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28.07.2022

18:15

Konjunktur

„Die US-Wirtschaft wird sehr schnell schwächer“ – USA senden Rezessionssignale

Von: Astrid Dörner

PremiumDie amerikanische Wirtschaft wächst auch im zweiten Quartal nicht. Technisch ist das eine Rezession. Die Regierung vermeidet den Begriff aber – noch.

Offiziell wird eine Rezession durch das National Bureau of Economic Research ausgerufen. dpa

Wall Street

Offiziell wird eine Rezession durch das National Bureau of Economic Research ausgerufen.

Denver Die amerikanische Volkswirtschaft schwächelt weiter. Das Wirtschaftswachstum für das zweite Quartal ging um 0,9 Prozent zurück, wie aus der ersten Schätzung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) hervorgeht, die das US-Handelsministerium am Donnerstag veröffentlicht hat.

Das ist bereits das zweite Quartal in Folge, in dem das Wachstum zurückging. Nach einer technischen Definition ist damit eine Rezession eingetreten.

Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), hatte nach dem Zinsentscheid am Mittwoch jedoch betont, dass sich die USA noch nicht in einer Rezession befänden. Dafür sei der Arbeitsmarkt zu stark.

Offiziell wird eine Rezession durch das National Bureau of Economic Research ausgerufen. Diese Gruppe von Ökonomen schaut sich deutlich mehr Indikatoren an als nur das BIP-Wachstum. Sie definieren eine Rezession als „bedeutenden Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität, der sich über die Wirtschaft verteilt und mehr als ein paar Monate andauert“.

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    Unabhängig davon sei die Botschaft der Schätzung klar, betont Kapitalmarktexperte Mohamed El-Erian, der unter anderem die Allianz berät. „Wir sehen eine Wirtschaft, die sich viel schneller abschwächt, als viele gedacht hatten“, sagte er im Börsensender CNBC.

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    Die Fed hatte am Mittwoch den Leitzins erneut um einen Dreiviertelprozentpunkt angehoben. Damit liegt der Zins in der Spanne von 2,25 bis 2,5 Prozent. Powell hatte weitere Anhebungen in Aussicht gestellt, auch „eine weitere große Zinserhöhung“ bei der kommenden Sitzung sei denkbar. Dies war bereits die vierte Zinserhöhung in diesem Jahr.

    Aktienmärkte reagierten positiv auf die Zinserhöhung

    Die Inflation in den USA stieg dennoch weiter an – zuletzt auf 9,1 Prozent. Powell betonte, die Fed sei entschlossen, die Preissteigerungen zurück auf die Zielmarke von zwei Prozent zu bringen. Amerikas oberster Notenbanker wird schon seit Monaten für seine zu zögerliche Haltung im Kampf gegen die Inflation kritisiert.

    Um den künftigen Kurs der Notenbank ist eine intensive Diskussion entbrannt. Die Aktienmärkte hatten am Mittwoch überraschend positiv auf die Zinserhöhungen reagiert. Optimisten beriefen sich vor allem auf Powells Ankündigung, dass die Zinsen bis zum Ende des Jahres bei rund 3,5 Prozent liegen könnten – und damit etwas tiefer als viele erwartet hatten.

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    Der unabhängige Kapitalmarktberater Ed Yardeni zeigte sich optimistisch. Der Aktienindex S&P 500 liege nun knapp zehn Prozent über den Tiefstständen vom 16. Juni. Die Rally nach der Fed-Sitzung am Mittwoch sei darauf zurückzuführen, dass die Zinserhöhung weitgehend erwartet worden war. Powell gehe zudem weiter davon aus, dass die Fed die US-Wirtschaft abbremsen könnte, ohne eine Rezession zu verursachen.

    Yardeni sieht einen weiteren wichtigen Grund für die Stärke der amerikanischen Aktien- und Anleihemärkte: „Während der Rest der Welt außer Kontrolle gerät, werden die USA zu einem sicheren Hafen für Investoren.“

    Andere Marktbeobachter wie etwa Michael Schumacher, Zins-Stratege von Wells Fargo, warnen jedoch vor zu viel Zuversicht. Schließlich könne Powell gezwungen sein, die Zinsen noch viel weiter anzuheben, um die Inflation zu bekämpfen.

    Die Märkte gaben ihre anfänglichen Gewinne im frühen New Yorker Handel wieder ab. Sowohl der Leitindex Dow Jones sowie der breiter gefasste S&P 500 verloren rund 0,5 Prozent. Die technologielastige Nasdaq, die am Mittwoch noch der große Gewinner war, verlor rund 0,8 Prozent.

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    Auch die Kryptomärkte drehten nach einer starken Rally am Mittwoch leicht ins Minus. Ein Bitcoin fiel erneut unter die Marke von 23.000 Dollar. Die zweitgrößte Kryptowährung Ether kostete 1631 Dollar.

    Die Wirtschaft hatte zuletzt widersprüchliche Signale gesendet. So stiegen die Häuserpreise landesweit noch auf einen neuen Rekord. Doch die Nachfrage nach Hypothekenkrediten ist eingebrochen, Bau-Unternehmer müssen vermehrt Preisnachlässe geben, Häuser bleiben länger auf dem Markt, wie aus Daten des Brokers Redfin hervorgeht.

    Hohe Inflation macht den Amerikanern zu schaffen

    Die Arbeitslosenquote verharrte im Juni noch auf dem niedrigen Niveau von 3,6 Prozent, seitdem sind die Anträge auf Arbeitslosengeld jedoch gestiegen. Frische Daten zum Arbeitsmarkt werden Anfang August veröffentlicht.

    „Für die meisten Amerikaner fühlt sich das wie eine Rezession an, weil die Inflation ein großes Loch in ihren Geldbeutel gebrannt hat“, gibt Diane Swonk, Chefökonomin des Beratungskonzerns KPMG, zu bedenken. Der Häusermarkt sei ein Frühwarnsystem für die Wirtschaft – „und das Schlimmste steht uns noch bevor“.

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    Swonk, die auch die Federal Reserve berät, geht davon aus, dass sich die Stimmung auf dem Arbeitsmarkt deutlich verschlechtern muss, bevor die Inflation an Dynamik verliert. Sie rechnet damit, dass die Fed ihre Phase der Zinserhöhungen erst bei einer Arbeitslosenquote von sechs Prozent beenden wird. „Das wird schmerzhaft werden, aber die Fed hat keine andere Wahl“, glaubt sie.

    Neue Impulse für die Wirtschaft zeichnen sich indes aus Washington ab. Am Mittwoch gab es eine Einigung im Senat zu Investitionen im Gesundheits- und Energiebereich. So könnte nun ein 670 Milliarden Dollar schweres Paket verabschiedet werden.

    Ein Teil des Geldes soll zum Abbau der Schulden verwendet werden, was auch dem Kampf gegen die Inflation dient. Der Senat verabschiedete auch den sogenannten „Chips Akt“ – ein Gesetz, das Subventionen in Höhe von 52 Milliarden Dollar vorsieht, um die Produktion von Halbleitern in den USA zu fördern.

    Das soll die Vereinigten Staaten mittelfristig unabhängiger von Chips aus Asien machen und somit ebenfalls zur Preisstabilität beitragen, auch wenn es die Ausgaben erhöht und die ohnehin schon geringe Arbeitslosigkeit weiter dezimiert.

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