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14.11.2022

11:55

Konjunktur

EU-Kommission erwartet Rezession in gesamter Euro-Zone

Von: Carsten Volkery

Der Ukrainekrieg wird die Währungsunion laut Herbstprognose der EU-Kommission in die Rezession stürzen. Deutschlands Wirtschaft entwickelt sich demnach besonders schlecht.

Container in einem Terminal am Hamburger Hafen IMAGO/Chris Emil Janßen

Containerhafen

Für das Gesamtjahr 2023 erwartet die Kommission ein Wachstum von 0,3 Prozent für die Euro-Zone – nach 3,2 Prozent in diesem Jahr.

Brüssel Die EU-Kommission erwartet, dass die Euro-Zone im Winter in die Rezession rutschen wird. Laut der Herbstprognose der Behörde soll die Wirtschaft des Währungsraums im vierten Quartal 2022 und im ersten Quartal 2023 schrumpfen.

EU-Währungskommissar Paolo Gentiloni sagte bei der Vorstellung der Prognose am Freitag: „Die wirtschaftliche Lage hat sich deutlich verschlechtert.“ Die hohen Energiepreise und die sinkende Kaufkraft der Haushalte führten dazu, dass die Wirtschaftsleistung nun zwei Quartale zurückgehe. Zwei aufeinanderfolgende Quartale negativen Wachstums sind als Rezession definiert.

Ab Frühjahr soll die Euro-Zone wieder wachsen. Die Erholung werde jedoch gedämpft ausfallen, weil die Unsicherheit aufgrund des Ukrainekriegs hoch bleibe, sagte Gentiloni. Neben der sinkenden Kaufkraft der Haushalte gingen auch die Investitionen der Unternehmen zurück. Dies werde teilweise durch öffentliche Investitionen aus dem Corona-Wiederaufbaufonds kompensiert.

Konjunktur: EU-Kommission erwartet Rezession in gesamter Euro-Zone

Für das Gesamtjahr 2023 erwartet die Kommission ein Wachstum von 0,3 Prozent für die Euro-Zone – nach 3,2 Prozent in diesem Jahr. Deutschland landet dabei auf dem letzten Platz. Die deutsche Wirtschaft soll demnach im kommenden Jahr um 0,6 Prozent schrumpfen. Die ersten Plätze belegen die Slowakei mit 7,5 Prozent Wachstum, Griechenland mit 6,3 Prozent und Malta mit 4,0 Prozent.

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    Im Sommer hatte die EU-Kommission für die Euro-Zone noch ein Wachstum von 2,6 Prozent in diesem Jahr und 1,4 Prozent im kommenden Jahr erwartet. Für dieses Jahr korrigierte die Behörde ihre Erwartungen aufgrund des überraschend starken Tourismusbooms in Südeuropa noch nach oben.

    Nach einem starken ersten Halbjahr sei die Konjunktur nun jedoch in eine schwierigere Phase eingetreten, erklärte Gentiloni. Erstmals seit der russischen Invasion in die Ukraine warnt die Kommission vor einer Rezession im gesamten Währungsraum. Für Deutschland hatten der Internationale Währungsfonds und die Bundesregierung in ihren jüngsten Prognosen bereits eine Rezession im kommenden Jahr vorhergesagt.

    Definition: Was ist eine Rezession?

    Rezession im eigentlichen Sinn

    Im üblichen Konjunkturschema ist die Rezession der Abschwung nach einem wirtschaftlichen Boom. Das Schema zeigt jetzt aber eigentlich einen Aufschwung an, nachdem die meisten Folgen der Coronapandemie vorüber sein sollten. IfW-Vizepräsident Stefan Kooths hält Rezession daher aktuell nicht für den passenden Begriff: „Es bestehen weiterhin wichtige Auftriebskräfte, die für einen fortgesetzten Aufschwung sprechen.“

    Technische Rezession: Wirtschaftswachstum

    Eine populäre technische Definition der Rezession ist hingegen, dass eine Volkswirtschaft zwei aufeinanderfolgende Quartale mit schrumpfender Wirtschaftsleistung vorweist. Daran ist Deutschland aktuell noch knapp vorbeigeschlittert. Im vierten Quartal 2021 hatten die Auswirkungen der Pandemie für ein Minus von 0,3 Prozent gesorgt, im ersten Vierteljahr 2023 stand dann ein leichtes Plus von 0,2 Prozent.

    Technische Rezession: Wirtschaftsauslastung

    Die führenden Institute definieren eine Rezession etwas komplizierter: Sie stellen die Frage, wie hoch die Wirtschaftsleistung in Deutschland im Optimalfall wäre, wenn also alle Arbeiter und Maschinen genau wie vorgesehen genutzt würden. Das ist das sogenannte Produktionspotenzial. Ist die Wirtschaft wie aktuell in der Krise, produziert sie weniger, als sie laut Potenzial eigentlich könnte. Steigt diese Unterauslastung zwei Quartale in Folge an, sprechen die Institute von einer technischen Rezession.

    Eine solche hat schon ein Dreivierteljahr lang vorgelegen, vom dritten Quartal 2021 bis zum ersten Quartal 2022. Laut den Institutsprognosen nimmt die Unterauslastung seitdem aber wieder ab, ab 2023 soll sich Deutschland dann sogar in einer Überauslastung wiederfinden.

    Der Prognose liegen laut Gentiloni drei Annahmen zugrunde: 1. Die geopolitischen Spannungen werden bis Ende 2024 weder nachlassen noch zunehmen. 2. Die EU kann einen größeren Gasmangel vermeiden. 3. Die Notenbanken setzen ihre Zinserhöhungen fort.

    Inflation soll 2024 deutlich fallen

    Die Inflation soll auch im kommenden Jahr hoch bleiben, bevor sie 2024 deutlich zurückgeht. Die Teuerungsrate in der Euro-Zone soll dieses Jahr im Schnitt bei 8,5 Prozent liegen und im kommenden Jahr auf 6,1 Prozent fallen. 2024 rechnet die Kommission mit einer Inflation von 2,6 Prozent. Dies wäre bereits nah am langfristigen Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent.

    Der Prognose liegen laut Gentiloni drei Annahmen zugrunde. Reuters

    Paolo Gentiloni

    Der Prognose liegen laut Gentiloni drei Annahmen zugrunde.

    In Deutschland soll die Inflation in diesem Jahr 8,8 Prozent und im kommenden Jahr 7,5 Prozent betragen. 2024 soll sie der Prognose zufolge auf 2,9 Prozent fallen. „Der Höhepunkt der Inflation ist nah, wahrscheinlich am Jahresende“, sagte Gentiloni. Die Kommission sehe bisher nicht, dass die höheren Preise auch die Löhne nach oben treiben würden.

    Es gebe allerdings Abwärtsrisiken. Die größte Gefahr drohe vom Gasmarkt, nicht in diesem Winter, aber im kommenden Winter. Wenn es nicht gelinge, angesichts des russischen Lieferstopps die europäischen Gasspeicher im kommenden Jahr ausreichend zu füllen, könnten die Energiepreise wieder steigen und die Inflation auch 2024 deutlich höher ausfallen als erwartet.   

    Erstpublikation: 11.11.22, 11:00 Uhr (aktualisiert am 11.11.22, 12:05 Uhr).

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