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23.05.2022

13:13

Konjunktur

„Anzeichen für Rezession nicht sichtbar“ – Stimmung der Wirtschaft hellt sich überraschend auf

Das Konjunkturbarometer des Ifo-Instituts steigt trotz des Ukrainekriegs an. Dennoch zweifeln die Unternehmen am künftigen Wirtschaftswachstum.

Der russische Einmarsch in die Ukraine sorgt für steigende Rohstoffpreise und mehr Lieferengpässe. Reuters

Hamburger Hafen

Der russische Einmarsch in die Ukraine sorgt für steigende Rohstoffpreise und mehr Lieferengpässe.

München Die Stimmung der deutschen Wirtschaft hellt sich trotz des Kriegs in der Ukraine überraschend weiter auf. „Anzeichen für eine Rezession sind derzeit nicht sichtbar“, sagte der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, am Montag zur Umfrage unter rund 9000 Top-Managern im Mai. Der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg demnach von 91,9 auf 93,0 Punkte und damit das zweite Mal in Folge. Ökonomen hatten einen Rückgang auf 91,4 erwartet. „Die deutsche Wirtschaft erweist sich trotz Inflationssorgen, Materialengpässen und Krieg in der Ukraine als robust“, betonte Fuest. Die Führungskräfte äußerten sich zu ihrer Geschäftslage merklich zufriedener und zu den Aussichten etwas weniger skeptisch als zuletzt.

Der russische Einmarsch in die Ukraine sorgt für steigende Rohstoffpreise, mehr Lieferengpässe und erhöht die Unsicherheit bei Firmen und Verbrauchern. Das bremst die Konjunktur vor allem in der Industrie und am Bau, während manche Dienstleister mit Abebben der Corona-Krise an Zuversicht gewinnen. Die Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe legte zwar zu. Fuest sagte aber, die Firmen seien weiter spürbar skeptisch mit Blick auf die nahe Zukunft. „Die Nachfrage erhielt einen deutlichen Dämpfer und die Auftragseingänge schwächten sich ab.“ Auch in der Service-Branche hellte sich das Geschäftsklima auf, dank besserer Lage. Die Erwartungen fielen jedoch wieder düsterer aus, besonders bei Transport- und Logistikfirmen. Beim Handel und am Bau ging es - trotz aller Skepsis - auch leicht bergauf.

Unternehmen zweifeln an Wirtschaftswachstum

„Indexanstieg hin oder her: Die Laune von Unternehmen bleibt schlecht“, sagte Chefökonom Alexander Krüger von der Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe. Mehr als Pessimismus lasse die globale Gemengelage auch nicht zu. „Das Fragezeichen hinter einer sich im zweiten Halbjahr 2022 stärker belebenden Wirtschaft wird größer.“ Auch Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sieht Bremsklötze. „Denn die Null-Corona-Politik in China sowie kriegsbedingte Lieferprobleme dürften den Nachschub für die deutsche Industrie aus dem Ausland weiter stocken lassen.“ Die Konjunkturrisiken zeigten nach unten. „Für das zweite Quartal erwarten wir eine Stagnation des Bruttoinlandsprodukts.“

Die Bundesbank setzt für April bis Juni aus heutiger Sicht allenfalls auf ein leichtes Anziehen der Konjunktur. „Gegenwind kommt insbesondere von der hohen Inflation, den Lieferengpässen, der hohen Unsicherheit und der schwächeren Auslandsnachfrage“, heißt im Monatsbericht. Die Konsumfreude leide unter den Verbraucherpreisen, die aktuell mit 7,4 Prozent auf dem höchsten Stand seit Ende 1981 geklettert sind. „Hohe Energie- und Materialkosten sowie die gestiegene Unsicherheit belasten zudem die Produktion in der Industrie und im Bau.“ Die Exporte dürften wegen Sand im Getriebe des Welthandels und geringer Nachfrage „ebenfalls spürbar unter dem Stand des Winterquartals verbleiben“, erklärte die Notenbank.

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    Von der Bundesbank befragte Industriefirmen erwarten, dass die Produktionsverluste im zweiten Quartal zunehmen und zugleich der Höhepunkt der Lieferkettenprobleme erreicht wird. Danach dürfte sich die Lage langsam bessern. „Allerdings erwarten die Unternehmen selbst 2024 noch merkliche Produktionsverluste durch Lieferengpässe“, warnte die Bundesbank.

    Steigende Preise und Lieferprobleme machen laut Ifo auch dem Einzelhandel zu schaffen. „Inflationssorgen belasten den Handel“, sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe Reuters. „Es besteht die Sorge vor einer sinkenden Kauffreude der Verbraucher.“ Zudem drücke ein weiteres Problem: „80 Prozent der Händler bekommen nicht alle Produkte, die sie bestellt haben.“

    Viele Volkswirte trauen der Wirtschaft 2022 höchstens noch rund zwei Prozent Wachstum zu. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet sogar nur mit 1,0 bis 1,5 Prozent.

    Die wirtschaftlichen Folgen der anhaltenden Corona-Pandemie und steigende Preise für Energie und Lebensmittel befeuern derweil weltweit Armut und soziale Ungleichheit. Mehr als eine Viertelmilliarde Menschen seien gefährdet, 2022 in extreme Armut abzurutschen, heißt es in einem Bericht der Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam.

    Von

    dpa

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