Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

04.07.2022

16:35

Konjunktur

Deutschland mit erstem Defizit im Außenhandel seit 2008

Von: Julian Olk

Nach Jahrzehnten der Überschüsse hat Deutschland im Mai erstmals mehr importiert als exportiert. Ist das ein vorübergehendes Phänomen oder ein Paradigmenwechsel?

Die deutschen Exporteure rechnen in der zweiten Jahreshälfte nur mit relativ wenig Aufschwung. dpa

Hamburger Hafen

Die deutschen Exporteure rechnen in der zweiten Jahreshälfte nur mit relativ wenig Aufschwung.

Berlin Deutschlands Außenhandel hat eine historische Kehrtwende hingelegt. Im Mai haben die Importe den Wert der Exporte überstiegen, wie das Statistische Bundesamt anhand vorläufiger Zahlen am Montag bekannt gegeben hat. Waren und Dienstleistungen im Wert von 126,7 Milliarden Euro hat Deutschland aus dem Ausland gekauft.

Das war eine Milliarde Euro weniger, als im gleichen Zeitraum ans Ausland verkauft wurde. Das hat es in der Bundesrepublik seit langer Zeit nicht gegeben. Seit 14 Jahren überstiegen die Importe in keinem einzigen Monat die Exporte.

Die Statistiken von vor 2008 sind wegen einer Umstellung nicht vergleichbar, doch auch in diesem Zeitraum wird die Handelsbilanz die meiste Zeit positiv gewesen sein. Ist das nur ein kurzfristiger Effekt aufgrund des Ukrainekriegs, oder bekommt das Geschäftsmodell Deutschlands – die starke Exportwirtschaft – strukturelle Probleme?

Über Jahre stand Berlin aufgrund seines Handelsüberschusses international in der Kritik. Die EU-Kommission, der Internationale Währungsfonds und der frühere US-Präsident Donald Trump sahen in der starken deutschen Exportwirtschaft ein Problem.

Weil Deutschland mehr Güter produziert, als es konsumiert, würden mehr Menschen arbeiten als nötig. Das Ausland laufe in eine Schuldenfalle, weil Deutschlands viele Exporte dafür sorgen, dass die anderen Länder stets mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen.

Nur ein vorübergehender Effekt wegen der hohen Energiepreise?

Dass aus dem deutschen Handelsüberschuss nun ein Defizit wurde, zeichnete sich schon seit Jahresbeginn ab. „Bei steigenden Energiepreisen ist das kein Wunder“, sagt der Bonner Ökonom Moritz Schularick.

Grafik

Die Preisrally bei Öl und Gas dauert ebenfalls etwa ein halbes Jahr an. Nicht die Menge der mit dem Ausland gehandelten Güter hat sich also so stark verändert, sondern ihr Wert.

Deutschland musste für seine Importe einfach viel mehr Geld bezahlen als zuvor. So kommt es auch, dass die Importe aus Russland im Zeitraum Januar bis Mai um 55 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen sind.

Insgesamt sind die Importe nach Deutschland innerhalb eines Jahres um 26 Milliarden Euro gestiegen. Die Exporte fielen um 14 Milliarden Euro höher aus. Auch die weltweit gestörten Lieferketten infolge der Pandemie und des Ukrainekriegs beeinflussen die Handelsbilanz kurzfristig.

Viele Waren konnten in Deutschland aufgrund von fehlendem Material nicht produziert und exportiert werden, allen voran Autos. Die Lieferengpässe senken sowohl Importe als auch Exporte. „Der Effekt dämpft die Exporte aber stärker“, erklärt Holger Görg, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW).

Kommen etwa Stahl und anderes Material für ein Auto nicht in Deutschland an, fallen in der Statistik zwar Importe in dieser Höhe weg. Aber das nicht produzierte Auto, das nicht ins Ausland verkauft wird, wäre teurer als die Summe des Materials und dämpft die Exporte noch stärker.

Oder ist es der Beginn eines Paradigmenwechsels infolge einer neuen Weltordnung?

Auch wenn sich die Energiepreise normalisieren und Krieg sowie Pandemie an ihr Ende kommen, dürfte ein großer Handelsüberschuss in Deutschland wohl nicht zurückkehren, erwarten Experten. „Es gibt einen strukturellen Effekt“, sagt Görg. Er rechnet damit, dass sich Importe und Exporte auf Dauer grob die Waage halten.

Der Ausgleich der Handelsbilanz ist tatsächlich nicht nur auf den Anstieg der Importe, sondern auch auf den überraschenden Rückgang der Exporte zurückzuführen. Sie fielen im Mai um 0,5 Prozent.

Die Wirtschaft sieht schon das deutsche Geschäftsmodell in Gefahr. „Der Exportabschwung ist eingeläutet“, sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Mehr Freihandel sei „alternativlos“, ergänzte Außenhandelspräsident Dirk Jandura.

Besonders der Export der Autorbranche leidet unter den Lieferschwierigkeiten, weil Vorprodukte fehlen. dpa

Neuwagen

Besonders der Export der Autorbranche leidet unter den Lieferschwierigkeiten, weil Vorprodukte fehlen.

Bei den Firmen geht die Sorge vor einer sich zurückdrehenden Globalisierung um. Nach Russland droht China als Absatzmarkt wegzufallen. Deutschland bliebe abhängig von Importen, weil es kaum Rohstoffe hat, könnte aber immer weniger Waren woandershin verkaufen.

IfW-Präsident Görg sieht allerdings keine Deglobalisierung in der aktuellen Entwicklung, im Gegenteil: „Die deutsche Wirtschaft ist immer stärker international verflochten.“ Der strukturelle Effekt in der Handelsbilanz rühre daher, dass Deutschland immer mehr Waren aus dem Ausland braucht und sich deshalb die Importe den Exporten dauerhaft annähern dürften.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×