzen.

    Nach einer Prognose der Industriestaaten-Organisation OECD wird das weltweite Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr durch Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine ausgebremst. Das globale Wachstum dürfte demnach 2023 nur noch bei 2,2 Prozent liegen.

    Das sei deutlich weniger als vor dem Krieg erwartet. „Höhere Inflation und geringeres Wachstum sind der saftige Preis, den die Weltwirtschaft für Russlands Krieg gegen die Ukraine zahlt“, hieß es in der jüngst veröffentlichten Studie.

    Dank des Wachstums der vergangenen Quartale rechnete die Bundesregierung zuletzt im Gesamtjahr 2022 mit einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um 1,4 Prozent. Für das kommende Jahr wird infolge des erwartet schwachen Winterhalbjahres ein Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr vorhergesagt.

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