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12.09.2022

15:48

Inflation

Rezession und Inflation von 11 Prozent: „Diese Krise kostet uns erheblich Wohlstand“

Von: Julian Olk

Auch das Ifo-Institut erwartet eine Schrumpfung der deutschen Wirtschaft und noch höhere Preise. Es zeichnet sich ab: Die Krise wird einen anhaltenden Wohlstandsverlust bedeuten.

Stahl dpa

Stahlunternehmen

Energieintensive Branchen sind von den hohen Preisen besonders getroffen.

Berlin Der Hochpunkt der Inflation ist weiter nicht erreicht: Nach Einschätzung des Ifo-Instituts wird die Teuerungsrate zu Beginn des kommenden Jahres auf elf Prozent steigen. Das geht aus der am Montag vorgestellten Konjunkturprognose des Instituts hervor. Im Gesamtjahr 2023 soll die Inflation bei 9,3 Prozent liegen.

„Die deutsche Konjunktur steht vor einem harten Winter“, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Deutschland stehe vor einer „Welle von Preisanhebungen“. Die Energieversorger passten ihre Strom- und Gaspreise Anfang nächsten Jahres spürbar an die hohen Beschaffungskosten an. Die Inflation ist auch Hauptgrund dafür, dass die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr schrumpfen soll.

Wie zuvor bereits das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) rechnet das Ifo mit einer Rezession. Allerdings sind die Münchener etwas optimistischer und erwarten nur ein Minus von 0,3 Prozent für das kommende Jahr.

Die hohe Inflation sorgt laut den Ökonomen dafür, dass der Konsum der privaten Haushalte stark zurückgeht. Das sei der Hauptgrund für die wirtschaftliche Schwächephase. „Die Inflation wird maßgeblicher Konjunkturtreiber“, sagt Wollmershäuser. Für das laufende Jahr rechnet das Ifo noch mit einem Wachstum von 1,6 Prozent. Die Inflationsrate soll bei 8,1 Prozent liegen.

Insgesamt zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten infolge des Ukrainekriegs dem Standort Deutschland über lange Zeit schaden werden. „Diese Krise kostet uns erheblich Wohlstand, und das auf Dauer“, erklärt IWH-Konjunkturchef Oliver Holtemöller.

Unternehmen sind durch die Krise nicht mehr rentabel

Grund sind die immens teurer gewordenen Energieimporte. In diesem und im kommenden Jahr wird die deutsche Rechnung für fossile Energieimporte laut IfW 260 Milliarden Euro höher ausfallen als vor dem Krieg. Die Haushalte geben mehr Geld für Gas und Strom aus, diese Mittel fließen zu einem Großteil ins Ausland. Die deutsche Volkswirtschaft wird ärmer.

Die Energiekrise macht zudem Geschäftsmodelle überflüssig, da Unternehmen nicht mehr rentabel sind – das ausbleibende Wachstum jetzt kann nicht wie nach der Coronakrise einfach in der Zukunft aufgeholt werden. Damals traf Deutschland ein Schock, der die meisten ökonomischen Rahmenbedingungen nicht grundsätzlich geändert hat. Für die Konjunktur war daher nur entscheidend, wie schnell die deutsche Volkswirtschaft die Auswirkungen des Schocks aufholt.

Dieser Unterschied zeigt sich auch in den Prognosen. „Deutschland stehen magere Jahre bevor“, sagt IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths. Sein Institut etwa rechnet 2027 nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 0,7 Prozent unter der Annahme, dass die Produktion normal ausgelastet ist.

Grafik

Dass das Potenzial der deutschen Wirtschaft abnimmt, war aufgrund der sinkenden Zahl an Arbeitskräften durch den demografischen Wandel erwartet worden. „Hinzu kommen nun infolge des Kriegs in der Ukraine knapper und teurer gewordene Energierohstoffe“, erklärt Kooths. „Dies schmälert Deutschlands Wirtschaftskraft obendrein.“

Wie viel Wohlstand die aktuelle Krise nun kostet, ist schwer zu bestimmen, weil sie von anderen Effekten wie Lieferengpässen nicht so leicht zu trennen ist. Klar aber ist, dass der Großteil der erwarteten Einbußen auf die Energiekrise zurückzuführen ist. Letztlich liegt der Wohlstandsverlust wohl mindestens in einem dreistelligen Milliardenbereich allein in diesem und im nächsten Jahr.

Das zeigt der Vergleich der Konjunkturprognosen der Institute aus dem Winter 2021 mit den heutigen. Die Institute haben für dieses und das nächste Jahr ihre Prognosen inzwischen so weit herunterrevidiert, dass im Falle der Ifo-Analyse rund 190 Milliarden Euro an Wertschöpfung in Deutschland ausfallen. Noch extremer ist die Schätzung des IfW mit einem Ausfall von 240 Milliarden Euro.

Container am Hafen Stuttgart dpa

Rutscht Deutschland im Winter in die Rezession?

Das Ifo-Institut erwartet im laufenden Jahr nur noch ein Wachstum von 1,6 Prozent.

Die Politik kann daran wenig ändern. Sie kann alternative Energiequellen organisieren und so versuchen, den Preisanstieg abzubremsen. Das kann den Wohlstandsverlust etwas mildern, ihn aber nicht verhindern. Die Politik kann allerdings darüber bestimmen, wer welchen Anteil trägt. „Wir müssen aktiv gegen eine drohende Rezession und hohe Inflation vorgehen“, sagt Grünen-Fraktionsvize Andreas Audretsch.

Ifo-Ökonom Wollmershäuser erklärt: „Diesen Verlust, den wir hinnehmen, müssen wir als Gesellschaft insgesamt bezahlen.“ Nicht nur die Energieversorger, sondern auch die Bürger müssten einen Teil der Last durch die hohen Energiepreise tragen. Es sei daher richtig, dass die Löhne weniger als die Inflation steigen.

Wirtschaft muss ihren Teil der Belastung tragen

„Wir werden zwar kräftige Lohnanstiege haben, aber die werden den Inflationsanstieg längst nicht ausgleichen“, erklärt Wollmershäuser. Der Kaufkraftverlust gemessen am Rückgang der realen Löhne in diesem und im kommenden Jahr wird laut Ifo so hoch wie nie zuvor seit Beginn der Erfassung 1970 sein. Erst Ende 2023 erwartet das Institut wieder steigende Reallöhne.

Gleichzeitig müsse die Wirtschaft ihren Teil tragen. Das werde besonders die energieintensive Industrie treffen, betont Wollmershäuser. „Wir müssen damit rechnen, dass das ein oder andere Unternehmen diese Krise nicht überleben wird.“

Von Kassandrarufen will Wollmershäuser aber nichts wissen. „Die einzige Branche, in der das Geschäftsklima nicht eingebrochen ist, ist die deutsche Industrie“, sagte er.

Wollmershäuser erwartet angesichts der hohen Energiepreise zwar eine schwache Entwicklung, aber keinen Einbruch der Industrie. Den Grund dafür sieht er einerseits im Auftragspolster, das viele Firmen noch hätten. Andererseits könnten einige Branchen die gestiegenen Energiekosten an die Kunden durchreichen. „Die deutsche Wirtschaft hat auch schon andere Krisen verkraftet.“

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