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28.01.2022

10:00

Konjunktur

Deutschland auf dem Weg in die Rezession: Wirtschaft schrumpft um 0,7 Prozent

Von: Julian Olk

Angesichts hoher Infektionszahlen und Lieferengpässen geht die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal zurück. Die Hoffnung auf Besserung in 2022 wird erst einmal zerschlagen.

Der deutschen Wirtschaft droht die Rezession. dpa

Hafen in Hamburg

Der deutschen Wirtschaft droht die Rezession.

Berlin Die deutsche Konjunktur schwächelt wieder: Die Wirtschaftsleistung ist im vierten Quartal 2021 zurückgegangen, zeigen Zahlen, die das Statistische Bundesamt an diesem Freitag veröffentlicht hat. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte zwischen Oktober und Dezember um 0,7 Prozent. Zum Vergleich: Im Vorjahresquartal, als die Pandemie Deutschland noch einmal deutlich härter getroffen hatte, betrug das Plus 1,4 Prozent.

Damit ist die Bundesrepublik auf dem besten Weg in eine Rezession. Denn wenn das BIP zwei Quartale in Folge zurückgeht, sprechen Ökonominnen und Ökonomen von einer technischen Rezession. Torsten Schmidt, Konjunkturchef am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Essen (RWI), etwa erwartet, dass sich die konjunkturelle Abschwächung im ersten Quartal fortsetzen wird.

Zuletzt war die Wirtschaftsleistung im ersten Vierteljahr 2021 geschrumpft. Eine technische Rezession hatte es lediglich zu Beginn der Pandemie 2020 gegeben. Die Lage damals ist mit der heutigen aber nicht vergleichbar. Nach einem Minus von 1,8 Prozent im ersten Quartal brach das BIP mit zehn Prozent im zweiten Vierteljahr damals erheblich ein.

Die Pandemie, aber auch Lieferkettenprobleme belasten die deutsche Wirtschaft heute stark. Die hohen Infektionszahlen wirken sich deutlich auf die kontaktintensiven Dienstleister aus. So sanken etwa die Umsätze im Gastgewerbe bereits im November knapp zweistellig.

Unternehmensumfragen, Daten zu Restaurant-Reservierungen sowie Mobilitätsdaten deuten auf weitere Rückgänge hin. Simon Junker, Konjunkturexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), beobachtet: „Die derzeit enorm hohen Corona-Infektionszahlen bremsen die deutsche Wirtschaft aus.“

Dienstleister leiden unter Vorsicht der Menschen

Hinzu kommen die Lieferkettenprobleme. Ob Produzenten von Elektroartikeln, Möbeln, Kleidung oder Spielzeug: Ihnen allen mangelt es an Materialien, Rohstoffen und Vorprodukten.

Grafik

Doch die Lage hat sich zuletzt erst einmal verbessert. Der wichtige Ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Januar nach geraumer Zeit wieder. Gerade in der Industrie, die am meisten unter den Lieferengpässen leidet, machte der Index einen deutlichen Sprung.

Die Unternehmen waren zufriedener mit den laufenden Geschäften. Zudem nahm der Optimismus mit Blick auf die kommenden Monate zu. Die Situation bei den Lieferengpässen hat sich aus Sicht der Befragten etwas entspannt.

Doch das nächste Unheil steht offenbar bereits bevor: Die chinesischen Container-Häfen sind Dreh- und Angelpunkt für den internationalen Handel, sieben der zehn größten Häfen befinden sich in dem asiatischen Land. Mit seinen rigiden Eindämmungsmaßnahmen in der Coronapandemie hatte China schon mehrfach Chaos im internationalen Handel gestiftet.

In Anbetracht der besonders ansteckenden Virusvariante Omikron dürfte Peking seine Maßnahmen erneut verschärfen – was wiederum zu weiteren Verwerfungen führen dürfte. Erste Indizien für diese Entwicklung lieferte bereits der Kiel Trade Indicator, bei dem das Institut für Weltwirtschaft (IfW) regelmäßig globale Daten von Schiffsbewegungen auswertet.

Die jüngste Erhebung von vor wenigen Tagen trübt den Ausblick: Die Bewegungen der Schiffe vor den Häfen Chinas, die Waren in andere Länder bringen sollen, sind zuletzt mit einem Minus von 4,9 Prozent deutlich zurückgegangen.

Omikron sorgt für Blockaden in chinesischen Häfen

Auf dem Roten Meer – der wichtigsten Schiffs-Handelsroute zwischen Europa und Asien – sind gegenwärtig 15 Prozent weniger Waren unterwegs, als unter normalen Umständen zu erwarten wären. So groß war die Lücke zuletzt Mitte 2020, als die Pandemie erstmals zahlreiche Volkswirtschaften in den Lockdown zwang.

Zwar seien die Handelszahlen für Januar in den meisten Ländern gestiegen, konstatiert Vincent Stamer, der am IfW für den Kiel Trade Indicator verantwortlich ist: „Allerdings zeichnet sich ab, dass der Omikron-Ausbruch in China und die Eindämmungsversuche der chinesischen Regierung durch harte Lockdowns und Werksschließungen im Frühjahr negative Folgen für Europa haben dürften.“ Hinzu kommt, dass sich Lockdowns in China auch auf die deutschen Exporte auswirken werden.

Träfe Omikron Chinas Wirtschaft ähnlich schwer wie die Alpha-Variante gleich zu Pandemiebeginn, hätte dies enorme Folgen für die deutsche Konjunktur, wie eine Simulationsrechnung des Analyse- und Beratungsunternehmens Prognos zeigt. Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte darüber berichtet.

Demnach würde die Wachstumsprognose für 2022 von bislang rund vier Prozent auf nur noch 2,1 Prozent halbiert werden müssen. In absoluten Werten gingen der Bundesrepublik damit gut 60 Milliarden Euro an zusätzlicher Wirtschaftsleistung verloren.

Damit wächst die Unsicherheit, wann die schwächelnde deutsche Wirtschaft den Krisenmodus dauerhaft verlassen kann. Es steht ein zweigeteiltes Jahr bevor. Mit dem erwarteten Rückgang der Corona-Infektionszahlen im Frühjahr und einer allmählichen Auflösung der Lieferengpässe besteht die Hoffnung, dass es ab dem zweiten Quartal zum großen Aufschwung kommt.

Die Konjunkturprognosen der Bundesregierung sowie die der Forschungsinstitute gehen so letztendlich von einem Erreichen des Vorkrisenniveaus gegen Ende des Frühjahrs aus. Doch ob dem so sein wird, ist angesichts der aktuell unsicheren Lage weiter schwer vorherzusehen. Denn erst einmal kommt aller Voraussicht nach nicht der Aufschwung – sondern die Rezession.

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